Der "Shrink" im Netz Therapie gefällig?
In den USA ist der Gang zum Psychotherapeuten oder "Shrink" ganz normal. Für den Kleinbürger ist er quasi Pflichtveranstaltung. Die Akademikerin Andrea Michaels (Name geändert) aus Miami war dennoch jahrelang unschlüssig. Sollte sie wegen einer nach eigenen Angaben "milden" Scheidungsdepression wirklich zum Therapeuten? Wo würde sie die Zeit dafür hernehmen? Und wie würden ihre Kollegen reagieren, wenn sie von der Sache Wind bekämen? Anfang April dann stellte die 35-Jährige ihre Fragen der Psychotherapeutin Dr. Judy Gifford - per E-Mail.
Die Antwort kam 48 Stunden später. Das Problem war durch den E-Mail-Austausch zwar nicht gelöst. Es lastete aber dank Giffords Ratschlag nicht mehr so schwer auf der Seele, fand Michaels und setzte prompt ein Dankschreiben auf. Die Beratungsgebühr wurde über ihre Kreditkarte beglichen, der Posten als "Konsultation" ausgewiesen. Eine Patientenakte wurde nicht angelegt. Die Krankenversicherung Michaels ist noch heute ahnungslos. So auch ihre Kollegen.
Rund 3000 E-Mails zu seelischen Problemen hat die Therapeutin Gifford in den vergangenen drei Jahren beantwortet. Anfangs noch ohne Bezahlung. "Meist schrieben Leute, die mich über meine Website gefunden hatten und erbaten Rat. Irgendwann nahm die Beantwortung der E-Mails aber den größten Teil meiner Arbeitszeit ein." Ab da sah sie sich als "E-Therapeutin".
Inzwischen ist Gifford Geschäftsführerin des Startups Find-a-therapist.com . Die US-Website bietet E-Mail-Konsultationen, seit November auch einen Psycho-Chat mit dem passenden Experten. Die Auswahl ist so üppig wie in einer mittleren Stadt: 150 E-Therapeuten sind bisher über das Netzwerk erreichbar. Für Scheidungsprobleme findet sich hier ebenso ein Fachmann wie für Ess- oder Sexualstörungen.
Fast-Food für die Seele?
Jeder per E-Mail erteilte Ratschlag kostet pauschal 35 Dollar. "Dafür können unsere Klienten ihr Problem in allen Einzelheiten darstellen", sagt der klinische Direktor des Startups, Doktor Dan Miretsky. "Wir antworten oft innerhalb einer Stunde."
Neben der schnellen Reaktionszeit spielt der Faktor Anonymität eine große Rolle: "Je nach Art des Problems will der Klient lieber nicht gesehen werden, wenn er den Shrink in seiner Praxis besucht." Bleibt das Kostenargument - eine Stunde traditionelle Therapie kann leicht 120 Dollar kosten, ein gleich langer Psycho-Chat mit einem Fachmann wird im Netz teils ab 30 Dollar angeboten. Bei Find-a-therapist.com kostet der Chat allerdings stolze 90 Dollar pro Stunde.
Miretsky, der seit mehr als 25 Jahren praktiziert, erinnert sich daran, "sehr skeptisch" gewesen zu sein, als er das erste Mal vom Konzept der E-Therapie hörte. Heute versichert der Psychiater auf Einwände, dass etwa schwer seelisch Erkrankte den direkten Kontakt mit dem Therapeuten brauchen: "Kein ernst zu nehmender Therapeut würde einen offensichtlich Suizidgefährdeten oder Schizophrenen per E-Mail behandeln." Jeder andere Problemfall könne aber via E-Mail oder im Chat "zumindest angesprochen" werden, setzt Miretsky nach.
"Wer einen Therapeuten von Angesicht zu Angesicht treffen will, wird durch E-Therapie nicht davon abgehalten", unterstreichen Miretsky und Gifford. Die neue Methode vergrössere eher die Schar der Patienten, die zur Behandlung in eine Praxis gehen, sagen sie und verweisen auf eigene Erfahrungen. Gifford will die Hälfte ihrer Praxis-Patienten zuerst via E-Mail beraten haben.
Viele US-Standesorganisationen haben der neuen Behandlungsform inzwischen ihren Segen erteilt und grobe Regeln zum Ablauf der E-Therapie erlassen. Aus dem Trend könnte so in kurzer Zeit ein neuer Boom für die Psychobranche werden. Nach Einschätzung des Geschäftsführers von Helphorizons.com , John Grohol, wird die Zahl der E-Therapeuten in den USA in den nächsten fünf Jahren von 300 auf mehr als 5.000 steigen.
Der Markt, um den es geht, ist riesig: Für die Behandlung seelischer Gebrechen wurden in den USA im vergangenen Jahr 70 Milliarden Dollar aufgewandt. Wie groß der Markt für E-Therapie tatsächlich ist, und wieviel Überschneidungen es in puncto Klientel mit traditionellen Ansätzen gibt, muss sich in den kommenden Jahren erweisen.
Startup-Geschäftsführerin Gifford liest Interessierten indes gerne aus dem Dankschreiben vor, das die Klientin Michaels ihr damals zuschickte: "Ich war überrascht, wie gut es mir tat, mich in dieser Form auszutauschen. Alle ihre Ratschläge waren so hilfreich, treffend und nie predigend. Ich würde diese Dienstleistung unbedingt wieder nutzen." Dieses Lob kommt aus berufenem Mund: Michaels ist selber Psychotherapeutin.