Computersicherheit High Security in Sandwich
Mehr Sicherheit ist eigentlich nicht vorstellbar. Der weitläufige Hügel, auf dem friedlich Schafe grasen, ist mit hohen, von Stacheldrahtrollen gekrönten Elektro-Zäunen abgesperrt. Den unscheinbaren Eingang zum Bunker schirmt eine tonnenschwere Stahltür ab, hinter der ein Wachmann in einer mit kugelsicheren Glas geschützten Kabine sitzt.
Wen dieser Gralshüter in das mit drei Meter dickem Stahlbeton umgebene unterirdische Labyrinth einlässt, kommt nicht so schnell aus dem Staunen heraus. Eine Schleuse gegen radioaktive Strahlung, gigantische Notstromaggregate und Belüftungsanlagen bergen die Katakomben unweit von Sandwich an der englischen Südküste.
Als Ben Laurie, 41, im Sommer vor drei Jahren zum ersten Mal durch den Bunker streifte, konnte sich der Londoner Programmierer und Kryptografie-Experte nicht des Eindrucks entziehen, dass er in einen Science-Fiction-Film über den Dritten Weltkrieg geraten sei. Und dies war eine durchaus reale Phantasie, denn während der langen Jahre des Kalten Krieges hatten hier in der Grafschaft Kent Experten der Royal Air Force die Radarbeobachtungen der Nato ausgewertet und rund um die Uhr gegen Attacken aus der Sowjetunion gewacht.
Wer Kreditkarten-Daten stehlen will...
Als jedoch das Reich des Bösen implodierte, beschloss das britische Verteidigungsministerium eines ihrer insgesamt vier atomsicheren Kontrollzentren dieser Art zu demontieren und den Bunker bei Sandwich zu verkaufen. Ben Laurie, der zusammen mit seinem jüngeren Brüder Adam und ihrem Freund Dominic Hawken die Firma A. L. Digital eignet und betreibt, boten ein paar hunderttausend Pfund für das rare Bauwerk und erhielten zu ihrer Überraschung den Zuschlag.
"Digitale Sicherheit ist eine Sache", sagt Laurie, "physische Sicherheit eine andere." Ende 1999 war der Bunker so weit wieder instandgesetzt, dass das eigentliche Projekt an den Start gehen konnte. Seitdem bietet A. L. Digital sicherheitsbewussten Betreibern von Websites an, ihre Server in den Katakomben zu installieren.
..kann das "hackend" versuchen...
Mittlerweile haben mehr als 400 Kunden, darunter der kalifornische Hardwarehersteller Sun oder UK Cellnet, die Mobiltelefon-Tochter von British Telecom, Rechner im Bunker laufen. In noch einmal eigens abgesicherten Räumen, zu denen nur ausgewählte Mitarbeiter von A. L. Digital Zugang haben, surren und blinken die Computer. Wer größere Batterien von Rechnern betreiben will, kann auch einen eigenen Raum im Allerheiligsten des Atombunkers mieten.
...oder er klaut den Rechner
"Definitiv nein" antwortet Laurie auf die Frage, ob das Angebot auf Paranoiker zugeschnitten sei. Immerhin wurde Visa bereits in den USA ein Server geklaut, auf dem Hunderttausende von Kreditkartennummern lagerten. Größere Firmen können sich gegen solch folgenschweren Diebstahl vielleicht absichern, nicht aber Steuerberater oder kleinere Finanzfirmen, die vertrauliche Daten verwalten. Zudem bietet der Bunker Schutz vor Natur- und anderen Katastrophen.
Laurie, der vor knapp 30 Jahren, im Alter von 12, der Computerei verfiel und in Cambridge Mathematik studierte, ist nicht nur Bunkerbesitzer, sondern auch eine einschlägige Figur in der globalen Open-Source- und Kryptografie-Szene. Jahrelang arbeitete er zusammen mit anderen Enthusiasten an dem Serverprogramm Apache.
Schließlich ist er ein passionierter Anhänger freier Software und überzeugter Microsoft-Gegner. Als eingefleischter Homo technicus hat er sich für die geschäftliche Seite seiner Projekte nie sonderlich interessiert, obgleich die Firma mittlerweile knapp 50 feste Mitarbeiter hat und vergangenes Jahr einen Umsatz von über 50 Millionen Mark machte.
"Wir haben bislang keinen einzige Penny für Public Relation ausgegeben", erzählt er amüsiert. Es gibt zwar eine Website, doch bisher gerieten die Kunden vor allem dank Mundpropaganda in den Bunker.
Laurie rechnet damit, dass der Bunker als gigantischer Computer-Safe ein wichtiges Pilotprojekt des digitalen Zeitalters ist. "Anfangs ging es allen nur darum, dass die Website läuft", meint er, "doch mittlerweile ist das Bewusstsein für Sicherheit enorm gewachsen."
Zumindest der Standort Sandwich scheint für zukunftsweisende Einfälle nicht der schlechteste zu sein. Immerhin kommt aus dem verschlafenen Ort ein Erfinder, dessen Innovation einen weltweiten Siegeszug hinter sich hat. Im 18. Jahrhundert suchte der 4. Earl von Sandwich nach einer Möglichkeit, seinen Hunger zu stillen, ohne dafür seinen heißgeliebten Spieltisch zu verlassen und die Karten aus der Hand legen zu müssen.
Der Mann erfand die höchst praktische Klappstulle - alias Sandwich.