Dell Inspiron Mini 10: Oh, Dellinchen! - DER SPIEGEL
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Dell Inspiron Mini 10 Oh, Dellinchen!

Der US-Computerhändler Dell sprang mit einiger Verspätung auf den Netbook-Trend auf, ohne dabei den Wissensvorsprung aus den Fehlern der Konkurrenz zu nutzen: Die ersten Netbooks von Dell konnten nicht überzeugen. Jetzt kommt der Inspiron Mini 10 - und damit ein besseres Produkt?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Oh, ist der süß!"
Das Ding, das ich da in den Händen halte, verursacht ungewohnte Reflexe: Sekundenbruchteile nach der ersten Sichtung setzt sich meine 17-jährige Tochter in Bewegung und entreißt mir diesen zierlichen Traum in Kirschrot. Was hat sich die Presseabteilung von Dell dabei gedacht, mir ein Testgerät in der Farbe eines schrillen Lippenstifts zukommen zu lassen?

Ab sofort ist mir mitunter gar nicht so damenhafte Aufmerksamkeit gewiss, sobald ich den Flachmann aus der Tasche ziehe. Mein Dellinchen weckt weibliche Begehrlichkeiten wie sonst nur Schuhe das schaffen. Kirschrot ist dieser Kleinrechner Mädchen-kompatibel, immer aber ist er chic: Sanft gerundet die Formen, hochglänzend die Hülle wie das Display, mattschwarz die Tastatur, unter der dann silbrig ein rechteckiges Multi-Touchpad eingelassen ist. Kein Zweifel, Stil hat er, der neue kleine Dell.

Mir persönlich sogar ein wenig zu viel. So kann zwar das Display selbst in sanftem Sonnenlicht überzeugen, geht mir zugleich aber auf den Wecker, weil es aktiviert wie ausgeschaltet genauso gut zum Schmink- oder Rasierspiegel taugt. Hochglänzende Displays mögen in Mode sein, praktisch sind sie nicht.

Selbst Hygieniker mit Waschzwang lässt so ein Hochglanz-PC aussehen, als bedienten sie ihren Mini-Laptop grundsätzlich nur, nachdem sie Fritten mit den Händen gegessen haben. Ohne Übertreibung: Computer-Equipment in Modefarben mit Hochglanz-Displays könnte man bei CSI zum Abnehmen von Fingerabdrücken nutzen.

Doch genug gemeckert.

Denn eigentlich muss man den neuen Dell loben. Der US-Hersteller hat offensichtlich aus den Fehlern gelernt, die er mit seinen ersten Netbook-Modellen machte. Die kamen im krummen 9-Zoll-Format daher, als längst klar war, dass die 10-Zoll-Größe zum Standard der Netbooks geworden war - und sich alles andere nur noch schwer verkaufen lässt. Richtig gepatzt hatte Dell aber bei den Tastaturen: Die kamen dermaßen klein und gedrängt daher, dass die Geräte gegen Konkurrenz wie die 1000er-Serie der Asus EeePCs, gegen LGs X110, gegen MSI Wind und Medion Akoya, vor allem aber gegen das Samsung NC10 (dem nach wie vor unangefochtenen Favoriten aller Tippsen) chancenlos verblassten.

Alles wird besser

Denn es gibt im Netbook-Markt nur sehr wenige Merkmale, über die sich Modelle auszeichnen können. Zu nennen sind zuvorderst die Tastatur, dann die Laufzeit des Akkus, die Güte des Displays und natürlich der Preis. Der Rest ist weitgehend standardisiert: Die meisten Netbooks haben einen 1,6-GHz-Prozessor, ein GB Arbeitsspeicher, eine 160 GB große Festplatte und ein Gewicht zwischen 1,1 und 1,4 Kg.

Und das Dell Inspiron Mini 10?
Hat das meiste davon, ist aber hier und da auch ein wenig anders. Loben wir doch mal ein bisschen:

  • Die Tastatur ist sehr gut dimensioniert, fast randlos in das Gehäuse eingelassen. Die Gesamtbreite der Tastatur beträgt 92 Prozent eines Norm-Keyboards und erlaubt ein leidlich normales Tippen.
  • Das Multitouchpad lässt uns mit Zwei-Finger-Gesten Bildschirminhalte vergrößern und verkleinern. Das geht zwar in allen relevanten Programmen mit Kurzbefehlen viel besser (Beispiel Firefox: Strg + / Strg -), ist aber chic und hat einen Wow-Effekt, der den Prestigewert des Rechners erhöht.
  • Das Display ist gestochen scharf und hell genug, auch im sanften Sonnenlicht noch einigermaßen lesbar zu sein.
  • Die Verarbeitung ist wertig, der Akku Spitze: Im Extremtest (Divx-Film Nonstop) machte der wulstige Sechs-Zellen-Batteriesatz erst nach rund 4 Stunden 42 Minuten schlapp. Die kleine Kiste wiegt trotzdem nur 1,3 Kilogramm.
  • Fast lautlos ist sie auch noch, nur die Festplatte summt leise vor sich hin.
  • Der verbaute Intel Atom Z530-Prozessor beherrscht Hyperthreading und soll eine bessere Performance bieten. Die Grafik wirft 720p aus - das ist das, was man beim Fernsehen "HD Ready" nennt, die Unterkante der HDTV-Spezifikation und das Maximum, was in Deutschland bisher an HDTV zu sehen ist.

