Domain-Streit High Noon um sex.com
Wir schreiben das Jahr 1994: Der Stanford-Absolvent Gary Kremen sitzt im Silicon Valley und beginnt damit, sich bei Internic viel versprechende Domain-Namen auf sein Unternehmen Online Classifieds registrieren zu lassen, darunter auch sex.com. Er setzt sich selbst als Kontaktperson auf die Homepage und macht sich daran, einen entsprechenden Business-Plan für die Seite zu stricken. Im Laufe des Jahres konzentriert er sich allerdings auf andere Geschäftsbereiche und stellt sex.com erst einmal hinten an.
Weit weg vom Silicon Valley, etwas abgeschirmt von der kalifornischen Sonne, sitzt Stephen Cohen im Staatsgefängnis von Lompoc ein und hat viel Zeit nachzudenken. Er verbüßt 46 Monate für schweren Diebstahl und Betrug. Am 1. Februar 1995 kommt er frei.
Das ultimative Ding
Cohen überrumpelt am 15. Oktober 1995 Network Solutions (NSI), Nachfolgeorganisation von Internic, mit einem gefälschten Schreiben von Kremens Firma Online Classifieds und bringt die Domain-Verwaltung dazu, die Rechte für sex.com auf ihn zu übertragen. Am 18. Oktober dämmert Kremen, was passiert ist: "Ich wachte auf, und sie war weg", berichtet er geschockt.
Gegenstand eines delikaten Rechtsfindungsprozesses ist nun die Frage, wem die Domain rechtlich zusteht: Dazu erging im Mai dieses Jahres ein interessantes Urteil. Ein Bezirksrichter stellte fest, dass Domains kein Eigentum darstellen und damit auch nicht unter die entsprechende Rechtskategorie fallen.
Am Montag dieser Woche trafen sich die beiden Kontrahenten erneut vor Gericht. Die Frage, die nun geklärt werden soll: Gleicht eine Domain eher einem Stück Land oder einer Telefonnummer, die für einen zeitlich begrenzten Service steht?
Die beiden Streitparteien deuteten das Urteil auf ihre Weise.
Cohen: "Wenn die Domain nicht Network Solutions gehört, gehört sie mir."
Kremen: "Wenn sie kein Eigentum darstellt, kann sie weder NSI noch Cohen gehören."
Network Solutions sieht sich bevorzugt in der Rolle eines Telefonunternehmens: "Ein Domain-Name ist kein Eigentum, er ist ein Service", meint ein NSI-Anwalt.
"Domains sind zwar eine sonderbare Art von Besitz, aber ich habe keinen Zweifel, dass man sie als Besitz betrachten sollte", sagt Mitchell Zimmermann, ein Marken- und Urheberrechtsspezialist aus Palo Alto. "Ich finde es alarmierend, dass niemand schützende Interessen bei Domain-Namen geltend machen kann." Kremens Anwälte hoffen nun, dass sie im Falle Cohen beweisen können, dass sex.com tatsächlich einen Besitz darstellt.
Der letzte Trumpf
Selbst wenn Kremen nicht Recht bekommen sollte, kann er immer noch den Vorwurf der Urkundenfälschung ins Feld führen. "Wenn er Cohen den Betrug nachweisen kann, könnte er ein Urteil erreichen, dass NSI die Domain wieder zurückgeben muss", bewertet ein Beobachter die Chancen Kremens.
"Ich werde mein ganzes Geld dafür verwenden, um den Fehler von Network Solutions zu korrigieren," kündigte Kremen an. "Die Sache ist direkt auf Sicherheitsmängel bei NSI zurückzuführen. Und wenn sie ein Problem haben, können sie nicht sagen, es sei meine Schuld - das ist ja lächerlich."
Allzu große Sorgen muss man sich um die Zukunft des Cohen jedoch nicht machen. Selbst wenn er die Domain verliert, hat er in der Zwischenzeit so gut verdient, dass er sich vergangenes Jahr sogar den Kauf der Casino-Kette Caesar's Palace überlegte. Der 51-Jährige dirigiert ein undurchsichtiges Firmenimperium mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln und vertraut auch geschäftlich immer wieder auf seine kriminellen Fähigkeiten.
Im Mai 1996 wollte er sich sex.com als Marke schützen lassen, blitzte aber ab. Das hinderte ihn aber nicht daran, andere Seitenbetreiber, die ebenfalls das Wort "sex" in ihrer Adresse verwendeten, reihenweise zu bedrohen. Einige gaben sogar klein bei und übertrugen ihm ihre Domains. "Die waren richtig eingeschüchtert von seinen schweren Drohungen", erinnert sich Seth Warshavsky, Geschäftsführer der Internet Entertainment Group, die selbst einige Pornoseiten betreibt.
"Unser Publikum ist nicht Amerika. Es ist die ganze Welt, und es gibt nur ein Wort, das alle verstehen. Sie tippen es ein und kommen zu sex.com", beschrieb Cohen einmal seinen simpel-genialen Geschäftsplan. Der hat ihn mittlerweile zum Multimilliardär gemacht, und für Bannerschaltungen auf seiner Seite müssen sich Anzeigenkunden mitunter ein Jahr gedulden, um dann sagenhafte Preise von 1 Million Dollar pro Monat zu bezahlen.