Die Zukunft hat begonnen Arcor kills the Videothek
"Der Kunde kann jetzt sein abendliches Filmprogramm problemlos per Mausklick über die Online-Videothek erstellen", verkündete stolz Thomas Götz, Vorstandssprecher von Arcor. Und meinte damit die virtuelle Videothek, die als nagelneuester Dienst das DSL-Angebot des Telekom-Konkurrenten aufwerten soll.
Tatsächlich warten die Tech-Affinados darauf bereits seit Jahren. Frühe digitale Gehversuche, die über das TV-Kabel Video-on-demand auch in Deutschland profitabel machen sollten, verschwanden etwa 1997 sang- und klanglos in der Versenkung. Vier Jahre später hat sich eine Menge getan: Statt über Asynchronous Transfer Modus (ATM) zu philosophieren und damit zu experimentieren, verkabeln die Telekommunikationsunternehmen zumindest die Wohnzimmer vieler Städter mit (A)DSL.
Zumeist in abgespeckten Versionen des eigentlich technisch Machbaren, aber auch 768 kbit sind schon was - und "breitbandig" genug, darüber auch hinreichend komprimierte Filme zu übertragen, meint Arcor. Das Unternehmen prescht vor - und läutet so eine neue Phase in der Geschichte der Medien in Deutschland ein: Den Anfang vom Ende der Videothek.
Mittelfristig, versteht sich
Vorerst mag die Videothek einen letzten Boom erleben, wenn es den Betreibern gelingt, sich genügend auf das Nach-Weihnachtsgeschäft einzustellen: Da dürften in Massen wirklich billig gewordene DVD-Player unter den Christbäumen liegen. Die dazugehörigen Filme hingegen bleiben offenbar so überteuert, wie sie derzeit sind: Das dürfte die Film-Freaks vorerst noch in die Videotheken treiben.
Mittelfristig jedoch soll ein Rezept, das schon in der Vergangenheit ganz prächtig funktionierte, auch die nächste Phase der medialen Zukunft in Gang bringen:
Sex sells
Arcors stolz angekündigtes Startpaket von 100 Filmen, das bald auf 400 Titel ausgebaut werden soll, erweißt sich nämlich als Mogelpackung: Diskutabel ist das Angebot nur für eine auf eine ganz bestimmte Form von Film spezialisierte Klientel.
Ja, es gibt Filme in den anderen Rubriken Drama (5 Titel), Action (5), Komödie (4), Zeichentrick (10) und Eastern (8). Das macht aber nur 32 - die anderen 68 findet man dann wohl im geschützten Bereich "Erotik", den man erstens erst ab 18 Jahre, und zweitens erst nach der Anmeldung zu sehen bekommt.
Da soll der Kunde also die Katze im Sack kaufen, denn dass Arcor mit dem 32-er-Paket irgendeinen Kunden hinter dem Ofen hervorlocken will oder kann, ist nicht wirklich glaubhaft: Im Bereich "Zeichentrick" etwa finden sich ausschließlich Filme der Marke "Fast-Disney-aber-dafür-billig", wie man sie vom Wühltisch kennt. Pocahontas made in Japan eben, und in den anderen Bereichen sieht es nicht anders aus: Da sieht man kaum einen Film, der es einmal auf eine Leinwand gebracht hätte. Alles riecht ein wenig nach RTL2 oder TM3 oder Alibi für das Abo eines Erotik-Dienstes - für einen "Film Film" oder das "Montagskino" würde das Niveau der nicht-erotischen Filme nie reichen.
Trotzdem ist Arcor von seinem neuen Dienst überzeugt. Thomas Götz: " Mit Video on Demand ist uns im Bereich Breitbandanwendung der Durchbruch gelungen. Seit langem wird das Thema diskutiert, wir haben es realisiert".
Das hat er auch schön formuliert - und macht mit der von ihm verantworteten Pressemitteilung zum Start des Dienstes klar, auf welche Pferdchen Arcor hier zunächst setzt: "Die Anmeldung für die Online-Videothek erfolgt kostenlos auf der Website www.arcor.de. Sie ist für jeden Kunden, unabhängig vom Provider, möglich. Eine FSK-18-Freischaltung zur Nutzung des Erotikangebotes wird über das bequeme Post-Ident-Verfahren abgewickelt. Mit diesem einfachen Verfahren werden die strengen Jugendschutzbestimmungen erfüllt".
Im Klartext: Wir haben Sex für alle, und gerne auch für Premiere-Kunden.
So ist das nun mal, so war das auch bei Video, bei Btx und später beim Internet. Zukunftsträchtig bleibt das Ganze, da sind sich die Experten einig, so lang sie nicht von Münchner Unternehmen bezahlt werden: Dem Video on demand gehört die Zukunft - und nicht dem Pay TV.
Ein etwas schmuddeliger Anfang muss eine strahlende Zukunft ja nicht verhindern: In der wird Video on demand zu den selbstverständlichen Bequemlichkeiten für die Gestaltung der Freizeit gehören. Davon werden Tausende von Menschen mittelfristig ja weit mehr haben als heute, wenn aus Videotheken-Personal erst einmal Arbeitslose geworden sind. Aber auch das ist - leider - nicht Neues und - zum Glück - vorerst Zukunftsmusik.
Frank Patalong