Cyberattacke Botnet-Angriff war möglicherweise ein Ablenkungsmanöver
Die Angreifer wollten nicht einfach nur Regierungs-Web-Seiten lahmlegen. Offenbar nutzen sie ihr Zombie-Netzwerk auch, um Daten zu sammeln. Das legen Erkenntnisse nahe, welche die Polizei im südkoreanischen Seoul am Dienstag bekanntgab. Demnach spähte die eingeschleuste Software auch den Datenbestand der Wirtsrechner aus.
Proteste in Südkorea: Weiterhin wird Nordkorea hinter den Cyberattacken vermutet - Beweise gibt es nicht
Foto: Lee Jin-man / APMehrere zehntausend Rechner sollen dem Botnet angehören, das für die Angriffe verwendet wurde. Mit Hilfe einer auf die Computer eingeschleusten Schadsoftware wurden die Rechner von außen steuerbar. Auf einen Fernsteuerungsbefehl hin führten sie, meist unbemerkt von ihren Nutzern, seit Anfang Juli Angriffe gegen Regierungs-Web-Seiten in den USA und Südkorea aus. Mit einer Vielzahl gleichzeitiger Anfragen sollten die Server, auf denen die Seiten liegen ausgebremst oder gleich ganz überlastet werden - ein Distributed-Denial-of-Service-Angriff (DDoS).
Aufgrund der attackierten Ziele fiel der Verdacht sofort auf Nordkorea. Das kommunistische Nachbarland Südkoreas wurde beschuldigt, die Angriffe befohlen und ausgeführt zu haben. Berichte über eine 100 Mann starke Cyberwar-Einheit der Nordkoreaner machten erneut die Runde. Bewiesen werden konnten diese Anschuldigungen nicht.
Wollten die Hacker nur Computer ausspähen?
Jetzt zeigt sich, dass die Zweifler möglicherweise Recht behalten könnten, die hinter den Aufsehen erregenden Angriffen nur ein Ablenkungsmanöver vermuteten. Denn bei der Untersuchung von rund zwei Dutzend Computern, die von der Schadsoftware befallen waren und dem Botnet angehörten, zeigte sich, dass die Rechner offenbar ausgespäht wurden. Der mit den Untersuchungen betraute Polizist An Chan-soo berichtet, die Software habe Listen der auf den Rechnern gespeicherten Dateien angelegt.
"Es ist, als ob die Hacker einen Blick in die Computer werfen wollten", erklärt Chan-soo. Die Motive für die Ausspähaktion sind den Ermittlern allerdings schleierhaft. Nach derzeitigem Erkenntnisstand wurden die Dateilisten der kompromittierten Computer an insgesamt 416 Computer geschickt, die als Sammelstellen dienten. Auf insgesamt zwölf Rechnern konnten solche Sammellisten sichergestellt werden. Ob die Betreiber des Botnets die Listen bereits abgerufen haben und wenn, zu welchem Zweck, ist vorerst unklar.
Schad- und Spähsoftware
Sicher sind sich die Beamten nur, dass tatsächlich nur Dateilisten der Wirtscomputer angefertigt wurden. Demnach seien weder die Inhalte von Dateien ausgespäht noch vergleichbare Aktionen auf den angegriffenen Web-Seiten durchgeführt worden. Die Datenbestände der jeweiligen Regierungsserver blieben demnach unberührt.
Ohnehin habe es seit Donnerstag vergangener Woche keine nennenswerten Angriffe mehr gegeben. Auch die Vermutung, nordkoreanische Militärs könnten hinter dem Botnet stecken, ließ sich bislang nicht beweisen. Der südkoreanische Geheimdienst bleibt dennoch bei seiner Vermutung, das Nachbarland könne hinter den Attacken stecken. Dafür gebe es "verschiedene Indizien" aber eben noch keine stichhaltigen Beweise.