Das Sofa als Schnittstelle: Showdown im Wohnzimmer - DER SPIEGEL
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Das Sofa als Schnittstelle Showdown im Wohnzimmer

Die Zukunft des Home Entertainment ist vernetzt, keine Frage. Bleibt zu klären, was sich als "Steuereinheit" durchsetzt: Der Fernseher oder der PC? Wer das Sofa als Schnittstelle des heimischen Mediacenters schnell genug salonfähig macht, kann das Hausnetzwerk ausbremsen. Der Wettlauf hat begonnen.
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Hausherr in seinem Keller: "Gastherme, Warmwasser, Solarstrom-Rückspeisung", referiert er. "Und das da?", fragt der interessierte Gast und zeigt auf einen 19-Zoll-Metallschrank, in dem allerlei LEDs blinken. "Unser Homeserver. Er steuert die ganze Haustechnik: Garagentor, Bewässerung, Jalousien, er bringt das ganze Haus ins Internet und stellt Musik und Filme in allen Zimmern zur Verfügung."

Das ist durchaus keine Vision mehr, dieser Server nennt sich Smart und ist in den USA bereits zu kaufen. Der Zentralrechner für das Eigenheim ist Produkt eines Joint-Ventures von General-Electric und Microsoft. Glaubt man den Prognosen der Branchen-Auguren, gehört dem vernetzten Haus die Zukunft.

Das Nahziel der Industrie ist aber erst einmal die Vernetzung des Fernsehers mit allen wichtigen Distributionswegen für Audio und Video - und das zu Preisen, die auch nach einer gestrichenen Eigenheimzulage in Reichweite der Konsumenten liegen sollen.

Dreh- und Angelpunkt aller Ansätze ist bisher das Fernsehgerät, bisher fest in der Hand der Unterhaltungsgeräte-Hersteller. Mit eigenen Konzepten wollen die versuchen, den Hausherren an sein Sofa zu fesseln: Beim Thema Home Entertainment kommt es zum Showdown im Wohnzimmer, IT- gegen Unterhaltungs-Elektronik-Industrie.

Fast überzeugend ...

Heraus kommen kleine Hightech-Träume. So schickt die Münchner Firma "Fast" ihren TV-Server TV100 / 200 ins Rennen (zu Preisen von 1000 bis 1500 Euro). Dabei handelt es sich um ein elegantes, kompaktes Gerät, das sich unauffällig und nahtlos ins Audio-Video-Regal einfügen lässt. Drin stecken ein Festplatten-Videorekorder sowie MP3- und JPG-Bildspeicher.

Der Fast-Server kann je nach Ausführung 100 oder 200 Stunden Videomaterial auf seiner Festplatte unterbringen. Gesteuert wird der Server über eine ganz normale Fernbedienung. Bei der Musikwiedergabe hilft das integrierte Textdisplay, die Übersicht zu behalten. Im TV-Modus sorgen On-Screen-Anzeigen für den nötigen Durchblick.

Das Gerät verfügt über einen eigenen TV-Tuner für den Kabelanschluss. Das Kabelsignal wird durchgeschleift. So kann ein Programm aufgezeichnet werden, während ein anderes geguckt wird. Auf einen Internetanschluss hat man bei Fast klar verzichtet. Der TV-Server ist ein reines Wohnzimmergerät. Doch neben dem eigenen Programmführer (EPG, "electronic programm guide") gibt es sehr wohl eine ungewöhnliche Verbindung mit dem Internet.

Besitzer des großen TV-200 können auf der Webseite www.tvtv.de in einer nett gemachten TV-Zeitschrift blättern und Sendungen, die aufgezeichnet werden sollen, per Mausklick aussuchen. Die persönliche Auswahl ist mit der Gerätenummer verbunden und wird binnen einer halben Stunde über das Fernsehsignal in den TV-Server übertragen. Damit ist das Thema Programmierung abgeschlossen. Die Netzwerkoption stellt das Festplattenarchiv an Filmen, Musik und Bildern wahlweise auch dem PC zur Verfügung.

Der Zauberer von Oz?

Einen ganz anderen Weg schlägt der französische Elektronikkonzern Thomson vor. Er versucht mit seinem Oz Media-Server ein zentrales Speichergerät zu positionieren, welches sich per Firewire und WLAN mit anderen geeigneten Endgeräten verständigen kann.

