Cybersex: Die Branche frisst sich selbst - DER SPIEGEL
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Cybersex Die Branche frisst sich selbst

Das Online-Sex-Business gilt seit Jahren als die profitabelste Branche im Netz. Cyberporno-Firmen setzen jedes Jahr Milliarden um. Mittlerweile leidet das "Adult Entertainment" jedoch unter rückläufigen Umsätzen - übermäßiger Gratis-Content kannibalisiert die heimliche Boomindustrie.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wir sind doch die Einzigen im Internet-Business, die wirklich profitabel sind", erklärte Jonathan Silverstein vergangenen Sommer noch voller Selbstbewusstsein auf dem "Entertainment Expo"-Branchentreffen in Las Vegas. Der Präsident von Cybererotica hat damit deutlich ausgesprochen, was längst als offenes Geheimnis gilt: Sex sells im Onlinegeschäft wie keine andere Ware - auch wenn das in der Internetbranche kaum jemand zugeben, geschweige denn wahrhaben will.

Solide Zahlen zum Web-Sex-Biz sind äußerst rar. Groben Schätzungen zufolge liegen die Umsätze jedoch bei über einer Milliarde US-Dollar. Die Erotik-Branche meidet in der Regel Mainstream-Medien, und auch Marktforschungsunternehmen wie Forrester Research oder DataMonitor erstellen schon seit Jahren keine Studien mehr zum Web-Porn-Genre.

An allen Ecken des Netzes lauern virtuelle Tabel-Dance-Bars, erotische Chatangebote oder Cyberstriplokale auf Surfkundschaft. Netratings und Jupiter Media Metrix gehen davon aus, dass mindestens jeder vierte Internetnutzer regelmäßig Sexangebote ansteuert. Doch derzeit klagt auch das erfolgsverwöhnte Boom-Business über rückläufige Umsätze. Branchenriesen wie Brad Gosses Adult Money Maker verzeichnen etwa längst keine Zuwachsrekorde mehr. Noch vor Monaten abonnierte jeder hundertste Besucher auf Gosses Sites einen gebührenpflichtigen Premium-Sex-Dienst. Inzwischen liegt die Quote bei jedem Vierhundertsten.

Hauptgrund für das abflauende Geschäft: die Massen von Gratisangeboten. "Inzwischen kursieren Tausende kostenloser Sexsites im Internet", klagt Cyberporn-Unternehmerin Danni Ashe. "Die Surfer werden völlig zugeschüttet mit Gratismaterial. Zudem gehen an jeder Ecke Pop-up-Fenster auf, oder Werbebanner verwirren potenzielle Kunden."

Ashe zählt zu den Pionieren der Internet-Sex-Szene. Bereits 1995 startete die Stripperin aus Seattle eine eigene Website. Mittlerweile setzt sie mit Danni's Hard Drive im Jahr mehr als sechs Millionen US-Dollar um und beschäftigt 42 Mitarbeiter. Nach wie vor posiert die kurvenreiche CEO auch selbst als Model in eigenproduzierten Softcore-Streifen oder Foto-Shootings für die Site. "In diesem Jahr wollten wir eigentlich mehr als acht Millionen erreichen", sagt Ashe. Doch derzeit geht es ihr kaum besser als den Kollegen, das Geschäft ist bislang deutlich rückläufig.

Kostenfreie Angebote kannibalisieren den Web-Sex-Markt

Seit Jahren ist es im Web-Sex-Biz üblich, dass Heerscharen von Gratissites Surfer mit digitalen Appetithäppchen zu Abo-Angeboten locken. "Nun kannibalisiert sich die Branche allerdings selbst", sagt John Distacio, Betreiber von Cyberfoxes.com. "Unglaublich, was gerade mit den Free-Sites passiert. Die Surfer klicken sich von einem kostenlosen Angebot zum anderen, und die Pay-Sites gehen leer aus." Jahrelang hat dieses "Partnerprinzip" den Betreibern Millionen in die Kassen gespült. Webmaster unabhängiger Sex-Sites, die den Lockvogel für die Premiumseiten spielen, verdienten ebenfalls kräftig mit.

Inzwischen kürzen immer mehr große Anbieter ihre Provisionen für die "Locksites". Silversteins Cybererotica, neben Danni's Hard Drive einer der Marktführer, hatte vergangenen Monat etwa seine Vermittlungsgebühr um zehn Prozent runtergesetzt. "Die Kürzungen erfolgen, um das Unternehmen den veränderten Marktbedingungen besser anpassen zu können", lautete die offizielle Begründung. In der Porno-Hochburg Los Angeles munkeln Insider längst, dass zahlreiche kleinere Sitebetreiber in den nächsten Monaten aufgeben müssen. "Der Markt ist einfach total übersättigt", ist sich auch Distacio sicher. "Wer heute noch ins Web-Sex-Business einsteigt, der kann nur Pleite gehen."

Zunehmend macht der Cyberporno-Industrie auch raubkopierter und an anderen Stellen wieder ins Netz gestellter Sex-Content zu schaffen. Ashe beschäftigt in ihrem Team hierfür eigens einen Anwalt: "Pro Tag verschicken wir mindestens zwei bis drei Abmahnungen an Websitebetreiber, die illegal unser Material online stellen", sagt die 33-jährige Websex-Ikone.

Aber auch die deutlich abflauende US-Wirtschaft bekommen die Cybererotiker zu spüren. "Das Geld sitzt bei weitem nicht mehr so locker wie noch vor Monaten", klagt Distacico. Sein Webdienst - "gehobenes Adult-Entertainment, keine Schmuddelseite", wie er selbst sagt - schlägt mit 29,95 US-Dollar monatlich zu Buche. Auch wenn viele Konkurrenten teurer sind, scheint dieser Betrag mittlerweile viele Surfer abzuschrecken: Seit Monaten verzeichnet die Web-Company aus Florida Abo-Stornierungen.

Infoportale liebäugeln mit Web-Sex

Der ersten kleinen Cybersexkrise zum Trotz versuchen immer mehr konventionelle Internetunternehmen mit "Adult Channels" oder dem Vertrieb von Sexartikeln am Boomgeschäft zu partizipieren. Jüngstes und viel zitiertes Beispiel: Yahoo!. Dabei ist die Mutter aller Suchmaschinen alles andere als ein Einzelfall: "Yahoo! ist nur eine unter unzähligen Webfirmen, die sich für unseren Content interessieren", freut sich Ashe. "Sie würden staunen, wenn Sie wüssten, mit wie vielen Internetunternehmen wir über Partnerschaften verhandeln." Mehrfach sei es auch schon zu Vereinbarungen gekommen, die dann jedoch kurz vor der Umsetzung wieder blockiert wurden.

"Für die großen Portale ist das Thema Sex einfach ein sehr zweischneidiges Schwert", sagt Ashe. "Ich weiß von vielen Executives, dass jeder Zweite von deren Kunden nach Sex sucht. Doch die Portale schaffen es einfach nicht, diesen Traffic in Geld umzusetzen." Gut also fürs Cyberporn-Biz. Angesichts der Negativschlagzeilen, die die mittlerweile zurückgenommene Erweiterung des Yahoo!-Pornoshops verursachte, haben Danni & Co. aus der Portalecke kaum Konkurrenz zu erwarten. Unter dem Protest vieler Mitglieder mistet das US-Suchportal derzeit sogar seine Online-Clubs kräftig nach "Adult-Stuff" aus.