ECash: Virtuelles Geld wieder einmal vor dem Durchbruch - DER SPIEGEL
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ECash Virtuelles Geld wieder einmal vor dem Durchbruch

Virtuelles Geld war das E-Commerce Thema der Jahre 1995, 1996, 1997 und 1998. Für jedes Jahr wurde dem digitalen Geld der Erfolg prophezeit - und immer wieder scheiterten die Konzepte am totalen Desinteresse der Verbraucher. Inzwischen ist Gras über die Sache gewachsen, und Banken und Finanzdienstleister haben endlich wieder neues zu verkünden: In diesem Jahr wird ECash seinen Durchbruch erleben!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für den Einkauf im Internet werden zur Computermesse Cebit gigantische Wachstumsraten prognostiziert. Das Shopping in virtuellen Kaufhäusern und Cyberläden ist nach Einschätzung von Marktforschern und Unternehmensberatern in Europa aber noch Internet-Pionieren und jungen Leuten vorbehalten, die besonders positiv gegenüber der modernen Technik eingestellt sind. Denn unter vielen Online-Nutzern gibt es immer noch Misstrauen gegen elektronischen Handel (E-Commerce) und Online-Banking.

Das liegt vor allem an der Furcht vor Datenklau. Zahlungen im Internet gelten vielfach noch als zu kompliziert und unsicher. Um Schwung in den elektronischen Handel zu bringen, müssen vor allem auch kleine Beträge im weltumspannenden Computernetz bezahlt werden können. Mehrere Banken haben dafür spezielles Cybergeld entwickelt und erprobt, bisher aber noch keine nennenswerten Verbraucherzahlen damit erreicht.

Bereits 1995 begannen die Versuche mit digitalem Geld, die unter großem öffentlichen Tamtam dem E-Commerce Flügel verleihen und endlich "Micropayments" möglich machen sollten. Der User sollte in die Lage versetzt werden, auch sehr kleine Geldbeträge "überweisen" zu können: Gerade die Verlage und Medienunternehmen hofften damals, über den Verkauf einzelner Beiträge leichter eine Finanzierung für ihre kostspieligen Online-Publishing-Projekte zu finden als über den mühsamen Verkauf von Online-Abos.

E-Commerce wächst, aber nicht schnell genug

Die Technik galt bereits 1996 als hinreichend ausgereift. Unternehmen wie Digicash, First Virtual oder die Mark Twain Bank genossen eine Popularität, die man heute mit der von eBay vergleichen könnte. DigiCash-Gründer David Chaum war einer der frühen Stars der Internet-Szene. Konzepte wie Digicash, Millicent, ECash oder Cybercoin konkurrierten darum, zur Standardwährung der "New Economy" zu werden. Doch die schönen Träume platzten: So gern User über die "Revolution" im E-Commerce lasen, so hartnäckig verweigerten sie, sich darauf einzulassen. Modellversuche wurden eingestellt, die eigens eingerichteten Abteilungen der Banken wurden aufgelöst oder verkleinert, Mitarbeiter entlassen - und einige der Entwicklerfirmen schrammten nur knapp am Konkurs vorbei. Ein Kapitel der Geschichte des E-Commerce, das man in der heutigen Zeit der Cyber- und Börsen-Euphorie gern und gnädig unter den Teppich kehrt.

"Landet digitales Geld jetzt auf der Müllhalde der Technologiegeschichte?" fragte im November 1998 Ludwig Siegele in der "Süddeutschen Zeitung". "Wahrscheinlich nicht", war seine Antwort, "aber es wird wohl weit länger als erwartet dauern, bis sich das neue Zahlungsmittel durchgesetzt hat". Seine Prognose damals: Mehr als zehn Jahre.

Ab 1997 übernahm HBCI die Rolle des bejubelten, angesagten und kommenden Online-Banking-Standards, der dem E-Commerce zum Durchbruch verhelfen sollte. Doch obwohl sich ein Konsortium deutscher Banken darauf einigte, HBCI bereits ab Oktober 1998 zum sicheren Online-Banking-Standard zu machen, haben bis zum heutigen Tag nur rund 20 Prozent der onlineaktiven deutschen Banken dieser Absichtserklärung auch Taten folgen lassen. Noch immer operieren die meisten - so wie in der Online-Steinzeit des Btx - mit dem umständlichen PIN/TAN-Verfahren. Auch HBCI wartet ständig darauf, dass es vom Markt entdeckt wird. Der E-Commerce wächst, aber nicht schnell genug.

