Digitalradio Klänge aus dem Orbit
Was Neulinge überrascht, ist die hohe Zahl der bereits jetzt frei verfügbaren Programmangebote. Mitunter ist das nicht mehr als ein glücklicher Umstand: So sendet der WorldSpace-Satellit AfriStar digitales Sat-Radio an portable Empfangsgeräte primär für Hörer in Afrika und Nahost - und stößt auf Grund der auch für die Betreiber selbst überraschend großen technischen Reichweite auch in Europa vermehrt auf Interesse. Das Münchner katholische Radio Horeb will seine Hörer im deutschsprachigen Raum ab Oktober auch über AfriStar erreichen.
Doch die jüngste Zielgruppe für die Anbieter von digitalem Sat-Radio sind Europas Autofahrer: WorldSpace und Neueinsteiger Global Radio haben den Aufbau von Satellitensystemen für den mobilen Empfang angekündigt. Die Spezialisierung verheißt den Betreibern attraktive Deals mit der Autoindustrie, die ihrem Vertriebsmedium zum Durchbruch verhelfen könnten.
Die Idee hat Vorbilder in den USA
In den Vereinigten Staaten gehen noch im Laufe des Jahres mit XM Radio und Sirius Radio zwei Anbieter an den Start, um künftig per Satellit den Markt der nordamerikanischen Autofahrer mit jeweils bis zu 100 digitalen Radiokanälen zu versorgen. Diese werden im Vergleich zu den Programmen der überwiegend kommerziellen terrestrischen Radiosender beinahe werbefrei, jedoch nicht kostenlos sein: Rund 13 Dollar sollen Auto fahrende Abonnenten monatlich bezahlen, zusätzlich zur fälligen Neuanschaffung eines für den Digitalempfang geeigneten Autoradios.
Dennoch geben sich die Betreiber zuversichtlich, dass sich der Erfolg von Pay-TV im Radiobereich wiederholen lassen wird. Beide Anbieter haben Kooperationspartner unter führenden Autoherstellern gefunden, die ihre Fahrzeuge ab Werk mit einem der bis zu 500 Dollar teuren Autoradios für Digitalempfang aus dem Orbit ausstatten wollen. Als nächster Schritt ist die Entwicklung von Empfangsgeräten für den heimischen Bereich angedacht.
Der Luxemburger Paul Heinerscheid, Präsident der im Juni 2000 gegründeten Satellitenorganisation Global Radio mit langjährigen Erfahrungen im Bereich Satellitenrundfunk, will diese Geschäftsidee nach Europa tragen. Im Gegensatz zu geostationären Satellitensystemen wie Astra oder auch WorldSpace mit ihren festen Positionen über dem Äquator werden die drei Satelliten von Global Radio in einer elliptischen Umlaufbahn kreisen und sich während des Flugs über Europa mit den Übertragungen alle acht Stunden abwechseln.
Dadurch wird in weiten Teilen Europas ein fast senkrechter Sendewinkel (Elevation 70 bis 90 Grad) zur Erde erreicht, so dass Empfangsgeräte in Fahrzeugen auch in Häuserschluchten noch weitgehend sicher versorgt werden können. Die Empfangsantenne auf dem Autodach ähnelt in Größe und Form einem Bierdeckel. Während Tunneldurchfahrten soll ein Datenpuffer im Empfangsgerät für das ununterbrochene Empfangsvergnügen sorgen.
Bereits 2005 soll das System betriebsbereit sein und rund 70 digitale Radioprogramme ausstrahlen. Der für ein Vorhaben dieser Art enge Zeitrahmen soll möglich werden, da man sich auf bereits entwickelte Technologien stützen könne, die für die neue Anwendung adaptiert werden.
Und der schnöde Mammon?
Geld verdienen möchte Global Radio auf mehreren Wegen: Einen Teil der Übertragungskapazitäten will man an nationale Rundfunkveranstalter vermieten. Da mit mehreren Spotbeams gearbeitet wird, lassen sich verschiedene Regionen Europas - Heinerscheid spricht von acht Sprachmärkten - gezielt versorgen.
Zusätzlich wird an das Angebot eines speziellen werbefreien Programmpakets gedacht, das überwiegend aus Musik verschiedener Richtungen und Wortprogrammen besteht und für dessen Freischaltung von Nutzern eine monatliche Gebühr erhoben werden soll: Das wäre Pay-Radio-on-demand. So gut das klingt, in Deutschland machen die Kunden Ähnliches schon im Fernsehen nicht mit, wie Leo Kirch weiß.
Doch Heinerscheid hat auch ganz handfeste Dienstleistungen zu vermarkten: Automobilhersteller und Dienstleister können Datenkanäle für Servicezwecke und Verkehrstelematik anmieten, um auf diesem Weg den Datenbestand von Navigationssystemen in Fahrzeugen auf den tagesaktuellen Stand zu bringen oder aktuelle Stauwarnungen zu übermitteln.
Für den Empfang von Global Radio geeignete Autoradios sollen zur Erstausstattung von Neufahrzeugen gehören. Angesprochen auf die chronischen Startschwierigkeiten des terrestrischen Digitalradios gibt sich Heinerscheid realistisch: Die Endverbraucher kaufen keine Technik, sondern Inhalte. Daher hat eine neue Übertragungstechnik wie Global Radio nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn diese attraktive und bislang in dieser Form nicht zugängliche Programmangebote und Datendienste bietet. Hierzu zählt auch die langfristig angedachte Produktion eigener Radioprogramme, die frei empfangbar, aber werbefinanziert sein sollen.
Während die wichtigsten technischen Fragen weitgehend beantwortet sind, und die Regierung Luxemburgs bereits eine Sendelizenz in Aussicht gestellt hat, geht die Suche nach Investoren weiter: Gerechnet wird mit einem Investitionsvolumen von bis zu 1,5 Milliarden Euro, davon 800 bis 900 Millionen Euro für den Aufbau der technischen Infrastruktur. Die Aufbringung derartiger Beträge ist, auch hier erweist sich Heinerscheid als Realist, nicht nur angesichts der aktuellen Lage an den Börsen alles andere als einfach.