Die Lösung Fernseher mit Rückspultaste
Sieben Sekunden. Sieben aufreibende, packende, adrenalingeschwängerte Sekunden vor dem Show-Down, dem Shoot-Out, dem Kuss, dem absoluten Höhepunkt des Films - klingelt das Telefon. Zuverlässig, vorhersagbar, immer. Außer man steht gerade unter der Dusche.
Die mysteriöse Verbindung zwischen Programmhöhepunkten und Telefonen, zwischen Wasserhähnen und Türklingeln ist von eher esoterischer als elektronischer Natur. Doch zumindest für das TV-Problem gibt es jetzt eine digitale Lösung.
Die kommt aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und besteht aus einer Set-Top-Box, die den Fernseher nachträglich mit Pausentaste und Rücklaufknopf versieht. So muss das sein, so hat man sich das immer erträumt: Film anhalten, telefonieren, Film weiterlaufen lassen. Ganz einfach.
Gleich zwei amerikanische Unternehmen beglücken ihre Kundschaft mit solchen Techniken - und zahlreichen weiteren Dienstleistungen: ReplayTV und Tivo . Während die von Philips und Tivo entwickelten Boxen in Amerika bereits seit einigen Monaten im Handel sind, vermarktet ReplayTV seine Wunderkästen erst seit kurzem - und seit dieser Woche auch über das Internet. Der starke Partner an ReplayTVs Seite heißt Amazon .
Nun ist die Vision, das laufende Bild zum Stillstand zu bringen, ja keine neue. Wer im rechten Augenblick Nerven behält und die VHS-Cassette schnell genug in den Recorder bekommt, schafft es unter Umständen zum Telefon, bevor der andere auflegt. Doch die digitalen, mit gigantischen Festplatten bewehrten Set-Top-Boxen, sagt Klaus Petri, Pressesprecher Consumer Electronics bei Philips, können mehr: "Sie können sich eine unserer Boxen auf den Fernseher stellen, die Pausentaste nutzen, Vor- und Zurückspulen. Unser Partner Tivo bietet darüber hinaus aber noch Dienstleistungen an, die viel weiter gehen."
Erst die Dienstleistungspakete der Betreiberfirmen machen aus den netten Kästen wirklich intelligente Maschinen. Zum Beispiel bei Tivo: Das Unternehmen liefert über ein angeschlossenes Modem einmal am Tag einen personalisierten Programmführer. Der hat eine Menge gelernt - und zwar vom Nutzer.
Petri: "Wenn sich der Zuschauer zum Beispiel einige Male Filme mit Melanie Griffith angesehen hat, dann wird das von der Software registriert. Der Tivo-Guide merkt dann automatisch alle Griffith-Filme vor und nimmt sie - quasi präventiv - auf. Auf diese Art und Weise stellt die Box dem Zuschauer eine Art zusätzlichen, personalisierten Fernsehkanal zur Verfügung."
Bis zu 30 Stunden Aufnahmekapazität haben die ReplayTV- und die von Philips mitentwickelte Tivo-Box im Augenblick: Das sind 15 Melanie-Griffith-Filme. Danach sollte auch der härteste Fan kuriert sein.
"Wann es solche Boxen in Deutschland geben wird, hängt von den Amerikanern ab", sagt Petri. "Natürlich kann man sich ein Importgerät kaufen, aber das käme dann halt ohne das Dienstleistungspaket."
Das erschnüffelt nicht nur die Vorlieben des Nutzers, sondern bietet auch Möglichkeiten zur aktiven Programmgestaltung: Die automatische Aufnahme bestimmter Sendungen zum Beispiel - immer wieder, Woche für Woche. Einmal "Wort zum Sonntag" programmiert - und am Jahresende könnte man sich die "Best of" zusammenstellen. Oder man selektiert das Programm nach seinen Vorlieben, lässt sich - quer über alle verfügbaren Sender - alle Sendungen und Filme heraussuchen, in denen ein bestimmter Star mitspielt, die von einem bestimmten Regisseur gedreht wurden oder die dem einen oder anderen Genre zugehören. Doch wie unterscheidet die Box einen Western vom Eastern?
Klaus Petri: "Eben das ist einer der Kernpunkte des Servicepaketes. Tivo indexiert das kommende Programme und weist verschiedenen Merkmalen Codes zu." Im Augenblick sind das: Namen, Genre, Zeit oder Kanal. Hübsche Aussichten für Menschen, die gern in die Röhre gucken.
Klaus Petri weiß nicht, wann Tivo oder ReplayTV international verfügbar sein werden, und auch bei Tivo ist man nicht schlauer: "Wir arbeiten mit unseren Partnern daran und werden weitere Details dann mitteilen, sobald wir über welche verfügen." Zu deutsch: Sag ich nicht.
Bis es soweit ist, steht es jedem frei, sich eine Box über das Internet zu bestellen. Damit lässt sich zumindest schon einmal die Pausenfunktion nutzen - und schafft es öfter zum Telefon. Klaus Petri sieht aber auch eine Alternative: "Wir arbeiten daran, Features wie Pausentasten, Speicherfunktionen und ähnliches in unsere Fernseher zu integrieren." Wann es soweit sein wird? "Ende nächsten Jahres."