Doch noch bekehrt Endlich, meine Glotze crasht!
Ja, ja, die gute alte Konvergenz. TV und Internet wachsen zusammen. Blabla, Rhabarber, Rhabarber: Seit fast zehn Jahren hören wir das nun, und irgendwie war's doch nie was. Ambitionierte Versuche, Web-Surfen für träge Couch-Potatoes vom Wohnzimmer aus gesellschaftsfähig zu machen, sollten stets ebenso kläglich scheitern wie Bemühungen, Stereoanlagen zu vernetzen.
Bekanntestes Beispiel dafür ist etwa die 1997 von Microsoft übernommene Firma WebTV: Einst hochfliegenden Plänen mit der 425-Millionen-Dollar-Akquisition zum Trotz hat das von Microsoft in MSN.TV umgetaufte WebTV lediglich eine Nische im Markt für technisch uninteressierte E-Mail-Anfänger und Senioren gefunden - entsprechend wird MSN.TV zwischenzeitlich auch vermarktet. Die einst als "Infotainment-Revolution" gepriesenen WebTV-Surfstationen der ersten Generation werden heute in den USA für Cent-Beträge auf Flohmärkten und Garagenverkäufen verramscht.
Dennoch müht sich die Computerbranche nun erneut redlich, den Personal-Computer ins Wohnzimmer zu bringen und dort mittels der guten alten Glotze zur Unterhaltungszentrale des modernen Haushalts aufzumotzen. "Media Center PC" heißt die Losung, womit Multimedia-Rechner auf Basis der Windows-XP-Variante "Media Center Edition 2004" gemeint sind, die - einfach ausgedrückt - Fernseher, Stereoanlage und den Internet-PC miteinander verknüpfen und damit Zugriff auf gespeicherte Digi-Fotos, -Filme, -Musikstücke, digitalisierte TV-Sendungen oder DVDs ermöglichen. Wohlgemerkt, ohne dass man sich auch nur einmal vom Sofa erheben muss: Bedient werden die Media-Center-Kisten nicht mit Mausklicks, sondern via mitgelieferter Infrarot-Fernbedienung.
Seit Monaten spiele ich bei den einschlägigen IT-Shows von Comdex über CES bis IDF mit eben diesen herum. "Künftig braucht man so oder so nur noch eine zentrale Fernbedienung", verspricht Intel-Boss Barrett, dessen Firma hochtrabend den "consumption focused Entertainment-PC" proklamiert.
Das will man natürlich genauer wissen, durchstöbert gründlich die Sonntags-Werbebeilagen der PC-Händler und liebäugelt mit Media-Center-Modellen von Sony, HP oder Gateway. Am Ende soll es gar ein Dell sein.
Die Kollegen rümpfen die Nase, dass ich mir das antue, weiterhin in der Windows-Welt umherzukreuchen und mit der täglichen E-Mail-Virenschwemme samt (mehrfach!) überschriebenen Postfächern zu ringen. (Journalisten stehen nun mal hartnäckig auf Apple, auch wenn man eben diese beim Silicon-Valley-Pionier in Cupertino in der Regel alles andere als zuvorkommend behandelt.)
Und nun unterstütze ich auch noch Michael Dell, den pausbackigen Texas-Milliardär, der George W. Bush mitfinanziert und es mitsamt seiner unlockeren Blauhemden-Entourage regelmäßig schafft, vor lauter Begeisterung über stetig steigende Quartalszahlen aus jeder Keynote eine BWL-Vorlesung zu machen. Zwei Übel für einen Preis, greint da der Skeptiker. Ich kaufe trotzdem - und die Metamorphose des Familienlebens beginnt.
Ungeahnte TV-Freuden
Noch steht der "Neue" auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer - mit dem Ergebnis, dass sich hier nun immer öfter die komplette Familie versammelt. Das ist zwar nett und kommunikativ, aber nicht sonderlich hilfreich für die Arbeit. Und zu der gehört nun mal auch Fernsehen. Leider - das gilt vor allem in den USA.
Wer mal versucht hat, sich einen Abend lang vor einer US-Glotze zu "unterhalten", weiß, wie unbefriedigt man am Ende ins Bett geht. Nichts anderes gilt für das Journalisten-Pflicht-Programm: Nachrichten. Noch schlimmer: "Local News".
Doch siehe da: seit das Media-Center-Zeitalter angebrochen ist, macht selbst das Spaß. Schließlich braucht man angesichts der gleichzeitigen Inhaltsschwäche und Kommerzfülle nicht mal mehr vier Minuten, um sich einen 30-Minuten-Lokalnachrichten-Block reinzuziehen - den Finger dabei stets auf der Vorspultaste. Ein "wichtiges" Zitat verpasst, spult man einfach zurück.
Jiphiie, ich bin also endlich Herr über meine Fernsehzeit. Habe bei aller neu entdeckter Fernseh-Lust nun jedoch den Stress, dass ich a) ja nichts "Wichtiges" verpasse aufzunehmen und b) all die Aufzeichnungen anschaue (und lösche, denn eine 80-GB-Platte ist schon nach drei Wochen zu klein). "Jiphiie" sagt auch der Zweieinhalbjährige fast täglich, wieder lauert eine "Bob der Baumeister"-Episode im Kinder-Verzeichnis. "Jiphiie", freut sich auch die Göttergattin, die keine "Friends"-Folge mehr verpasst und endlich ihre Digi-Musikfiles und -Bilder auf dem Rechner findet.
Es ist - so gerne man da unkt - also doch ein Stück Verlass auf die Herren der "Wintel"-Welt, die Mister Gates, Barret & Co.
Erstens: Das Potenzial des Media-Center-PCs ist tatsächlich alles andere als zu unterschätzen; dabei steht meiner ja noch nicht mal in der Wohnstube, wo er im Sinne des Intel-Konzepts "Content anytime anywhere" eigentlich hingehören sollte und ihn der Rest der Familie auch vehement haben will.
Zweitens: Nun crasht also auch mein Fernseher. Und das deutlich öfter als mein drei Jahre alter, ordentlich geschundener XP-Rechner. Aber das kennen wir ja, das ist ein Stück digitale Heimat. Ab und an schmiert nun halt auch der Fernseher ab: Nichts, was man mit einem Reboot nicht beheben könnte.