Dabei hat Thomson mit diesem Denkmodell das ganze Haus in Visier. Bis zu vier Videos können gleichzeitig abgespielt in einzelne Räume des Hauses verteilt werden. Steuerbefehle können über jedes Display, also den TV-Bildschirm, den PC oder einen PDA erteilt werden. Zugleich fungiert Oz als ADSL-WLAN-Router und ermöglicht vernetzten Endgeräten Internetzugriff oder bedient sich an Video-on-Demand-Angeboten.

Als drahtlose Verbindungstechnik setzt Thomson auf den WLAN-Standard 802.11a mit seinem Datendurchsatz von 54 MBit. Der Oz-Server könnte auch Funktionen der Haustechnik steuern, zum Beispiel eine Kamera im Eingangsbereich einschalten, wenn es an der Tür klingelt und das Kamerabild auf dem Fernseher präsentieren. Aber in erster Linie geht es darum, das digitale Ton- und Bildarchiv an allen Stellen des Hauses zur Verfügung zu stellen. Auch wenn das Thomson-Konzept viel zu weit greift, um heute kommerziell vermarktbar zu sein, so liefert diese Machbarkeitsstudie einen interessanten Ausblick in die Zukunft.

Smart dank Linux

Etwas handfesteres möchte der Settop-Box-Hersteller Smart seinen Kunden präsentieren. Internet, Radio, Fernsehen verspricht der MSP 01. Das schlanke Gehäuse vereint einen digitalen Satellitenreceiver für (DVB-Satellit oder DVB-Kabel) und bietet 400 voreingestellte digitale TV- und Radioprogramme. Ein eigener EPG sorgt für den nötigen Durchblick.

Natürlich ist der MSP-01 mit einer Aufnahmekapazität von 200 Stunden Filmmaterial auch ein digitaler Festplattenvideorekorder, speichert und spielt aber ebenso digitale Tonträger in allen gängigen Formaten. Dank seiner Ethernet-Karte lässt sich der MSP-01 auch ins Internet bringen oder fungiert bei Bedarf als Heim-PC. Und tatsächlich: Im Wesentlichen ist der MSP-01 ein PC, mit einer Multimediaportal-Bedienoberfläche. Linux als Betriebssystem sorgt dafür, dass das Wohnzimmer auch mit dem Smart-Multimediaserver eine microsoftfreie Zone bleibt.

Für reine Freizeit-PC-Nutzung kann der Gang ins Arbeitszimmer ausfallen. Die ausgeklügelte Sandwich-Fernbedienung lässt sich wie ein Zollstock auseinander klappen und schon kommt eine kleine Standardtastatur zum Vorschein.

Nett gedacht, hübsch gemacht und doch ein Symbol für das Dilemma, in dem sich die Unterhaltungsgeräte-Industrie befindet. Die schöne neue Medienwelt ist letztlich nur mit PC-Technik zu beherrschen. Und das weiß auch der Platzhirsch der IT-Branche.

Microsoft versucht, den Home-Entertainment-Markt von der kontrollierenden Schnittstelle her aufzurollen. Dass das gelingt, ist längst nicht ausgemacht. Weiter...

Microsoft: Versuch und Absturz

Microsoft hat schon einige Versuche unternommen, das Sofa im Wohnzimmer unter Kontrolle zu bringen. Zum Beispiel mit Thomson-Multimedia und deren Festplatten-TV-Geräten mit TAK-Modul. Dort sollte der Fernseher direkt auf eine verschlüsselte Webserververbindung zugreifen können und neben E-Mail und Videodiensten über ein Portal auf eine begrenzte Auswahl von Internetseiten zugreifen können. In Frankreich verbuchte Thomson damit 1999 einen Achtungserfolg, der Versuch, das System 2001 auch in Deutschland zu installieren, schlug hingegen fehl.

Heute gibt sich Bill Gates in Interviews betont gelassen. Der Home-Server im Keller ist das Ziel, doch bleibt man in Redmond bei seinen Leisten und konzentriert sich darauf, einfach nur Software zu entwickeln.

