E-Books Lektüre à la carte
Ein Gespenst geht um auf der Buchmesse: das E-Book. Seit Jahren schon weckt es in Frankfurt Ängste: Werden elektronische Bücher das Papier verdrängen? Erstmalig wird diesmal sogar der "Frankfurt eBook Award" verliehen, eine Art Pulitzerpreis für Digitalbücher.
Doch das Gespenst ist in die Jahre gekommen. Statt Champagnerlaune herrscht Katerstimmung unter Elektrobuchmachern. Die Lesegeräte sind hässlich und kosten bis zu 1400 Mark, Markteinführungstermine platzen, die miserablen Verkaufszahlen bleiben geheim.
Sogar die legendär loyalen Leser von Stephen King sind, nach dem ersten Andrang, kaum noch gewillt, einen Dollar pro Folge des Internet-Romans "The Plant" zu zahlen. Der Meister droht, das Experiment einzustellen. Viele Verlage denken daher um. Jetzt soll eine neue Mischtechnik aus Papier und Silizium den Durchbruch bringen: Lektüre à la carte heißt das Rezept.
Ab Mitte November schon, so kündigt der amerikanische Großverlag IDG Books an, sollen Reisende sich ihren Führer selbst zusammenstellen können: ein Einleitungskapitel über Paris zum Beispiel, kombiniert mit ein paar Seiten über die Sammlung des Louvre, das Ganze abgeschmeckt mit Tipps zur Rotweinverkostung. Was nicht interessiert, wird weggelassen. Das spart Geld, Gewicht und unnötiges Blättern.
Viele Verlage basteln an ähnlichen Konzepten. Primis, ein Angebot von McGraw-Hill, bietet Professoren die Möglichkeit, für jedes Seminar ein eigenes Lesebuch zusammenzustellen: Mittlerweile fast eine viertel Million Seiten mit Texten von Anthropologie bis Zoologie lassen sich nach Belieben kombinieren und mit Zeitungsartikeln oder eigenen Übungsaufgaben anreichern. Andere Firmen bieten individuell komponierbare Gedichtsammlungen an.
"Disaggregated Content" heißt das Modewort. Das "Entflechten der Inhalte" verspricht Reisefreiheit für Texte, die bislang zwischen Buchdeckeln eingesperrt waren. Die Leser selbst sollen zusammenklicken, was für sie zusammengehört: "Warum die ganze Kuh kaufen, wenn ich nur ein Steak will", sagt Rebecca Lieb von der Firma IUniverse, in der sich 300 Mitarbeiter um die technische Abwicklung von personalisierten Büchern kümmern.
Das Wortuniversum verschmilzt so zu einer gigantischen Loseblattsammlung, beliebig umsortierbar. Doch das Neuland ist bislang unkartiert: Wie viel soll ein einzelnes Buchkapitel kosten? Hängt das von der Seitenzahl ab oder eher vom Nutzwert? Sollen Adressverzeichnisse von Reiseführern teurer sein als Einleitungsgeschwafel? Auch Autorenverträge müssen nachverhandelt werden, denn meist umfassen sie zwar die digitalen Rechte, nicht aber das Zerstückeln in Textfetzen.
Auch für die Leser bedeutet das modulare Buch eine Expedition ins Unbekannte: Sie müssen Texte zusammenstellen, deren genauen Inhalt sie nicht kennen. Daher sind neue Entscheidungshilfen und Wegweiser gefragt.
"Ich sehe mich als Infoscout, der Wege durch den Dschungel des Wissens vorschlägt", so beschreibt Thor Alexander Dahn seinen Beruf, für den es bislang keine Bezeichnung gibt. Der schlaksige 23-Jährige ist Mitgründer der Firma Slicing Information Technology (SIT). Die sieben Mitarbeiter kommen alle paar Wochen aus vier verschiedenen deutschen Städten in einer Berliner Altbauwohnung zusammen, um an ihrer Software zu feilen, die unter anderem vollautomatische Lesetipps gibt beim Zusammenstellen von individualisierbaren Büchern: Wählt ein Leser zum Beispiel das dritte Kapitel eines Buches aus, so sagt ihm das Slicing-Programm, dass er zum besseren Verständnis auch das erste Kapitel lesen sollte und außerdem den letzten Absatz des siebten.
Die Vorarbeit für den digitalen Ratgeber hat Dahns Vater Ingo von der Universität Koblenz-Landau geleistet. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Springer Verlag hat Vater Dahn in diesem Frühjahr sein eigenes Mathematik-Lehrbuch herausgebracht und mit der Slicing-Technik ergänzt.
Für Dahn junior ist das Zappen nicht nur Lese-, sondern auch Lebensgewohnheit. Sein Studium führte ihn nach Berlin, Moskau, Boston, Koblenz. Zeitweise pendelte er jeden Sonntag in die englische Kleinstadt Bath, am Montagabend saß er wieder im Bus, mit einem Rucksack voll Büchern in diversen Sprachen.
"Von den meisten Titeln kann ich nur ein Kapitel gebrauchen", sagt er. "Durch unsere Slicing-Technik könnte ich all diese Kapitel zu einem neuen Buch zusammenfassen."
Der "Infoscout" setzt darauf, dass das Internet und die Globalisierung eine ganz neue Generation von Buchnutzern prägt. Er selbst sieht sich dabei als den perfekten Ersttester: Die Freiheit, mit der er sein Studium weltweit zusammenzappt, sollen zukünftig auch seine Bücher bieten.
HILMAR SCHMUNDT