Und dann hat das Mini 10 noch dieses kleine Ding, das bisher kaum ein Netbook zu bieten hat: Eine HDMI-Schnittstelle.

Dazu muss man wissen, dass Dell das Mini 10 schon bald in aufgebohrten Versionen anbieten will, die mit einer besseren Grafikkarte ausgerüstet sein sollen. Einen integrierten DVB-T-Tuner gibt es schon (50 Euro Aufpreis), und all das riecht sehr danach, dass der Mini 10 sich nicht zuletzt an den versierten Mediennutzer wendet.

HDMI hin oder her: Ein Netbook ist kein Media-Center

Ein mobiles Mediencenter aber will Dell damit nicht bieten, versichert ein Unternehmenssprecher: "Wir positionieren unsere Netbooks nicht als stationäre Medienserver. Allerdings wissen wir, dass die angestrebte Klientel ein sehr mediennahes Benutzerverhalten hat. Der häufige Konsum von MP3, Foto, Videoportalen wie etwa YouTube, aber auch das Schauen von Filmen oder Video-Chats unterwegs sind typische Anwendungsbereiche."

Was fehlt in dieser Auflistung? Richtig: HD-Filme, Divx-Filme und Streams. Dabei scheinen die HDMI-Schnittstelle und 720p doch genau dafür gemacht.
Aber klappt das auch? Nicht wirklich.

Schnell zeigt sich, dass die HDMI-Schnittstelle hier überhöhte Erwartungen weckt. Im Test gelingt die Übertragung des Bildes auf einen hochauflösenden Bildschirm ohne Probleme. Web-Surfen vor dem 92-Zentimeter-Display ist schon ein Erlebnis - aber Film-Streams lassen sich damit nicht genießen.

Denn für Streams mit akzeptabler Auflösung reicht einfach der Prozessor nicht aus, von dessen Leistung sich ja auch noch der Grafik-Chip etwas leiht. Das Resultat ist akzeptabel, aber nicht gut: Auf dem kleinen Display kann man mit den leichten Rucklern leben, auf dem Großen ist es absolut nicht erträglich.

Aber diese etwas schräge Nutzung als Media-Server schminkt man sich so oder so schnell ab: Im Test gelingt es uns nicht, parallel zum Videobild auch die Tonspur zu übertragen (was laut Produktbeschreibung eigentlich klappen soll). Das würde die Nutzung auf Stummfilme beschränken.

HDMI hin oder her ist das Mini 10 also das und nicht mehr, was ein Netbook per definitionem sein soll: Ein abgespecktes Notebook. Als solches ist es sehr brauchbar, chic anzusehen, wertig und mit Preisen ab 379 Euro für das hier besprochene Mini 10 angemessen gepreist. Das etwas dünner ausgestattete Schwestermodell Mini 10v gibt es ab 279 Euro und noch einmal 30 Euro billiger, wenn man auf eine Festplatte verzichtet und sich mit 8 GB Festspeicher bescheidet. Wie bei Dell üblich sind das allerdings Nettopreise, denn den Versand zahlt man bei den Amerikanern immer extra. Eine völlig unverständliche Preispolitik, denn teurer als Dell liefert kaum jemand seine Ware: Saftige 29 Euro sorgen dafür, dass dem Unternehmen auch hier kein Sonderangebot gelingen kann.

Die Software-Ausstattung des Mini 10 ist hinreichend und typisch für das Marktsegment: Windows XP ist installiert und Microsoft Works als Office-Software, dazu Norton Security und diverse Dienst-Programme wie Videochat. Wer mehr will, bedient sich im Open-Source-Bereich. Die verbaute W-Lan ist fix, eine Netzwerk-Buchse ermöglicht verdrahteten Netzzugang, drei schnelle USB-Stecker und Bluetooth bieten Erweiterungsmöglichkeiten.

Fazit

Mit dem Mini 10 legt Dell ein erstes konkurrenzfähiges Netbook vor, das allerdings ein wenig mehr verspricht, als es hält. Aufgebohrt um mehr Arbeitsspeicher und bessere Grafik wäre es ein Knaller - und der soll tatsächlich noch folgen. Eines der Nachfolgemodelle noch in diesem Jahr soll auf Ubuntu-Linux setzen, was andere technische Konfigurationen erlaubt. Festplatten bis 250 GB sollen dann verbaut werden und ab Werk 2 GB Speicher. Andere Ausbaumöglichkeiten werden HD-Optionen umfassen und mobiles Breitband (UMTS und HSDPA) - wie bei Dell üblich jeweils gegen Aufpreis.

Spätestens dann ist das Mini 10 als Kernstück eines modularen Konzeptes ein äußerst interessantes Produkt, bei dem die Konkurrenz sich ins Zeug wird legen müssen, um mitzuhalten. Bis dahin verdient das Mini 10 ein "Gut" mit Abstrichen, aber selbst das ist schon respektabel: Viel mehr verdient kaum ein Netbook.