Die Kampfansage zur Erstürmung der Wohnzimmer nennt sich "XP Media-Center-Edition" und ist eigentlich nichts weiter als ein neuer Modus des aktuellen XP-Betriebssystems. Ziel ist eine ganz einfache Handhabung von Medien-Aufnahme, -Archivierung und -Wiedergabe. Geht es nach Microsoft, dann leuchtet es jeden Abend anheimelnd Windows-Blau auf den Fernsehbildschirmen. Selbst computerunerfahrene Benutzer sollen sich sofort zurechtfinden, so heißt es.

Trotzdem setzt sich der Ansatz nur schleppend durch: Im ersten Jahr entwickelte sich das Media Center nicht zu einem Verkaufsschlager. Auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas stellte Microsoft in der letzten Woche mit der "Extension" die neueste Modifikation des Mediqa-Center-Konzeptes vor: Nun soll die Software mit Hilfe von Partnerunternehmen direkt in Fernsehernd landen, daneben zum Hirn für MS-Settop-Boxen werden. Das ist nicht der erste Schwenk auf der Suche nach der richtigen Strategie zur Eroberung des Wohnzimmers, denn die gestaltet sich alles andere als leicht.

Gescheitert sind beispielsweise auch Bill Gates "Mira"-Träume. Der Versuch, den Wohnzimmer-Bewohner mit "Smart Displays" an drahtlose Vernetzung und beiläufig-lockeres Surfen zu gewöhnen, ist sang- und klanglos gescheitert. Nach einem Jahr stand fest: Eine Nachfrage gibt es so gut wie nicht. Zum Jahresende 2003 verabschiedete sich Microsoft still und heimlich vom einst heftig umworbenen Teil seines Home-Entertainment-Konzeptes.

Sofa-Offensive: Das XP-Media-Center

Noch aber beherrscht Microsoft - über seine getreuen PC-Hersteller - die Presse zum Thema Multimedia-Home-Server. Gut 40 namhafte Firmen arbeiten mit ihrer PR zugunsten von XP Media: Packhard-Bell, HP, Fujitsu-Siemens oder der deutsche Hersteller Wortmann, alle wollen nun den Sprung ins Wohnzimmer versuchen.

Einen bemerkenswerten Deal fädelte dabei Fujitsu-Siemens mit T-Online ein. Zum Jahresende startet T-Online einen Video-on-Demand-Service im Internet und Fujitsu-Siemens ist als Kooperationspartner benannt. Für 1000 Euro bietet man mit dem Activy-Mediacenter einen TV-Tuner (wahlweise für das analoge Kabelsignal oder DVB-Satellit) mit DSL-Anschluss und großer Festplatte an, auf dem aber auch DVDs und CDs abgespielt werden können.

Der Activy-Box stellt Fujitsu-Siemens nunmehr einen Media-Center-PC der Baureihe Scaleo 600 zur Seite, selbstverständlich mit dem Windows-Media-System an Bord. Während die Activy-Box eindeutig für den Wohnzimmereinsatz konzipiert ist, spricht der Scaleo eher den PC-Benutzer an. Der Scaleo kommt mit Radio und TV-Tuner daher und könnte sich dank seiner uneingeschränkten PC-Funktionalität in vielen Studentenwohnheimen ansiedeln, so hofft man.

Eine gute Ausgangsposition hat man auch bei Sony, engagiert sich der Elektronikriese doch in beiden Welten, also der Arbeitswelt und der Wohnzimmerwelt. Jedenfalls präsentierte Sonys Computersparte seinen 16:9-TV-Laptop Vaio W1 lieber auf der Internationalen Funkausstellung als auf der CeBIT.

Was der Kunde will

Ob PC oder Unterhaltungsgerät, beim Kampf um die Sofa-Vorherrschaft müssen beide Seiten sehr gezielt voneinander lernen und verstehen, worauf es dem Kunden eigentlich ankommt. Die Erfahrung stimmt nämlich pessimistisch, entpuppt sich doch der allgegenwärtige Mythos der Konvergenz, also der Annäherung und Verschmelzung unterschiedlicher Anwendungen in einem Endgerät, als Fata-Morgana der Werbestrategen. Der Datensammler für Musik und Filme im Wohnzimmer, der aus TV-Programmen und Internetdiensten gleichermaßen auswählen kann, hat bestimmt eine Chance. Viele Versuche werden aber auf der Strecke bleiben, bis das richtige Konzept ein echtes "Muss-ich-haben-Gefühl" auslöst.

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