E-Books Rohrkrepierer statt Revolution?
Angesichts eines Angebotes von nur rund 600 deutschsprachigen Titeln und Lesegeräten mit zahlreichen Schwächen ist die Verlockung, sich ein E-Book-Lesegerät zu gönnen, aus Sicht der Kunden eher gering.
Selbst Softwareprogrammierer schütteln energisch den Kopf, wenn von der Ablösung des gedruckten Buches die Rede ist. Die Besonderheit bedruckten Papiers ist nicht durch ein Display ersetzbar. Und doch: Eine Encyclopedia Britannica immer dabei haben zu können, ist schon ein reizvoller Gedanke.
Das ist wohl noch nicht möglich. Jedenfalls nicht mit dem Mitte des Jahres endlich auf dem deutschen Markt eingeführten Rocket-E-Book, dem ersten Gerät speziell für den elektronischen Handel mit Texten und Manuskripten. Das lange Warten ging auf die sehr zögerliche Haltung der Verlage zurück, gedruckte Werke als elektronische Edition herauszugeben.
Die Texte für das Rocket-E-Book kommen mit einer eigenen Verschlüsselung aus dem Internet. Diese Kryptografie sorgt dafür, dass der Text an die Seriennummer des Lesegerätes gekoppelt ist. Das elektronische Buch lässt sich nicht ausdrucken und nicht auf den PC übertragen. So ist es auch ausgeschlossen, ein Buch zu verleihen. Schließlich müsste man seine ganze elektronische Bibliothek, in Form des fast 700 Mark teuren Lesegerätes, aus der Hand geben.
E-Book versus Papierausgabe: Keine Preisvorteile
Mit einer Speicherkapazität des E-Book von circa 18.000 Seiten wird es für die Encyclopedia Britannica reichlich eng. Die Kunden der ersten Stunde monieren auch das relativ schlechte Display und die ausgesprochen langsame Arbeitsgeschwindigkeit. In Sachen Mobilität bleiben bei einem Gewicht von 627 Gramm noch Wünsche nach "Erleichterung" offen. Vor allem sind die Nutzer aber enttäuscht, dass die Verlage nicht bereit sind, elektronische Ausgaben, die kaum einen nennenswerten Zusatzaufwand erfordern, spürbar preisgünstiger anzubieten. Mit dem fadenscheinigen Argument der Buchpreisbindung werden dem elektronischen Buch Marktchancen verbaut. Die Investition in das Lesegerät kann sich also nicht auszahlen.
Dass E-Books die nächste Evolutionsstufe des Buches sein könnten, ist im Kern kaum umstritten. Die Computerindustrie kämpft bereits mit harten Bandagen um Logenplätze am E-Book-Markt. Microsoft bietet mit seinem Reader 1.5 ein passendes Lesesystem für Windows-Computer an, ist dem Normenkonsortium Open eBook beigetreten und kaufte zugleich digitalisierte Buchbestände namhafter US-Verlage ein.
Der Softwaregigant wechselte einmal mehr die Fronten und unternahm schon im April 2000 mit seinem PocketPC einen neuerlichen Vorstoß im Handheld-Bereich. Nicht teurer als das Rocket-E-Book, aber mit besserer Technik und deutlich höherem Nutzwert, dürften "Personal Digital Assistants", kurz PDA's, eine glänzende Zukunft vor sich haben.
Gute Aussichten hat neben dem so genannten OEB-Standard auch das PDF-System von Adobe. Der Softwarehersteller reagierte auf die neuen Marktmöglichkeiten und bietet Ergänzungen zu seinem Acrobat-PDF-System an, die nun auch individuell einstellbare Kopierprofile zulassen. Der PDA-Marktführer Palm darf auf eine Portierung des Acrobat-PDF-Readers für sein verbreitetes Betriebssystem PalmOS hoffen. Mit dieser Strategie könnte die PDF-Technik im Rennen um den elektronischen Buchmarkt wichtige Punkte machen.
Einen Mangel an Werbung hat Adobe sicher nicht zu beklagen, denn Erfolgsautor Stephen King vertreibt, nach dem spektakulären Online-Erfolg von "Riding The Bullet", die Episodengeschichte "The Plant" auf eigene Faust als PDF von seiner Webseite aus.
Ursprünglich verlangte King einen Dollar pro Kapitel, freiwillig zahlbar via Amazon.com. Wenn drei Viertel der Leser bereit seien, dafür zu zahlen, so versprach King, werde die ganze Geschichte veröffentlicht - für einen Gesamtpreis von 13 Dollar.
Doch das Projekt erwies sich als wenig erfolgreich. Zwar zahlten nach Angaben von Amazon immerhin 78 Prozent der Bezieher von Kapitel Nummer eins, doch blieb die Zahl der Downloads deutlich hinter den Erwartungen zurück und Gerüchten zufolge erlahmte das Interesse und die Zahlungsmoral bei den Folgekapiteln merklich.
Nach Kapitel fünf sollte deshalb ab 19. Dezember 2000 vorläufig Schluss sein. Doch auch für King gab es kein Zurück mehr: Die Fans stiegen ihm aufs Dach und verlangten lautstark nach einer Fortsetzung. King überdachte die Sache, verbuchte sie offensichtlich als betriebswirtschaftlichen Flopp - und entschied, dass er auf dieses Debakel nicht auch noch miese PR häufen wollte.
Jetzt schreibt er die Internet-Novelle zu Ende - und bietet sie entgegen der ursprünglichen Absichten ab Kapitel neun kostenlos zum Download an. Das dürfte zwar die Download- und damit Absatzzahlen des E-Book gehörig in die Höhe treiben. Doch unter dem Strich steht ein Misserfolg in der Vermarktung eines E-Book, der die Befürchtungen konservativer Verleger bestärken dürfte.
Gunter Hille, Geschäftsführer des deutschen Online-Buchhändlers dibi.de, der sich ganz und gar auf elektronische Editionen spezialisiert hat, will das so nicht stehen lassen. Er hat andere Erfahrungen gemacht. Auch wenn das elektronische Buch noch am Anfang seiner Entwicklung stehe, sei er doch mit dem Starterfolg sehr zufrieden: "Unsere Erwartungen an den Markt wurden übertroffen."
Und ganz entgegen der Marktprognosen verrät Hille weiter: "Belletristik verkauft sich besser als Fachbücher." Ein Umstand, der den Verlegern noch mehr Kopfschmerzen bereiten dürfte.