Elektronische Bücher: Visionen am Mini-Display - DER SPIEGEL
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Elektronische Bücher Visionen am Mini-Display

Mit zweijähriger Verspätung und überteuert bringt NuvoMedia das Rocket eBook auf den deutschen Markt, für 675 Mark. Die US-Version ist bei Barnes & Noble rund umgerechnet 580 Mark zu haben. Obwohl Microsoft die Technologie ordentlich vorantreiben will, bleibt fraglich, ob sie tatsächlich "die Zukunft des Lesens" sein wird.
Von Ralf Blittkowsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das literarische Leben spielt sich auf einem monochromen, hindergrundbeleuchteten, aber nicht entspiegelten LCD-Display von 12 x 8 Zentimeter ab. Gesteuert wird das Rocket eBook per Touch-Screen. Zwei unauffällige Scroll-Tasten im Gehäuse helfen, den elektrisch geladenen Lektürecode umzuwälzen. Prallgefüllt mit digitalem Lesestoff, wird das eBook auf Reisen seinen Nutzwert haben. Doch bestehen Zweifel, ob die in Typografie und Layout mangelhaft umgesetzten Texte eine abendfüllende Beschäftigung lohnen.

Um das dürre Literaturangebot auf dem 16-MB-Speicherchip des eBook aufzubessern, braucht es einen PC mit Internetanschluss. Das Rocket eBook wird über eine mitgelieferte Docking Station an den seriellen COM-Port des PC angeschlossen, dann wird der "Rocket Librarian" - eine Software für die Archivierung der eBooks auf der Festplatte - aufgespielt und schon - denkt der Leser in spe - liest er im eBook-Universum des Internet. Da denkt er falsch.

Der "Rocket Librarian" kommt halb als Archivierungssoftware, halb als einfacher Webbrowser daher. Wer neuen elektronischen Lesestoff braucht, geht nun per Umleitung auf die bekannten Webseiten, wo es eBooks zum Kaufen und Herunterladen gibt.

Lesen in Sicherheit

Sofortiges Laden und Lesen von neuen eBooks ist nicht möglich. Eine vorgezogene Online-Registrierung der Lese-Hardware auf der NuvoMedia-Website ist unumgänglich. NuvoMedia hält die Registrierungsprozedur, die einen Internetanschluss voraussetzt, aus lizenzrechtlichen Gründen für erforderlich. Ohne das Zertifizierungsverfahren wären viele der zur Zeit erhältlichen eBooks kaum konvertiert worden.

Angesichts des offenen Distributionsweges Internet hegen Verleger und Autoren Bedenken, dass ihre Schreibarbeiten als eBooks so inflationär und anonym wie MP3-CDs durch den Cyberspace fließen könnten. Nun werden bezahlte eBooks ausschließlich nach der Kundenregistrierung gehandelt. Das ist so, als ginge der Kunde in einen Buchladen, nimmt sich einen Titel und bezahlt, aber Hersteller der Lesehilfe, Verleger und Händler würden über die Transaktion informiert - ein datenschutzrechtlich bedenklicher Entschluss. Es leuchte nicht ein, warum Daten über private Lesegewohnheiten zentral auf NuvoMedia-Servern gespeichert werden sollten. Der eBook-Hersteller schwächt alle Bedenken ab und verkauft die Kontrollfunktion als besonderen Service, der jederzeit und überall Zugriff auf die persönliche Bibliothek erlaube.

Die Zukunft des elektronischen Lesens

NuvoMedia und der Ex-Konkurrent im Markt elektronischer Lesehardware, die kalifornische Firma SoftBook, sind Anfang des Jahres von Gemstar aufgekauft worden. Das US-Unternehmen ist in Europa besser bekannt als Lizenzinhaber der Programmierungstechnologie ShowView für Videorecorder. Gemstar ist zudem eine Technologie-Partnerschaft mit dem französischen Elektronikhersteller Thomson multimedia für die Herstellung von Lese- und Audiogeräten eingegangen. Die Absicht, Multimedia-Geräte mit Hardwareschutz zu produzieren, unterstreicht auch NuvoMedia-Geschäftsführer Martin Eberhard, der die Verschlüsselungstechnologie des Rocket eBook als zukunftsweisend für den Schutz des Urheberrechts von Autoren und von Musikern einschätzt. Insofern könnte die für eBook-Leser unauffällig im Hintergrund arbeitende Sicherheitstechnologie zum Schutz geistigen Eigentums, die in die Rocket e-Books implementiert ist, die Hardware selbst überdauern.

Als Zielgruppe gibt NuvoMedia dauerlesende mobile Professionals an, die ab Herbst dieses Jahres mit einen aufwendigen Werbekampagne für den digitalen Lesestoff gewonnen werden sollen. Es ist kaum vorzustellen, dass NuvoMedia den Schnitt mit dem Vertrieb der Lese-Hardware machen wird. Der Handel mit dem eBook-Lesestoff verspricht das bedeutendere Geschäft zu werden. Um es anzukurbeln, sind Verhandlungen mit rund fünfzig Verlagen geführt worden.

Diese tun sich aber schwer damit, in Zukunft mehr Ausgaben für eBooks und weniger auf Papier zu produzieren. Denn Autoren und Angestellte wollen bezahlt werden - und ein Massenmarkt ist noch in weiter Ferne. Während die Verlagsbranche angesichts der Herausforderung elektronischer Bücher Pro und Contra austauscht, scheint klar zu sein, dass die Imprint-Erzeugnisse mit Copyright kaum billiger als Printausgaben sein werden. Und ob die Babyboomer-Mütter, wie ein amerikanischer Verleger bemerkte, in Zukunft auf ihre gedruckten Herz-Schmerz-Romane verzichten, wird zur Existenzfrage.

Internationale Entwicklungen

Das Rocket eBook wird es aber nicht nur im Gerangel um Zielgruppen und Lesepublikum schwer haben. Auch dem Wettstreit mit konkurrierenden Technologien wird sich die Hardware stellen müssen. Am 7. August präsentierten Barnes & Nobel und Microsoft in New York ihr auf zwei Anschubjahre datiertes Vorschussgeschäft mit elektronischen Büchern im Microsoft Reader-Format. Wenn Bill Gates den Handel mit eBooks wie vor fast sieben Jahren den mit digitalen Bildreproduktionen in die Hand nähme, könnte daraus vielleicht was werden.

Um das ehrgeizige Projekt mit Erfolg zu krönen, kommt es aber darauf an, dass nicht nur die alten Schwarten jenseits Urheberrechts-Barriere (in Deutschland 70 Jahre nach dem Tod des Autors) in den Cyberspace hinübergeholt, sondern auch Erstauflagen zeitgenössischer Autoren in einer exklusiven Fassung für den Microsoft Reader veröffentlicht werden. Wenn die gemeinsame Initiative dazu führt, dass nicht nur Belletristik, sondern auch Fach- und Sachbuch-Neuerscheinungen den Weg ins Internet finden, dann dürfte endlich der papierlose Buchmarkt entstehen.