Digitalfotos Anfassen ist wichtig
Der Siegeszug der Digitalfotografie ist beeindruckend. Längst werden deutlich mehr digitale Apparate verkauft als analoge. Jeder Hersteller, der irgendwie eine Optik mit einem Sensorchip und einem Flashspeicher zusammenschrauben kann, will von dem Boom profitieren und wirft ein neues Gerät nach dem anderen auf den Markt. Drei oder vier Megapixel? Dreifachzoom? Das war gestern.
Die Kompaktkameras werden immer kleiner und knipsen auch immer flotter. Die lange Auslöseverzögerung, früher ein großes Ärgernis, ist bei neuen Modellen immer seltener anzutreffen. Selbst digitale Spiegelreflexapparate sind mittlerweile für den ambitionierten Hobbyfotografen erschwinglich.
Händler und Hersteller freuen sich über Rekordumsätze. Einzig den Entwicklungslabors, die über Jahrzehnte mit Papierabzügen von Negativfilmen ihr Geschäft machten, wurden düstere Prognosen gestellt. Fotos auf Papier - das galt als Auslaufmodell. Diashowprogramme für PC, Beamer und Fernseher oder Fotofunktionen in Media-Center-PCs - so sollte die Zukunft der Fotografie aussehen. Tatsächlich wurden im Jahr 2004 mehr als ein Drittel aller Fotofinishing-Betriebe in Deutschland geschlossen.
Doch offenbar hängen die Menschen stärker am Papier, als zunächst angenommen. Wie auch im Büro die Papierausdrucke nicht verschwunden sind (sondern eher zugenommen haben), so setzen auch Fotografen nach wie vor auf Bilder zum Anfassen und Herumzeigen. Nicht zuletzt, weil Papier einfach praktisch ist.
Digitale Fotodienste vermelden Rekordumsätze - und die Zahl auf Fotopapier gebrachter Digitalaufnahmen dürfte noch rasant zunehmen. Die Menschen machen viel mehr Fotos als früher, berichtet Peter Ulbricht, Manager beim Internet-Bilderdienst Pixelnet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Kein Wunder, ein Digitalfoto mehr kostet ja auch nichts extra - anders als beim analogen Film. Wenn die Aufnahme misslingt, kann man sie ja immer noch löschen.
Pixelnet hat im ersten Halbjahr 2005 23 Millionen Digitalfotos von Kunden entwickelt. "Das waren mehr Fotos als im gesamten vorigen Jahr", sagte Firmenchef Gerhard Köhler. Er rechnet mittelfristig mit Umsatzsteigerungen von 25 Prozent pro Jahr. Der Anteil digitaler Fotos liegt bei der Firma aus Wolfen in Sachsen-Anhalt bei derzeit 75 Prozent - Tendenz steigend. Über das Webportal können Pixelnet-Kunden ihre Digitalfotos auf den Firmenserver laden; ein paar Tage später kommen sie per Post zurück - auf Papier.
Pixelnet gehört, bundesweit gesehen, eher zu den kleineren Anbietern. Cewe Color aus Oldenburg beispielsweise entwickelt 3,5 Milliarden Fotos pro Jahr, davon im Jahr 2004 508 Millionen Digitalfotos. Die Firma betreibt ihre Labore allerdings nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern.
Der Boom bei Digitalfotos spiegelt die Rekordverkäufe bei Kameras wider: 2004 gingen sieben Millionen Geräte über den Ladentisch. Digitalkameras erreichten einen Anteil von 84 Prozent an allen verkauften Fotokameras.
Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die Gesamtzahl ausbelichteter Bilder mittelfristig trotzdem zurückgeht. Werden derzeit in Deutschland noch insgesamt sechs Milliarden Bilder entwickelt (analog und digital zusammen), sollen es 2008 nur noch vier Milliarden sein. Der Großteil davon dürften digitale Aufnahmen sein.
Ein Zusatzgeschäft erhoffen sich die Fotobelichter von Produkten wie bedruckten Tassen, T-Shirts oder kleinen Fotobüchern, die komplett digital gedruckt werden, auch in einer Auflage von einem Stück.
Holger Dambeck