Digitales Kino Echt scharfe Filme
Ich sitze im Kino und suche nach den Pixeln. Die Schrift steht auf der Leinwand, als wäre sie darauf gedruckt. Kein Zucken, kein Rauschen an den Kanten, die Schärfe ist geradezu beängstigend. Obwohl ein Beamer den Filmvorspann projiziert, ist von einer Bildrasterung nichts zu sehen. Wo sind sie hin, die Pixel? Obwohl ich in der fünften Reihe sitze, kann ich sie nicht erspähen. Brauche ich etwa eine Brille?
Der Vorspann ist erst der Anfang. Als der Digitalprojektor atemberaubende Aufnahmen von indischen Tempeln auf die Leinwand zaubert, ist es endgültig vorbei. An den Säulen fallen selbst kleinste Verzierungen sofort auf. Die Detailfülle überfordert das Auge regelrecht. Beim anschließenden Hubschrauberflug über schneebedeckte Gipfel wähne ich mich längst nicht mehr im Kino - sondern mitten in den Bergen.
Zweifel an der Digitaltechnik habe ich nach dieser Vorführung keine mehr. Kein Wunder: Der Beamer, den Sony in einem Kino am Potsdamer Platz in Berlin aufgestellt hat, schafft die enorme Auflösung von 4096 mal 2160 Pixeln. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Beamer schafft gerade mal 1024 mal 768 Punkte.
In der Sprache der Kinotechniker sind 4096 x 2160 gleich 4k - für Digitalfotografen sind es 8,8 Megapixel, die 24 Mal pro Sekunde an die Wand geworfen werden. Auf einer zehn Meter breiten Leinwand misst ein Pixel so nur noch 2,5 Millimeter. Selbst in den ersten Reihen müsste man ein Opernglas zu Hilfe nehmen, um die Rasterung erkennen zu können.
Das Erlebnis "Lichtspielhaus"
Beim D-Cinema setzt Hollywood ganz bewusst auf Topqualität -alles andere wäre töricht. "Wir müssen den Leuten im Kino ein Erlebnis bieten, das über das hinausgeht, was ein Home Cinema bieten kann", sagt Al Barton, Vice President von Sony Pictures.
Heimkinos könnten die klassischen Kinosäle in der Tat überflüssig machen. Das weiß auch Barton. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Beamer, die HD-Auflösungen beherrschen, bezahlbar werden. Derzeit kosten sie noch so viel wie ein Mittelklasse-Wagen.
"Das Kino ist ein Treffpunkt für Menschen", sagt Barton im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Man geht hin, trinkt vor der Vorstellung gemeinsam einen Kaffee, trifft Freunde - das sind Schlüsselmomente."
Barton glaubt fest daran, dass Digitalkino eine Erfolg wird. Er muss es auch, denn er ist bei Sony Pictures genau für D-Cinema zuständig - und arbeitet zudem in der
Digital Cinema Initiatives (DCI) , hinter der alle großen Filmstudios stehen.
Obwohl selbst modernste Projektoren noch immer gewisse Schwierigkeiten mit der Darstellung von dunklen und extrem hellen Farbtönen haben, überwiegen die Vorteile der Digitaltechnik. Verleiher könnten weltweit Millionen einsparen, wenn sie statt teurer 35-Millimeter-Kopien nur noch Daten in die Kinos schicken - vorzugsweise via Satellit oder Breitbandanschluss. Ein 90-minütiger Spielfilm umfasst rund 200 Gigabyte.
35 Millimeter, die die Welt bedeuten
Für die Zuschauer bedeutet Digitales Kino ein ungeahntes Schärfeerlebnis. Verluste der Bildqualität, wie sie beim Herstellen von Filmkopien zwangsläufig entstehen, sind ausgeschlossen. Ein Digitalfilm bekommt keine Kratzer - auch nach der tausendsten Vorführung sieht er perfekt aus.
Doch in Hollywood macht man sich trotzdem große Sorgen um die digitale Zukunft des Kinos. Es droht ein Formatwirrwar, wie es die Branche bislang nicht kennt. 35 Millimeter ist der Kino-Standard - seit knapp hundert Jahren weltweit.
