Datenspionage per Windows XP: Geschäft mit der Angst - DER SPIEGEL
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Datenspionage per Windows XP Geschäft mit der Angst

"Big Bill is watching you", wirbt der Ulmer Softwarehersteller S.A.D. und versucht, die Angst davor in klingende Münze umzuwandeln. Brauchen XP-Nutzer Schutz vor Microsoft?
Von Richard Löwenstein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Ulmer Software-Hersteller S.A.D. will herausgefunden haben, dass Windows XP seine Nutzer beschnüffelt und ungefragt Daten an Microsoft verschickt. Zum Schutz vor Bill Gates Neugier bietet S.A.D. seine "Datenschutz-CD" an. Auf dass bei den Usern erst der Angstschweiß, dann der Kaufrausch ausbreche.

Wie die Weihnachtszeit kommt der Datenspionage-Vorwurf gegen Microsoft alle Jahre wieder. Verdächtig hilflos erscheint der Software-Gigant in seinen Versuchen, solche Verdachtsmomente gegen sich zu entkräften. Das ist auch nicht ganz einfach. Geradezu rührend war das Angebot von Bill Gates, die EDV-Experten des Bundestages den Sourcecode von Windows XP prüfen zu lassen. Der besteht schließlich nur aus ein paar Millionen Zeilen, an denen Hunderte von Experten jahrelang geschrieben haben.

Ziemlich saft- und kraftlos kommt auch immer wieder das "Nein, tun wir nicht" aus Richtung Microsoft - denn irgend etwas tun sie ja doch. Was genau das ist oder sein könnte hängt davon ab, wen man fragt - und ob der betreffende dem Konzern freundlich oder kritisch gegenüber steht. Brauchen Nutzer also präventiven Schutz gegen Bill Gates Neugier, wie ihn die "Datenschutz CD" von S.A.D. anbietet?

Äußerlich kommt die "Windows XP Datenschutz-CD" seriös daher. Die handliche Packung im DVD-Format ist in schlichtem Orange gehalten. Auf dem Cover leuchtet das wohlbekannte Vierfarb-Banner, das Symbol für Windows, wohl aus Angst vor dem Rechtsanwalt dezent verfremdet. Über allem signalisiert ein wuchtiges Bügelschloss, welch wirksamen Riegel man hier für nur rund 10 Euro der Neugier des allgegenwärtigen Software-Big-Brother Microsoft vorschieben könnte.

So richtig tropft der Angstschweiß dem User erst von der Stirn, wenn er den Text auf der Rückseite überfliegt. "Windows XP sendet ungefragt Daten an Microsoft", heißt es da. Und dass die "Anti-Agenten-Software" auf der CD-ROM den eigenen Rechner "vor dem ungebrochenen Informationshunger von Microsoft" schütze.

Big Bill is watching you

Noch deutlicher wird S.A.D. im hundertfach verschickten Presse-Papier. Mit der Schlagzeile "Big Bill is watching you" heizt der Ulmer Software-Hersteller die Neugier der Journalisten an, die vom Thema oft genauso unbeleckt sind wie Otto Normaluser.

Da wird der Leser mit der Behauptung verrückt gemacht, dass Windows XP "wohl bis zu 20 mal pro Stunde (...) unbemerkt und ohne Wissen des Nutzers (...) kleine Datenpakete über das Internet direkt an Microsoft" versende. Das sei belegt. Man solle "davon ausgehen, dass personenbezogene Daten darunter sind".

Beispielsweise, welche Musikstücke oder Videosequenzen mit dem Mediaplayer abgespielt werden; welche Konkurrenzprogramme der Nutzer anwendet; möglicherweise Hardwaredaten des eigenen PCs. Ein handfester Datenschutz-Skandal!

Wenn da mal niemand einer Ente aufsitzt

S.A.D. gibt auf Nachfrage zu, man habe Vermutungen geäußert und wisse nur, dass Daten übertragen werden, aber nicht welche. Es könne auch harmlos sein, natürlich.

Im Klartext: S.A.D. weiß gar nicht, wogegen seine Software konkret wirkt oder wirken soll. Microsofts deutsche Presse-Referentin Irene Nadler winkt ab: "Hier werden keine Rechner ausspioniert, und keine personenbezogenen Daten an Microsoft verschickt".

Gar keine? Nadler: "Der Mediaplayer nimmt nur dann Verbindung zum Internet auf, wenn Audio-CDs eingelegt werden und holt sich Titelangaben aus dem Internet".

Aber wozu?

Wirklich nur, um in der virtuellen Musikbibliothek Titel, Plattencover und Songinfos abzulagern? Und nicht etwa, um Brandzeichen und Länge der Musikstücke zu vergleichen und Raubkopien zu entlarven? Nadler: "Kann ich nichts zu sagen. Alle zuständigen Mitarbeiter sind aus dem Haus, im Weihnachtsurlaub".

Manche Antworten findet man auch selbst, wenn man "XP" unter die Lupe nimmt: Es sind die wenig geheimnisvollen "Phone Home"-Funktionen, die S.A.D. zu heißer Luft aufpustet. Deren Existenz ist allerdings fast nur IT-Kennern bewusst: "Phone Home", sagt Microsoft, soll im Stillen die Systemuhr stellen, Updates für das Multimedia-Center suchen und Fehlermeldungen verschicken.

Komfortfunktionen also, die auf dem Versand, Erhalt und Vergleich von Daten basieren. Was genau da wohin verschickt wird, wissen tatsächlich nur ein paar Eingeweihte bei Microsoft. Für den Nutzer wird die Sache damit zur reinen Vertrauensfrage, für Firmen wie S.A.D. tut sich damit eine Marktlücke auf.

Doch auch, wer dem Konzern absolut misstraut und nicht "nach Hause telefonieren" mag, ist nicht auf "Anti-Spionage"-Software angewiesen. Man kann "Phone Home" abstellen.

Fortgeschrittene Nutzer tun dies einzeln von Hand via Registry und in verschiedenen Ordnern der System-Einstellungen, selbst XP-Anfänger schaffen es ganz bequem mithilfe des winzigen Freeware-Tools "XP Antispy" . Das kostet nichts und kann alles, was "Datenschutz-CD" und ähnliche Produkte auch können sollen. Für die gesparten 10 Euro gibt's eine Nice-Prize-CD aus der Ramschkiste, was ja auch mehr Sinn macht - und wenn die im Rechner dudelt, bekommt das keiner mehr mit. Wahrscheinlich.