Cyber-Cyrano: Liebesbriefe gegen Zahlung - DER SPIEGEL
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Cyber-Cyrano Liebesbriefe gegen Zahlung

Jörg Voigtmann und Thomas Neuß ernähren sich von zwei Dingen: Von der Liebe anderer Leute - und deren Defiziten, diese überzeugend zu Papier zu bringen. Im Web betreiben sie einen besonderen Service: Liebesbriefe auf Bestellung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Silvia hatte sich für ihren "Loverboy" zum Valentinstag etwas ganz Besonderes ausgedacht: Ihr langjähriger Freund bekam einen individuellen, romantisch-erotischen Liebesbrief geschenkt. Allerdings hat sie diesen nicht selbst geschrieben, sondern den Auftrag dafür im Internet an einen Profi weitergereicht. Dafür musste sie einige Angaben zu ihrem Liebsten preisgeben - beispielsweise seine Vorliebe für Tanz, Essen und die gemeinsamen Skiurlaube. Schon drei Tage später konnte sie ihrem Angebeteten die innigen Zeilen als eigene Liebesgabe andienen.

Seit Herbst vergangenen Jahres bieten die Leipziger Jörg Voigtmann und Thomas Neuß unter der Adresse www.romantische-briefe.de  diesen Service in Herzensangelegenheiten an und haben damit zunehmend Erfolg. "Das beweist, dass eine Sehnsucht nach Romantik da ist", meint Voigtmann, der kreative und schreibende Teil des Duos. Neuß ist fürs Management und das Organisatorische zuständig.

Inzwischen rufen jeden Monat 42.000 Neugierige die Website mit den Angeboten der Briefeschreiber ab. Dazu gehören Liebes- und Entschuldigungsschreiben genauso wie romantische Grüße. "Zu unserer Überraschung finden Entschuldigungen die größte Resonanz", sagt Neuß. Etwa 70 Prozent ihrer Kunden haben das Bedürfnis, ihren Partner oder die Partnerin mit professionell formulierten Zeilen um Verzeihung zu bitten.

Da war beispielsweise Andreas, der seine Freundin mit seiner Eifersucht so sehr nervte, dass sie das Weite suchte. Mit einem reuigen, romantischen Entschuldigungsbrief hoffte er, seine "Prinzessin" umzustimmen. "Wenn ich etwas schreibe, stelle ich mir vor, wie die betroffene Person den Brief mehrmals liest", erzählt der leidenschaftliche Romantiker Voigtmann.

Werdegang: Voigtmann lernte Liebesbrief-Schreiben beim Bund Sein besonderes Talent entdecke der 33-Jährige mehr durch Zufall, als er zwei Monate vor seiner Einberufung zur Armee als damals 18-Jähriger seine Traumfrau kennen lernte. Er schrieb ihr Liebesbriefe, die sie zunächst gar nicht begeisterten. Im Laufe der Zeit wuchs er jedoch über sich hinaus und führte sie mit seinen Briefen in ungeahnte, neue Welten.

"Hinzu kam noch, dass zu dieser Zeit in Robert Lembkes Sendung 'Was bin ich?' ein Liebesbriefeschreiber zu erraten war. Der hat mich sehr fasziniert", erinnert sich Voigtmann. "Ich dachte, das kannst du auch." Von da brachte er regelmäßig seine romantischen Gedanken zu Papier - einfach nur für sich oder für seine Freunde - bis ihm und seinem Freund im Sommer vergangenen Jahres die Idee des neuen Internetangebotes kam.

Zuvor war der Versuch einer Annonce in einer kostenlosen Zeitung: "Ich schreibe Ihre Liebesbriefe" fehlgeschlagen. Im World Wide Web dagegen war die Resonanz auch ohne Werbung beachtlich. "Das Thema ist interessant für viele", meint Neuß. Inzwischen hat sein Freund bereits mehrere hundert Briefe geschrieben.

"Das ist für mich eine Möglichkeit, mein Hobby auszuleben", sagt der geborene Romantiker, der jeden Brief bei einem Glas Rotwein und Kerzenschein individuell formuliert. Von automatisch erstellten Schreiben dieser Art hält er nichts.

Die meisten Kunden sind Männer, die ihre Liebste mit einem außergewöhnlichen Geschenk beglücken wollen. Der Service ist erschwinglich: Er kostet bei Bezahlung auf Vorkasse und Ordern per E-Mail 39,90 Mark und per Nachnahme 49,90 Mark. Ob die Besteller die Zeilen komplett übernehmen und als ihre verkaufen oder etwas ändern, bleibt ihnen überlassen.

Susann Huster