Jetzt, da der "Cyberspace" nicht länger von skeptischen PC-Freaks, sondern von "ganz normalen" Usern dominiert wird, erinnern sich die Banken an die anwendungsreife Technologie, die von aller Welt vergessen in ihren Schubladen wartete: virtuelles Geld. Und wieder einmal steht digitales Cash vor dem Durchbruch.

Neuer Schub durch Kleinstbeträge

Doch vor allem bei dem von der Deutschen Bank favorisierten "ECash", mit dem Kleinstbeträge im Internet bezahlt werden können, sehen die Unternehmensberater der Hamburger Firma Mummert+Partner noch immer "Akzeptanzhürden".

Die liegen nicht länger - wie noch vor wenigen Jahren - in den Bedenken der Verbraucher- und Datenschützer: In dieser Hinsicht hat sich der längst gläserne Surfer an manches gewöhnt. Ein Hindernis seien vielmehr die hohen Verbindungsgebühren für Telefon und Online-Nutzung, sagt der E-Commerce-Experte von Mummert+Partner, Georg Ruppert. Diese stünden oft in keinem Verhältnis zu den geringen Kosten für heruntergeladene Software oder Musikstücke. Das könnte sich ändern, wenn die von mehreren Internet-Anbietern zur Cebit angekündigten Pauschalangebote (flat rates) kommen, mit denen das Internet ohne Zeitlimit genutzt werden kann.

Neuen Schub erhofft sich die Deutsche Bank 24 auch von der Zusammenarbeit mit dem Internet-Suchdienst Yahoo, über deren Web-Seite im Internet Bankkunden ihren Kontostand abfragen können. Zur Cebit wollen Deutsche Bank 24 und Yahoo eine gemeinsame Kreditkarte herausgeben, mit der gleichzeitig die ECash-Software an die Kundschaft verschickt werden soll.

Bei ECash erhält der Bankkunde eine spezielle Software, mit der er sich am Heimcomputer bei seiner Bank einwählen kann. Dem Kreditinstitut kann er so die elektronische Order erteilen, von seinem Konto einen bestimmten Betrag in Cybergeld zu wechseln. Diese durch kryptografische Verfahren verschlüsselten virtuellen Münzen soll der Online-Nutzer bei Streifzügen im Internet ausgeben. Allerdings hat ECash einen entscheidenden Nachteil: Man kann nur mit D-Mark bezahlen - fatal im weltweiten Computernetz, das keine Landesgrenzen kennt. Allerdings arbeiten die europäischen Banken, die ECash betreiben, an der Entwicklung der nötigen Umrechnungsprozeduren für andere Währungen - wie schon seit Ende der neunziger Jahre.

Während die Deutsche Bank auf ECash setzt, unterstützen andere Institute - darunter die Dresdner Bank - ein anderes System: "CyberCoins". Auch dabei werden imaginäre Münzen in eine Software-Börse auf dem PC geladen und können bei Streifzügen im Internet per Mausklick ausgegeben werden. Welches dieser beiden verbleibenden Systeme sich letztlich durchsetzen wird, ist nach Expertenmeinung noch nicht entschieden. Klar scheint aber, dass die Kreditkarte beim Bezahlen im Internet bereits die Nase vorne hat. "Das Wesentliche wird mit der Kreditkarte abgerechnet", sagt Ruppert. Durch den SET-Standard (Secure Electronic Transaction) seien Kreditkartenzahlungen zudem sehr viel sicherer geworden. Dieses Verfahren basiert auf besonderen Verschlüsselungstechniken und soll für Computerhacker nahezu unknackbar sein.

Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research - bisher selten einer zu großen Skepsis beschuldigt - erwartet, dass E-Commerce in Europa erst in den kommenden fünf Jahren an Fahrt gewinnen wird. Viele Konsumenten zögerten noch aus Mangel an Erfahrung und Vertrauen, erklärte Forrester und fordert die E-Commerce-Anbieter in seiner jüngsten Studie auf, mehr dafür zu tun, dass "kein Schindluder mit den Daten getrieben wird". Elektronische Läden sollten stärker darauf achten, dass ihre Lieferungen und Rechnungen pünktlich und korrekt seien. Ferner sollten unterschiedliche Zahlungsmöglichkeiten zugelassen werden, um den Verbrauchern die Wahl zu lassen.

Nur dann können wohl auch die von Marktforschern erwarteten Wachstumsraten erreicht werden, wonach sich der E-Commerce-Umsatz in Deutschland in diesem Jahr auf 14 Milliarden Mark verdreifachen und 2001 auf 28 Milliarden noch einmal verdoppeln soll. Weltweit wird von Marktforschern für 2000 ein Anstieg auf 73 Milliarden Dollar erwartet.

Jan Christoph Schwartz/Frank Patalong