Beim Fernsehen etwa ist die Lage deutlich unübersichtlicher: Da konkurrieren NTSC und PAL miteinander, dazu kommen verschiedene HDTV-Auflösungen (1280 mal 720, 1920 mal 1080), zwei konkurrierende Standards für den Nachfolger der DVD (HD-DVD oder Blu-ray) und diverse Standards für Digital-TV.
Um ein derartiges Kuddelmuddel zu vermeiden, haben die großen Filmstudios über die
Digital Cinema Initiatives (DCI) bereits einen einheitlichen D-Cinema-Standard definiert hat. Für digitales Kino kommen demnach zwei Auflösungen in Frage: 2K (2048 x 1080) oder 4K (4096 x 2160).
Der weitaus größten Teil der von DCI vorgelegten
"Digital Cinema System Specification" befasst sich jedoch mit dem Thema Sicherheit. Auf 93 von insgesamt 176 Seiten geht es um Kryptographie, Zertifikate, Schlüsselmanagement, Watermarking und Digitales Rechtemanagement. Starker Tobak für eine Branche, in der bislang nur der Ton digital ist und ansonsten riesige Rollen von Kino zu Kino gefahren werden.
Piraten allerorten
Doch die Angst vor Raubkopierern sitzt tief. Digitale Filmdaten wären eine ideale Kopiervorlage. Damit der wertvolle Inhalt nicht in falsche Hände gerät, soll er stark verschlüsselt werden. Das Dechiffrieren findet in einer von DCI definierten, geschlossenen Hardwarebox statt, die ihre Bilddaten nur an zertifizierte Projektoren herausrückt.
Die Projektoren sollen zusätzlich für den Betrachter nicht sichtbare Wasserzeichen ins Bild einarbeiten. Diese Watermarks verraten, wo und wann der Film projiziert wurde. Wer ihn mit einem Camcorder aufnimmt, bannt auch diese Informationen mit aufs Band - die Wasserzeichen sollen sogar das Abfilmen überstehen.
Im Grunde müsste sich dann nur noch jeder Kinobesucher am Eingang mit seinem Ausweis identifizieren - und die Überwachung wäre perfekt. So oder so - das Kino wird zum Hochsicherheitstrakt.
Die Technik für Verschlüsselung und Key Management steht, sagt Siegfried Foessel, Projektleiter Digital Cinema am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen, wo auch der MP3-Standard entwickelt wurde. Nur das sogenannte Forensic Marking sei "noch nicht ganz zu Ende definiert".
US-Kinos in fünf Jahren komplett digital?
Wie schnell sich das D-Cinema durchsetzt, ist schwer zu sagen. Hauptproblem sind die hohen Anschaffungskosten der Digitalprojektoren, die bei über 100.000 Euro liegen - vier Mal mehr als analoge Filmprojektoren, die zudem deutlich länger halten.
Produzenten und Verleiher, bei denen das größte Einsparpotential der Digitaltechnik liegt, müssten den Kinos ein Angebot machen, damit sich D-Cinema auch für die Betreiber rechnet.
Barton schätzt, dass der Umstieg auf Digitales Kino in den USA in den nächsten fünf bis acht Jahren passieren wird. "Weltweit wird es wohl zehn bis 15 Jahre dauern", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es könnte aber auch schneller gehen."
Doch der technische Fortschritt stößt nicht nur auf Begeisterung. So fürchtet mancher Regisseur und mancher Kameramann, dass beim D-Cinema der typische Filmlook verloren geht. In der Tat erreichen digitale Kameras nicht ganz die Farbtiefe von Analogfilm.
Doch was die charakteristische Körnung des Filmmaterials angeht, haben Entwickler eine gute Nachricht für alle Skeptiker und Nörgler: Sie lässt sich auch im Nachhinein in digitales Material "hineinrechnen" - der Digitalprojektor kann sich somit regelrecht verleugnen. Das Kino der Zukunft wird spannend.