Digitalfotografie Taschenknipsen im Pixelrausch
Der Absatz von Digitalkameras boomt und hat die Umsätze mit Analog-Apparaten längst überholt. Die Flut neuer Geräte ist kaum zu überblicken - besonders auf der größten Computerschau der Welt. Doch es gibt auch Gegentrends - Branchenprimus Canon will in Hannover nicht mehr antreten. Im alten Europa wollen die Krefelder ihr Engagement in diesem Jahr auf die im Herbst in Köln stattfindende Photokina-Messe fokussieren, die sie für zielgruppenspezifischer halten.
So wird man auf der Cebit das neue 8-Megapixel-Flaggschiff Canon Pro1 nicht zu Gesicht bekommen und sich stattdessen an die Kameras der Konkurrenz halten müssen, die allesamt ebenfalls im Preisbereich um 1200 Euro angesiedelt sind. Namentlich sind das die opulent ausgestattete, im klassischen Sucherkamera-Format gehaltene DiMAGE A2 von Konica/Minolta und die Olympus Camedia C-8080 Wide Zoom, die beide mit einem 28-mm-Weitwinkel-Objektiv (bezogen auf das Kleinbild-Format) ausgestattet sind.
Die Konica/Minolta kommt sogar mit einer aktiven Bildstabilisierung über einen beweglich aufgehängten CCD-Sensor. Nikons neue Coolpix 8700 beginnt erst bei 35 mm, deckt dafür aber einen 8-fachen Zoombereich bis 280 mm Kleibild-Brennweite ab. Und in der schnelllebigen Digicam-Welt fast schon ein Oldie ist die semiprofessionelle Sony DSC-F828, die vor gut einem halben Jahr den Reigen der 8-Megapixel-Modelle eröffnete.
Derart hohe Sensorauflösungen stellen natürlich eine besondere Herausforderung an die Optiken der Kameras dar. Denn die Bildinformation muss hier auf einer Sensorfläche von nur 58 Quadratmillimetern eingefangen werden - ein Foto auf einem Kleinbild-Film ist rund 15 mal so groß und setzt damit eine weit geringere Präzision der verwendeten Objektive voraus.
Objektive vollkommen überfordert
Bei den taschenfreundlichen Kleinst-Kameras ist derzeit deshalb - soll es seriös zugehen - an 8 Megapixel überhaupt nicht zu denken, schließlich soll der konstruktive Aufwand der winzigen Optiken ja noch bezahlbar bleiben. Viele dieser ultrakompakten Modelle haben allerdings schon den Übergang von der 4- zur 5-Megapixel-Auflösung nicht mehr vollständig abbilden können.
Hier zeigten sich manche Hersteller etwas zu sparsam, indem sie einfach die neuen Bildsensoren in die bestehenden Kameradesigns integrierten, ohne die Optiken hinreichend anzupassen. Die Verlockung war zu groß, schließlich kamen die neuen 5-Megapixel-Sensoren im selben Format wie die Vorgänger. Dass man damit die winzigen Objektive in Sachen Auflösungsvermögen an die Wand fuhr, musste ja nicht an die große Glocke gehängt werden, solange man die Kameras mit dem werbewirksamen "5-Megapixel"-Label versehen konnte.
Aber die Sensor-Sache hat noch einen anderen Haken: Bringt man nämlich auf derselben Fläche eine Million mehr Fotoelemente unter, dann schrumpft die lichtempfindliche Fläche jedes einzelnen Elements natürlich erheblich. Die aufgefangenen Signale müssen dann stärker angehoben werden, und damit verstärkt sich zwangsläufig auch das Bildrauschen. Hier liegt der Grund für die spürbar stärkere Rauschneigung der modernen 5-Megapixel-Kameras im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen. Dasselbe gilt für die neuen 8-Megapixel-Boliden, deren Sensorfläche sich früher höchstens 5 Millionen Bildpunkte teilen mussten.
Hier fragt es sich, ob 8-Megapixel-Kameras denn überhaupt nötig sind. Eindeutig "jein": Ein heute üblicher Fotobelichter kann 300 Linienpaare pro Zoll Bildhöhe belichten. Das sind für einen 10x15-Abzug nur 2,1 Megapixel an Bilddaten, für einen 13x18-Abzug aber schon 3,3 und bei einem DIN-A4-großen Foto in der Tat rund 8,4 Megapixel. Möchte man zudem die Verluste an effektiver Bildauflösung ausgleichen, die durch die Farb-Interpolation in fast allen Kameras anfallen, wären es beim A4-Format sogar fast 11 Megapixel vonnöten.
