Das Internet Viel Glück zum Nicht-Geburtstag
Der Traum von der vernetzten Welt ist deutlich älter als 32 Jahre. Das immer wieder gern zitierte Arpanet setzte mit seinem Versuch, ein Computer-Netzwerk zu schaffen, auf einer langen Ideengeschichte auf.
Der Vater des Gedankens
Schon der erste "Vater" der Netz-Idee, auf späten Fotos ein knuddeliger US-Gelehrter mit Nickelbrille und silbernen Haaren, fand die Muße, seine Netz-Ideen zu spinnen, während er zwischen White House und Pentagon pendelte.
Vannevar Bush gehörte zu den Pionieren in der Entwicklung des Radars und diente im Zweiten Weltkrieg als einer der Technologie-Berater des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Heute würde man ihn einen "Technokraten" nennen: Ihm unterstand das "Management" aller vom Weißen Haus geförderten und forcierten Technologieprojekte - inklusive der Entwicklung von nuklearen Waffen. Bush war der Mann, der Robert Oppenheimer den Auftrag gab, schnellstmöglichst eine Atomwaffe zu bauen. Denn Bushs vornehmste Aufgabe bestand darin, Wissenschaftler und ihre Kenntnisse möglichst effektiv für das Militär nutzbar zu machen.
Nebenbei spann der Freizeit-Schöngeist an einer Idee, die - so dachte er sich das - die Effektivität menschlichen Forschens ganz erheblich heben sollte: Der "Memex" sollte die Resultate menschlicher Erkenntnis entlang assoziativer Verbindungen vernetzen. Dieses "Wissens-Management-System", dachte sich Bush, würde die Art und Weise, wie Menschen Erkenntnis dokumentieren und archivieren, nachhaltig verändern.
Das Schlüsselelement seiner Überlegung war letztlich Komprimierung - und dazu ein System, mit dem das "gepresste" Wissen vom Schreibtisch aus angesteuert, gelesen und verwaltet werden konnte. Das Ganze liest sich teils, als habe Bush den vernetzten Desktop-PC antizipiert, teils, als träumte er vom PDA: "A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory."
Der legendäre Aufsatz vom "Memex" erschien 1945, kurz vor Kriegsende - und sollte erstens so gut wie niemanden interessieren, weil Bushs Ideen für lange Zeit unausführbare Träumereien jenseits jeder technischen Machbarkeit blieben; und zweitens zur Inspirationsquelle einer kleinen, hartnäckigen Schar von Leuten werden, die abwarten konnte, bis der "Memex" möglich werden würde.
"Xanadu": der Memex bekommt konkrete Züge
Bush Memex war noch in erster Linie ein Gedankenexperiment: Noch gab es keine Technologien, die seine erträumte Vernetzung von Wissen hätten möglich machen können. Zwanzig Jahre später zeichneten sich Ansätze ab, die dazu führten, dass Bushs Memex langsam konkretere Züge annehmen konnte. Theodore Nelson erdachte "Xanadu".
Das Neue an Nelsons Netzwerk-Vision war, dass er sich letztlich kaum für die technische Seite der Kommunikation der Rechner miteinander interessierte. Er konzentrierte sich auf die Dateistruktur innerhalb eines Netzwerkes. Nelsons "Xanadu" erwies sich als wegweisend und visionär bis auf den heutigen Tag: Nicht nur träumte er von der Hyper-Verlinkung von Dokumenten, er sah als ideale Struktur letztlich eine Schnittstelle, die auch Bestandteile von Dokumenten verschiedener Art auf einem Bildschirm zusammenführen sollte - "dynamisch generieren" würde man heute sagen.
Die technische Umsetzung dieses Prinzips gelang erst rund fünfundzwanzig Jahre später, als Tim Berners-Lee am Cern mit dem späteren World Wide Web zu experimentieren begann. Andere Ideen Nelsons werden erst jetzt umgesetzt: Schon 1965 waren Überlegungen über Copyrights und digitale Rechteverwertung Bestandteil seines ersten Vortrages über "Xanadu": Im von Nelson erträumten Netzwerk hätte es niemals Probleme zwischen Musikindustrie und Napster gegeben - und auch kein Refinanzierungsproblem der Online-Publisher.
Im zweiten Teil: Arpanet - der Entschluss, die Keimzelle des Internet zu finanzieren, war eine Spontanidee - und die Stunde der Underdogs. Weiter
Als Idee war das Internet also längst geboren. Auch an der Verbindung und Verschaltung von Rechnern hatte man fleißig gearbeitet. Doch bis Mitte der Sechziger hatte es für eine "Vernetzung" im Sinne des Wortes nicht gereicht.
