Content gegen Cash Und es geht doch
Das sind doch Zahlen: Eine Steigerung des Gesamtumsatzes um 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr, 375.000 Abonnenten, zuletzt Quartalseinnahmen von 10,8 Millionen Dollar nur aus Online-Abo-Gebühren und - gegen alle Trends - eine Steigerung der Zahl der Neuabonnenten um 100 Prozent im letzten Quartal 1999. Da trommelt Dow Jones , Mutterhaus des "Wall Street Journal", doch gern - und erntet prompt Schlagzeilen: "Online-Abos erreichen Rekordhöhe" meldete die Nachrichtenagentur Reuters.
Tatsächlich ist "Wall Street Journal Interactive" , kurz "WSJ.com", die erfolgreichste Online-Abo-Site im Internet. Was nicht heißt, dass WSJ.com bereits Profite verbucht: Darüber wird kein Wort verloren, auch die laufenden Kosten der Website sind nicht bekannt. Billig ist der Spaß mit Sicherheit nicht: Die Zuwächse der Website sind zum einen die Frucht eines Investments in ein hoch aktuelles und äußerst umfangreiches Informationsangebot, zum anderen einer massiven Marketing-Kampagne geschuldet.
Seit Monaten investiert "Wall Street Journal Interactive" in Werbung: Direkt-Mailings, E-Mail-Werbeaussendungen und der Verkauf von Online-Abos über Amazon.com waren erst der Anfang. Im September und Oktober testete WSJ.com den Verkauf von Abos über den Einzelhandel: Die Website löste sich damit als eigenständiges, "stoffliches" Produkt vom Mutterblatt. Das "Wall Street Journal" liegt im Zeitschriftenhandel, die "Interactive"-CD-Rom in den Auslagen der Einzelhandelskette Staples. Die ist - nach eigenen Aussagen - die weltweit größte Verkaufskette für Büromaterialien: Von Verbrauchsmaterialien über Möbel bis zu Bürotechnologie reicht das Angebot.
Nun gehört zur Warenpalette auch das virtuelle Abo: Der Modellversuch verlief so erfolgreich, dass WSJ.com die Abo-CDs seit Ende November in 800 von weltweit insgesamt 1000 Staples-Filialen anbietet. Das Abo kommt in zwei Versionen: als Monatsabo für 4,95 Dollar, und als 13-Monate-Abo für 49 Dollar. Tom Baker, stellvertretender Chef der Interactive-Edition des "Wall Street Journal", hofft, über den Ladenverkauf völlig neue Leserschichten zu erreichen.
Anscheinend mit Erfolg, und der macht bekanntlich sexy: Das Mutterhaus Dow Jones beschloss nach Bekanntwerden der letzten Quartalsergebnisse kurzerhand, die Investitionen in die Werbung für WSJ.com noch zu erhöhen. So wird man WSJ.com-Werbung nun in den Werbepausen des Super Bowl am Sonntag sehen. Teurer geht's nicht - aber effektiver auch nicht: Superbowl-Werbespots erreichen in Amerika mehr Zuschauer als jede andere Werbeform. Schätzungen zufolge werden in diesem Jahr über 30 Prozent der Millionen Dollar teuren Werbe-Insertionen für "dot.com"-Firmen werben.
Frank Patalong