Nase weg vom Foto!
Dies alles gilt allerdings nur für den "unvernünftigen" Betrachter, der Digitalfotos auf Nasenlänge heranfährt, um akribisch nach Pixeltreppchen und sonstigen Artefakten zu suchen. "Vernünftig" wäre hingegen ein Betrachtungsabstand, wie er bei analogen Fotos typisch ist, bei dem also das Auge das Foto noch als Ganzes erfassen kann. Hält man diese "optimale Distanz" in Abhängigkeit von der Größe der Abbildung stets ein, so löst das menschliche Auge ohne weitere Hilfsmittel jeweils nur rund 1,5 Megapixel an Bilddaten auf, und zwar bei sämtlichen Fotoformaten, vom Mini-Ausdruck bis hin zum U-Bahn-Plakat.
Die heutigen preiswerten Einsteigermodelle mit 3 Megapixeln sind auf diese Weise demnach mehr als "good enough". Das erkennen auch die Markenhersteller und überlassen das untere Segment nicht mehr nur den chinesischen Billiglabels. So wird Olympus mit seiner Camedia C-310 Zoom ein 3-Megapixel-Modell mit optischem 3fach-Zoom für knapp unter 200 Euro zeigen, das auf einen Straßenpreis um 175 Euro hoffen lässt. Dieser niedrige Preis ist allerdings nur mit lichtschwacher Optik und einem CCD-Sensor von nur noch knapp 21 Quadratmillimetern Größe realisierbar, was für das Rauschverhalten nichts Gutes erahnen lässt.
Da in dieser Klasse leider meist auch die Iso-Empfindlichkeit nicht manuell geregelt werden kann, drehen diese Kameras bei wenig Licht die Bildverstärkung noch zusätzlich hoch, was oft in völlig inakzeptablen Rauschorgien endet. Auch am manuellen Weißabgleich wird gern gespart - hier muss sich der Digifoto-Einsteiger oft auf die Kamera-Automatik oder feste Einstellungen wie "Sonnenlicht" oder "Glühlampe" verlassen. Ein Vorteil zur Analogkamera ist aber auch das allemal, denn dort muss man bei besonderen Lichtsituationen ja gleich den Film wechseln oder mit lichtraubenden Filtern arbeiten.
Pixelwahn endet in Rauschorgien
Auch die sonstigen prinzipiellen Vorzüge der Digitalfotografie kommen natürlich schon bei den Einsteigermodellen zum Tragen. So etwa das unmittelbar kontrollier- und notfalls lösch- und wiederholbare Sofortbild mit seinen geringen Folgekosten, bei dem man nicht immer gleich ganze Filme entwickeln und abziehen lassen muss und die Bilder für wenige Cent auf CD oder DVD archivieren kann. Auch die Stromversorgung durch wiederaufladbare Akkus an Stelle teurer Einweg-Fotobatterien senkt die Betriebskosten. Besonders vorteilhaft sind hier Mignon-Akkus, denn die gibt es preiswert an jeder Ecke, und im Notfall kann man auch mit Alkali-Batterien aus dem Supermarkt weiterknipsen.
Wie überhaupt das Wissen um die niedrigen Folgekosten beim Fotografen endlich auch die Knipshemmung schwinden lässt, die sich früher durch das bei jedem Analog-Foto im Geiste fallende 20-Cent-Stück unangenehm eingebrannt hatte. Beste Voraussetzungen für einen fürderhin völlig enthemmten Fotospaß.
Wer indes zu den besonders zögerlichen Naturen gehört, für den könnte sich ein Blick auf die jüngste HP-Kamera lohnen, obschon erst auf der Photokina-Messe im Herbst: Die Photosmart R707 soll in ihren Aufnahmen mit Hilfe einer Szenenanalyse "60 typische Fotofehler" erkennen und dem Fotografen Korrekturen vorschlagen können. - Dies wirft die bange Frage auf, ob Kameras demnächst intelligenter sein werden als ihre Benutzer? Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte dann wohl endlich auch die letzte, bisher stets für undenkbar gehaltene technische Hilfe Realität geworden sein: die Motivklingel.