Digi-Kameras Immer mehr Pixel, purzelnde Preise
Die bloße Tatsache, dass auf der Computermesse Cebit auch Kameras zu sehen sind, kann niemanden mehr überraschen. Erstaunlich ist aber das Ausmaß, in dem sich Hersteller wie Nikon, Canon, Minolta, Sony und Kodak inmitten von Notebooks, Netzwerken, E-Commerce-Software und Rechnern mit immer schnelleren Prozessoren breit gemacht haben. "Digital Imaging" lautet das Schlagwort - die Bilderwelt ist heute digital: Halle 9 gehört weitgehend den Fans digitalen Fotografierens.
Dass außerhalb einer fotografisch hochinteressierten Fangemeinde überhaupt jemand von digitalen Kameras Kenntnis nahm, ist kaum vier Jahre her: In Europa gab es 1996 nur vier Hersteller, die den Kunden die schmale Auswahl von gerade sieben Modellen boten. Zwei Jahre später waren es bereits 33 Anbieter, die mit 79 Modellen aufwarteten.
Und mit dem rasant wachsenden Angebot stieg auch die Zahl der verkauften Kameras - weltweit waren es 1999 rund 3,5 Millionen, europaweit rund 983.000, errechnete das Marktforschungsinstitut InfoTrends. Für das Jahr 2000 sagen die Branchenexperten für den europäischen Markt einen Absatz von 1,3 Millionen Kameras voraus.
Der Trend ist damit eindeutig, allerdings lässt sich am Beispiel Deutschland zeigen, dass - wie bei Trends fast immer - eine nüchterne Betrachtung doch ein etwas anderes Bild ergibt: Die meisten Hobbyfotografen nutzen weiterhin konventionelle Kleinbild- oder Spiegelreflexkameras. "1999 hat sich die Zahl der verkauften Digitalkameras zwar auf 310.000 etwa verdoppelt", sagt Rainer Schmidt vom Photoindustrie-Verband in Frankfurt. "Bei insgesamt etwa 4,15 Millionen Kameras war das aber gerade ein Anteil von acht Prozent."
Die Kannibalisierung, die Marktbeobachter vorausgesagt hatten, habe es jedenfalls nicht gegeben. Dabei ist Fotografieren in Deutschland insgesamt ausgesprochen beliebt: Seit der Wiedervereinigung werden alljährlich rund vier Millionen Kameras verkauft. "Und der Gesamtmarkt wächst", sagt Schmidt.
Davon ist auch Ulrich Götze überzeugt, Produktmanager bei Olympus in Hamburg, dem Marktführer für digitale Kameras. Götze rechnet damit, dass im Jahr 2003 die klassischen Kameras bei den Verkaufszahlen eingeholt sein werden. "Digitale Kameras waren lange nur etwas für High-Tech-verliebte Spezialisten", sagt Götze. Doch die Zeit der "Early Adopters" - derjenigen, die bei jedem Trend zu den Ersten zählen wollen - scheint vorbei. "Wir stehen an der Schwelle zum Massenmarkt", so die Einschätzung des Produktmanagers.
Technisch jedenfalls haben die Digitalen deutlich nachgezogen: Galt vor nicht allzu langer Zeit die "Megapixel-Kamera" mit einer Auflösung von einer Million digitaler Punkte als technisch spektakulär und als Beginn der fotografischen Oberklasse, sind auf der Cebit 2000 eine Reihe von Modellen zu sehen, die weit mehr können: Olympus etwa zeigt seine Camedia C-3030 Zoom, die eine Auflösung von mehr als drei Millionen Bildpunkten schafft. Die Konkurrenz von Nikon stellt mit dem Coolpix 990 eine nur rund 400 Gramm schwere Kamera vor, die auf 3,4 Millionen Pixel kommt.
Canon hat mit der Powershot S20 eine Kamera mitgebracht, die auf 3,3 Millionen Pixel kommt und es mit einem "Panorama-Assistenten" ermöglichen soll, am PC aus verschiedenen Aufnahmen ein großes Bild zu komponieren. Fuji hat mit der Finepix 4700Z sogar eine Kamera im Programm, die es auf 4,3 Millionen Pixel bringt.
Dass solche pixelstarken Geräte keine Schwergewichte sein müssen, beweist auch Minolta: Die Dimage 2300, die der japanische Hersteller auf der Cebit präsentiert, wiegt gerade so viel wie zwei Tafeln Schokolade und unterscheidet sich optisch kaum von klassischen Kleinbildkameras. Die Auflösung beträgt 2,3 Millionen Bildpunkte.
"PalmPix" macht den PDA zur Kamera
Die Cebit zeigt natürlich auch das Ungewöhnliche, das sich durchschnittliche Hobbyfotografen nicht unbedingt zulegen werden: Fuji etwa hat auch eine Finepix S1 Pro genannte Spiegelreflexkamera im Programm, die allerdings einige Tausend Mark kosten dürfte. Kodak dagegen zeigt auf der Cebit eine Digitalkamera namens PalmPix, die sich wie ein Adapter auf einen Organizer von 3Com stecken lässt - ein fotografisches Notizbuch. Gedacht ist es vor allem für digitale Schnappschüsse vom Abendessen mit Freunden oder von der jüngsten Immobilienbesichtigung.
"Technisch brauchen die Digitalen den Vergleich mit klassischen Kameras nicht mehr zu scheuen", sagt Martin Knapp, Vorsitzender des Arbeitskreises Digitale Fotografie, der in Messehalle 8 Besucher berät. "Alles, was eine Kleinbildkamera kann, kann man mit einer Drei-Millionen-Pixel-Kamera auch machen." Die Digitalen sind aber immer noch deutlich teurer: "Mit 1000 Mark kommt man nicht hin."
Allerdings ist die Entwicklung ähnlich wie bei der Hardware: Die Preise sind eher rückläufig, die Leistung steigt ständig. Und mit immer größeren Verkaufszahlen darf mit noch günstigeren Preisen gerechnet werden. Ähnlich wie bei PCs ist auch der Modellzyklus: Digitale Kameras gelten nach einem Jahr in der Regel als veraltet. Auch dann können die Preise purzeln: Kodak etwa hat unmittelbar vor der Cebit Preissenkungen für einige Vorjahrsmodelle angekündigt.
Andreas Heimann