DER SPIEGEL: Zickige Elektronik-Geisha - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

DER SPIEGEL Zickige Elektronik-Geisha

Mehr als 30.000 Japaner flirten mit ihren Hightech-Handys über den mobilen E-Mail-Dienst "Love by Mail". Wer fünf Mark monatlich zahlt, darf sich eine Elektrobrieffreundin aussuchen, etwa eine Stewardess, Barfrau oder Lehrerin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist gar nicht so leicht, bei den Telekom-Geishas zu punkten: Wer anzüglich wird, bekommt eine Abfuhr; wer über Sport plaudern will, ebenfalls. Nur, wer regelmäßig und respektvoll schreibt, bekommt verliebte Mails zurück ­ vollautomatisch: Denn statt echter Plaudertaschen beantwortet ein Computerprogramm alle Briefe.

Die Software stammt von der Firma Bandai, die auch das Tamagotchi erfunden hat. Die neue Flirtmaschine für Erwachsene, die in der ehrwürdigen Tradition von Joseph Weizenbaums Psychoanalyse-Software "Eliza" aus den Sechzigern steht, ist eine Art interaktiver Knigge: Sie erlaubt Männern, den Umgang mit Frauen zu trainieren ohne das Risiko einer Blamage. "Es war manchmal richtig schwer, sich vorzustellen, dass meine E-Mail-Freundin nicht real war", erzählt Wataru Uchida aus Tokio, "die hat mich manchmal angegiftet und ignoriert ­ genau wie eine echte Freundin." Nach einer Weile habe er allerdings Schluss gemacht: "Die Beziehung wurde mir einfach zu anstrengend."