Dieser Zeitpunkt schien Ende der sechziger Jahre näher zu rücken. IBM hatte längst Rechner A mit Rechner B verbunden. Eine schöne Sache, auch für Robert Taylor, der 1965 von seinem Büro im Pentagon aus mit jedem Rechnerprojekt verbunden war, das durch Mittel der Arpa, der legendären Technologie-Förderungs-Abteilung des US-Verteidigungsministeriums, gefördert war.
Mit der wachsenden Zahl solcher Projekte wuchs auch der Raumbedarf für die Rechner, die das Pentagon mit diesen Entwicklungsprojekten verbanden. Das, befand Taylor irgendwann im Jahre 1966, war ja eigentlich gequirlter Unsinn: Spontan, berichtet die Legende, setzte er sich nieder und kritzelte einen Vorschlag auf Notizpapier. Warum, fragte er darin, vernetzen wir nicht all diese Rechner da draußen mit nur einem hier drinnen, so dass man nicht ständig von Rechner zu Rechner rücken muss. Ja, warum eigentlich nicht, meinte dazu Charles Herzfeld, Taylors Boss - und nickte ein Budget von einer Million Dollar zur Finanzierung des Projektes ab.
Später sollte Taylor berichten, dass die gesamte Etatverhandlung, die zur Geburt des Internet führte, keine zwanzig Minuten gedauert hatte.
BBN: Die Underdogs bekommen den Zuschlag
Die Arpa veröffentlichte 1968 eine Ausschreibung, Konzeptpapiere für ein Computernetzwerk vorzulegen. Dazu hatten Taylor und sein Partner Larry Roberts schon recht konkrete Vorarbeit geleistet: Sie stellten sich vor, dass die Datenkommunikation in diesem zu entwickelnden Netzwerk in "Paket"-Form vonstatten gehen sollte - bis heute das Grundprinzip aller Internet-Kommunikation.
Die Stunde der Underdogs schlug. Denn der Gedanke an "Pakete" war neu für die Platzhirschen der Brache, namentlich für IBM: Was der Bauer nicht kennt...
IBM und CDC, die damals führenden Unternehmen, gingen nicht auf die Ausschreibung ein: Das vorgeschlagene Prinzip für ein Netzwerk-Protokoll sei nicht erfolgversprechend. Das sahen rund ein dutzend kleinerer Unternehmen anders, und Bolt Beranek and Newman, kurz BBN, bekamen den Zuschlag. Laut Legende begann die Arbeit an der Keimzelle des Internet am 1. Januar 1969.
BBN entwickelten den "Interface Message Processor" IMP: Ein für die Vernetzung designter Computer, der vor Ort mit den jeweiligen Arbeitsrechnern verbunden werden sollte. Da die Ausstattung der Unis durchaus verschieden war, gehörte zum Projekt neben dem Design des IMP und der Entwicklung eines Netzwerk-Protokolls auch die Programmierung von Schnittstellen für die verschiedenen Rechner-Architekturen.
Stolze 12 Kbyte Datenspeicher warf der IMP ins technologische Rennen, das schon im Dezember 1969 seinem Finale entgegenstrebte. Vier IMPs waren an vier amerikanischen Universitäten installiert worden - das "Arpanet" war geboren, und damit auch auf der "Hardwareseite" die Keimzelle des Internet.
Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Technik und die Ideen Bushs und Nelsons zusammenfanden. Zunächst einmal ging es ganz pragmatisch zur Sache.
Ab August 1969 arbeiteten die Techniker von BBN und die Wissenschaftler an den Universitäten fieberhaft daran, die IMPs am Absturz zu hindern. Sie machten Fortschritte, und am 10. Dezember konnte das Arpanet öffentlich demonstriert werden. "Da war das schon fast Routine", heißt es heute bei BBN, "Fanfaren gab es keine".
Den in Wirklichkeit lief "das Netzwerk" da schon seit fast zwei Monaten. Am 1. Oktober 1969 kam es zum ersten, telefonisch vermittelten Login zwischen dem Stanford Research Institute und der University of California in Los Angeles, UCLA.
"Ist das L angekommen?", fragte UCLA nach der ersten Tastatureingabe. Stanford bestätigte den ordnungsgemäßen Empfang eines "L". "Habt Ihr das O?", fragte UCLA. Stanford hatte.
UCLA versuchte es mit einem "G" - und das Arpanet brach im ersten dokumentierten Netzwerk-Absturz zusammen. Wieder war ein Stück Internet geboren.