Digitalkamera-Trends Die Auslöseverzögerung bleibt
SPIEGEL ONLINE: Fast wöchentlich bringen die Hersteller neue Digitalkameras heraus. Kann ich mir heute ruhigen Gewissens eine kaufen - oder soll ich lieber noch ein paar Monate warten?
Rainer Claaßen: Es ist schon seit einiger Zeit kein schlechter Zeitpunkt für einen Kauf. Ich sehe keinen ernsthaften Grund, das noch auf die lange Bank zu schieben. Die Digitalkameras sind recht ausgereift und funktionieren gut. Die meisten Geräte haben eine akzeptable Bildqualität. Auch die Bedienung ist nicht mehr so kompliziert. Wer Geld sparen will, greift zu Auslaufmodellen. Die sind günstiger als neu vorgestellte.
SPIEGEL ONLINE: Neue Modelle werden fast immer mit neuen Funktionen vermarktet. Sind das nicht nur noch Scheininnovationen, weil die Kameratechnik ja ausgereift ist?
Claaßen: Die Sprünge von Modellgeneration zu Modellgeneration sind nicht immer groß. Manchmal lassen sich die Hersteller aber brauchbare Dinge einfallen. Zum Beispiel die neue Technik von Fujifilm. Da erkennt der Fotoapparat Gesichter und stellt dann gezielt darauf scharf. Das ist ein Feature, das durchaus hilfreich sein kann, wenn es denn funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: Funktioniert es denn?
Claaßen: Ich hab es noch nicht getestet, bin also auf die Herstellerangaben angewiesen. Aber es gibt andere Innovationen, die wir getestet haben. Zum Beispiel die Bewegungserkennung von Panasonic: Während ich den Auslöser drücke, prüft der Fotoapparat, ob es schnelle Bewegungen im Motiv gibt, und passt die Belichtungszeit daran an. Das führt unterm Strich zu mehr gelungenen Bildern. Das sind Innovationen, die handfeste Vorteile bringen.
SPIEGEL ONLINE: Viele Kamerabesitzer ärgern sich über die Auslöseverzögerung. Warum gibt es die überhaupt - selbst bei ganz neuen Modellen?
Claaßen: Bei analogen Kameras misst ein separater Sensor unabhängig von der Filmebene das Licht und passt die Belichtung an. Sie haben also zwei separate Systeme. Bei Digitalkameras ist der Sensor, der das Bild aufnimmt, auch zuständig für die Belichtungsmessung. Wenn ich auf den Auslöser drücke, muss die Kamera erst mal umschalten von Mess- auf Aufnahmebetrieb. Das braucht Zeit. Hinzu kommt die Zeit zum Scharfstellen. All das kann man immerhin umgehen, indem man den Auslöser nur halb drückt und damit alle Einstellungen schon vorab vornimmt und erst durchdrückt, wenn man fotografieren will. Mit dieser Methode habe ich bei modernen Kameras praktisch keine Auslöseverzögerung mehr.
SPIEGEL ONLINE: Aber wenn ich spontan einen Schnappschuss machen will, muss ich eine halbe Sekunde warten
Claaßen: Eine halbe Sekunde ist viel. Da sind neue Modelle schneller. Aber es nicht abzusehen, dass diese Verzögerung ganz verschwindet: Es geschehen ja tendenziell immer mehr Berechnungen in der Kamera, etwa zur Bildanalyse oder Bewegungserkennung, die zusätzlich Zeit kosten. Das Problem mit der Auslöseverzögerung tritt bei digitalen Spiegelreflexkameras nicht so stark auf. Bei ihnen ist die Sensorik der Belichtungssteuerung vom Aufnahmesensor getrennt.
SPIEGEL ONLINE: Die Preise für solche Spiegelreflexkameras sind stark gefallen. Lohnen sie sich jetzt auch für Privatleute?
Claaßen: Dahin geht die Tendenz. Durch das Bestreben der großen Hersteller, sich in dem Markt zu etablieren entsteht ein Preiskampf wie vor ein paar Jahren bei Kompaktkameras. Noch sind die verkauften Stückzahlen allerdings nicht sehr hoch.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollte man sich überhaupt eine digitale Spiegelreflexkamera kaufen?
Claaßen: Erst mal sind Spiegelreflexkameras in der Regel deutlich schneller als Sucherkameras. Denken Sie an die kaum vorhandene Auslöseverzögerung. Oder die Serienbildfunktion: Das kann eine Spiegelreflexkamera viel besser. Trotzdem wird das sicher nicht der ganz, ganz große Markt. Spiegelreflexkameras sind vor allem für ambitionierte Fotografen interessant, die manuelle Einstellmöglichkeiten nutzen und etwas anspruchsvollere Fotos machen wollen. Für den normalen Knipser sehe ich das nicht.
SPIEGEL ONLINE: Geht es bei diesen Geräten nicht schlicht darum, dass längste Objektiv zu haben?
Claaßen: Sicher ist eine Spiegelreflexkamera auch ein Statussymbol. Man kann sich damit besser blicken lassen, die Kameras machen mehr her. Aber meistens auch bessere Fotos.
SPIEGEL ONLINE: Einen gigantischen Zoom haben auch sogenannte Bridge-Kameras. Zudem sind sie oft billiger als Spiegelreflex-Modelle.
Claaßen: Sie bieten die Funktionalität einer Spiegelreflexkamera, nur das Objektiv kann man nicht wechseln. In die Geräte werden deshalb Objektive eingebaut, die einen großen Zoombereich abdecken. Bei Weitwinkelaufnahmen wird das aber doch zum Kompromiss: Umgerechnet auf Analogkameras erreichen die Geräte meist nur 35 Millimeter-Weitwinkelbrennweite. Ein klassisches Weitwinkelobjektiv hat 28 Millimeter - und da bekomme ich einfach einen deutlich größeren Winkel aufs Bild. Das ist auch ein großer Vorteil der Spiegelreflexkamera. Man kann sich jederzeit ein passendes Objektiv nachkaufen und natürlich auch anderes Zubehör.
SPIEGEL ONLINE: Ein lukratives Geschäft für die Hersteller?
Claaßen: Ja, denn die Margen auf Kameras sind gering - die auf Zubehör in der Regel deutlich höher. Wenn ich ein Gerät habe, für das es viel Zubehör gibt und der Kunde dies auch wünscht, dann können sowohl Hersteller als auch Händler mehr daran verdienen. Vielleicht auch mit Dingen, bei denen das Preisbewusstsein nicht so hoch ist. Wer ein Objektiv sucht, geht zum Fachhändler und kauft, was der hat. Man guckt nicht ganz so auf den Euro.
SPIEGEL ONLINE: Welche Innovationen erwarten Sie in der Zukunft? Oder sind die technischen Raffinessen ausgereizt?
Claaßen: Die Kameras werden mithilfe von Computertechnik immer besser feststellen können, um was für ein Motiv es sich handelt und welche Einstellungen dafür optimal sind. Das wird die Ausschussquote weiter senken. In dieser Richtung wird sehr viel geforscht. Der Bildstabilisator ist ein gutes Beispiel dafür.
Das Gespräch führte Holger Dambeck