Consumer Electronics Show: Branche entdeckt die Realität - DER SPIEGEL
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Consumer Electronics Show Branche entdeckt die Realität

Auf der Messe CES ging es in den vergangenen Jahren oft um kühne Visionen und Technik, die kein Käufer je zu Gesicht bekam. In diesem Jahr zeigen Aussteller mehr existierende Produkte als zuvor. Auf den Fluren wird der Umbruch der Branche diskutiert.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Silvesterkater ist kaum verdaut, da festet die Computer- und Unterhaltungsindustrie schon wieder auf Hochtouren. 150.000 Szenevertreter treffen sich diese Woche zum allfrühjährlichen Schaulaufen, der Consumer Electronics Show (CES) in der Zockerkapitale Las Vegas. So groß und imposant wie in diesem Jahr war der Megaevent noch nie. 2500 Firmen ringen auf 160.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Las Vegas Convention Center um Aufmerksamkeit; nicht zuletzt vor allem auch um die der über 4000 Medienvertreter und Analysten aus aller Welt.

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Rückblick CES 2006: High-Tech vom Feinsten

Foto: REUTERS

So martialisch das klingen mag, die CES-Tage sind seit jeher mediale Großkampftage. Doch heuer gibt es derart viele Produktneuheiten, Pressekonferenzen, Dinner-Partys oder Firmenpräsentationen und -einladungen, dass es dauerklimatisierten Hallen und Hotel-Säalen zum Trotz schwer fällt, in der Wüstenmetropole kühlen Kopf zu bewahren.

Pentax etwa zeigt neue Mini-Digi-Kameras (Optio A10) mit acht Megapixel Maxi-Auflösung samt Anti-Verwacklungstechnologie ("Shake Reduction") zum Minipreis. Panasonic kündigt an, gemeinsam mit dem VoIP-Anbieter Vonage ein Breitband-Funktelefonnetz auf 5.8 GHz aufzubauen um die Web-Telefonie weiter zu forcieren. Handheld-Spezialist Palm präsentiert mit dem Treo 700w den ersten Windows-basierten Minicomputer.

Flashspeicher statt Festplatte

Skype demonstriert ein Wifi-basiertes Telefongerät, das kostenlose Skype-Gespräche ermöglicht, ohne dass man dafür vor einem Rechner sitzen muss. HP präsentiert eine neue Digi-Cam-Generation, HDTV-Fernseher samt Internet-Filmdienst. Die Hersteller von Flash-Speichermodulen kündigen eine Großoffensive an; künftig sollen Laptops nicht mehr mit Festplatten sondern Flash-basierten Hochleistungsspeicherzwergen bestückt werden.

Die Liste viel versprechender CES-Highlights ließe sich beliebig fortsetzen. Und das Gros der hier erstmals gezeigten Produkte dürfte den Sprung in die Ladenregale wohl tatsächlich schaffen.

Dennoch ist das Tech-Gadget-Fest diesmal ein wenig anders, was auch Analysten bestätigen: Erstmals würde sich die Branche "nicht nur an Visionen orientieren, sondern an existierenden Produkten", sagt etwa Tim Bajarin, Präsident von Creative Strategies in Campbell. "Neue Generationen bereits verfügbarer Technologien stehen in diesem Jahr im Zentrum der Show", bestätigt Sean Wargo von der Consumer Electronics Association (CEA), die die Messe veranstaltet.

Eindrucksvollstes Zeichen dessen dürften die immer gigantischer werdenden Flachbildschirme auf den überfüllten CES-Showkorridoren sein. Außerdem stehe Bajarin zufolge erstmals der "vernetzte Konsument" im Vordergrund und nicht mehr nur Technologien, die dazu dienen, die Wohnstuben zu vernetzen.

Stühlerücken bei den Branchenriesen

Aber auch das Rahmenprogramm dokumentiert neue Zeichen der Zeit in Las Vegas. Seit Jahren kollidieren hier die Schwergewichte der Unterhaltungselektronik- und IT-Industrie. Auf der einen Seite Konzerne wie Sony, Panasonic, Philips oder Samsung, auf der anderen Microsoft, Intel, HP oder Dell, die um die Vorherrschaft in der weltweit jährlich 108 Milliarden Dollar schweren und rasant weiter wachsenden Branche rangeln.

Erstmals räumt das bedeutendste Szenetreffen der Welt auch zwei florierenden Internet-Unternehmen prominenten Platz ein: Google und Yahoo, deren Chefs beziehungsweise Gründer sich auf der CES in eine lange Liste hochkarätiger Keynote-Redner einreihen dürfen.

Das Signal ist deutlich: Das Geschäft der Zukunft teilt sich schlicht unter wesentlich mehr Playern auf als lange Zeit angenommen. Nicht mehr nur gilt es auszuloten, ob nun der vernetzte Fernseher (sprich unter Vorherrschaft der Sonys, Samsungs und Konsorten) oder doch eher der fernsehtauliche Computer (sprich unter Federführung der "Wintel"-Fraktion) die Schaltzentrale des rundumvernetzten E-Haushalts von morgen sein wird und wer die seit Jahren gepriesene Vison des "Digital Lifestyles" wird vergolden können.

Nicht da und omnipräsent: Apple

Vielmehr geht es nun auch darum, welche Rolle die Internet-Riesen hierbei spielen und in welche Bereiche diese Unternehmen vorstoßen. Man denke hierbei zunächst etwa an Googles jüngste Beteiligung am Medienkonglomerat AOL; zudem nährten die Spekulationen der letzten Tage um den Google-Computer beziehungsweise einen Google-Browser auf Opera-Basis am Rande der CES interessante Denkanstöße, wie die Welt der Hightech- und Spaß-Wirtschaft bald aussehen könnte.

Keine Frage, Google dominiert die immer bedeutender werdende Web-Suche, Yahoo hat eine dominante Position im Content-Geschäft. Außerdem wäre da ja auch noch die Innovationsschmiede mit dem Apfellogo, die mit dem iPod den Markt der mobilen Unterhaltung fest im Griff hat - und vielleicht schon kommende Woche auf der Apple-Hausmesse Macworld eine eigene Unterhaltungscomputer-Variante und damit einen potenziellen Rivalen zum langsam aber sicher populärer werdenden Media-Center-PC präsentieren könnte.

Apple fehlt traditionell auf der CES, der Geist von Firmengründer Steve Jobs ist nichtsdestotrotz omnipräsent. Nicht nur in den Ausstellungshallen, wo dutzende Zubehörfirmen Accessoires rund um den iPod zur Schau stellen, sondern insbesondere auch in den Köpfen des CES-(Fach-)Publikums.

"In der Branche ist derzeit so viel Bewegung"

"Die Karten in der Szene sind im letzten Jahr neu gemischt worden", sagt Analyst Roger Kay von Endpoint Technologies Associates. "Die Internet-Riesen und zudem Apple sitzen jetzt mit am Tisch und beeinflussen entscheidend mit, wie sich die Computer- und Unterhaltungselektronikbranche weiterentwickeln wird." Nun fehlen laut Kay nur noch ausgeklügeltere digitale Copyright-Systeme (DRM), damit sich auch die Unterhaltungs- und Contentindustrie stärker in Richtung digitaler Medien und Unterhaltung engagiert.

"In der Branche ist derzeit so viel Bewegung drin wie nie zuvor", so der Analyst. Man darf entsprechend gespannt sein, wer im kommenden Jahr alles als Keynote-Redner auf die CES eingeladen wird.