DivX;-) : Alptraum für die Traumfabrik - DER SPIEGEL
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DivX;-) Alptraum für die Traumfabrik

Ein Video-Komprimierungsformat aus dem Web-Untergrund lehrt Hollywood das Fürchten. Immer mehr raubkopierte DivX-Blockbuster kursieren im Netz. Nun haben die Entwickler den Quellcode der Nachfolgeversion veröffentlicht.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hollywood zittert vor Mayo aus Frankreich. Genauer gesagt vor dem "Project Mayo" eines französischen Hackers. Jérome Rota heißt der Bösewicht, der im vergangenen Jahr mit DivX;-) ein Video-Komprimierungsformat vorgestellt hat, das Spielfilme derart stark zusammenschrumpft, dass sie bequem auf eine konventionelle CD passen - oder im Internet zu übertragen sind.

Seit Monaten arbeitet Rota - alias "Gej", so sein Underground-Pseudonym - bereits an einem Nachfolger. DivX Deux soll noch leistungsfähiger als die aktuelle Version sein und hochwertigere Digi-Videos ermöglichen. Dabei ist die Qualität DivX-kodierter Filme bereits heute schon besser als VHS und reicht fast an den DVD-Standard heran.

Diese Woche hat Rotas internationale Truppe nun den Quellcode der neuen Software veröffentlicht. Jeder interessierte Programmierer ist aufgerufen, sich am "Project Mayo" zu beteiligen und das Tool zu verfeinern. Die Hackerbande verspricht sich von der Offenlegung einen wichtigen Schub für DivX Deux: Die Entwicklung für unterschiedliche Plattformen soll forciert werden. Auf der "Project Mayo"-Site stehen neben dem Windows-Quellcode bereits die Text-Pendants für Linux, Mac und die Sony Playstation zum Download bereit.

Droht der Filmindustrie ein Napster-Effekt?

Was das für die Filmbranche bedeuten kann, ist einfach auszumalen: Ein Heer von Software-Experten und Webfilmfans basteln gemeinsam an einem Programm, das letztlich vor allem einem dient: raubkopierte Filme im Internet zu vertreiben. Wer schon mal von "File-Sharing" gehört hat, weiß, was Hollywood blüht - der massenhafte Online-Tausch illegaler Blockbuster könnte bald zum Volkssport werden. Dem Entertainment-Biz drohen ähnliche Millioneneinbußen wie durch MP3.

Schon im vergangenen Jahr kursierten bei den Sharing-Diensten iMesh, Gnutella oder Scour DivX-kodierte Kassenschlager wie "Mission Impossible II", "The Matrix" oder "Gladiator" frei verfügbar im Web. Teilweise standen aktuelle Filmhits gar unmittelbar nach ihrem Kinostart im Netz - so geschehen bei der Marvel-Verfilmung "X-Men", die nur Stunden nach der Premiere online erhältlich war.

Und immer mehr Blockbuster finden direkt nach ihrer DVD-Veröffentlichung den Weg ins Internet. Das Kopieren der eigentlich gesicherten Movie-Silberlinge ermöglicht das von norwegischen Hackern entwickelte "De-Content Scrambling System" (DeCSS). Die US-Filmindustrie lief im Sommer 2000 Sturm gegen das Programm, prozessierte gegen ihre Veröffentlichung auf der Hackersite 2600.com - und gewann prompt. Wie jedoch kaum anders zu erwarten war, ist DeCSS seitdem nicht aus den Netz verschwunden. Vielmehr bieten verschiedene einschlägige Sites nicht nur DeCSS an, sondern auch gleich raubkopierte Filme und minutiöse Anleitungen zur Komprimierung von DVDs in DivX.

Microsoft-Crack oder nicht?

Technisch basiert DivX;-) auf einer Weiterentwicklung des MPEG-4-Video-Standards. Web-Gerüchten zufolge soll sich Rota in der Vergangenheit damit gebrüstet haben, seinem Programm liege ein geknackter MPEG-4-Codec des Windows-Media-Player zu Grunde. Ein "Project Mayo"-Sprecher dementiert dies mittlerweile heftigst und behauptet, der Codec sei eine Eigenkreation. Auch Microsoft bestätigte den Crack bislang nicht.

Eindeutig zu klären ist dagegen die Herkunft des kuriosen Namens DivX;-). Das hieroglyphe Kürzel - allerdings ohne Smilie - geht zurück auf ein Konkurrenzprodukt zur DVD. Die Entwicklung des unter Federführung der US-Handelskette Circuit City initiierten Formats wurde jedoch 1998 noch vor der eigentlichen Markteinführung eingestellt. Als DivX;-) erlebt das für den Leihvideomarkt konzipierte DivX nun zumindest terminologisch ein Revival - technisch haben beide Formate nichts gemeinsam. Der Smilie dient als Seitenhieb auf den groß gehypten Millionenflop.

Mit DivX;-) komprimiert, passt ein 90-Minuten-Film in nahezu bildschirmfüllendem Format auf eine einzige CD-Rom. Bei einer Bildauflösung von 640 mal 480 Pixeln und einer Soundqualität von 96 kBit/s benötigt ein Streifen weniger als 700 Megabyte Speicherplatz und lässt sich somit nicht nur auf eine CD brennen, sondern auch via Highspeed-Zugang in nur wenigen Stunden im Netz übertragen. Ohne DivX-Kompression ist eine solche Videodatei bis zu zehn Gigabyte groß.

DivX-Ableger und kein Ende

Neben Rota arbeiten auch noch andere Computerfreaks an DivX-Varianten. So kündigte etwa der 19-jährige Amerikaner Eric Smith Ende vergangenen Jahres ein neues Kompressionsverfahren auf Basis des QuickTime-Players von Apple an - die Computerschmiede hatte dem Teenager sogar eine Genehmigung dafür erteilt.

Im Dezember stellte das belgische Unternehmen Happy Machines die Betaversion einer DivX-Weiterentwicklung vor: Der "3ivX Delta Decoder" kann den Machern zufolge bei besserer Bildqualität wesentlich höhere Kompressionsraten erzielen. Mit 3ivX kodierte Movie-Files sollen bis zu 60 Prozent weniger Speicherplatz benötigen als Rotas "Ur-Version".

Ein zu Testzwecken 3ivX-komprimierter "Matrix"-Trailer konnte ohne größere Qualitätseinbußen auf sieben Megabyte zusammengeschrumpft werden - das entspricht etwa dem Speichervolumen von gerade mal zwei MP3-Songs. So nahe dran am populären Web-Musikformat sind die Cyberfilmpiraten also schon. Sehr zum Unmut Hollywoods werden die nächsten DivX-Generationen und die zunehmende Verbreitung von Breitbandzugängen die Entwicklung weiter beschleunigen.