Ellisons große Töne "Microsoft-Server sind wie Schweizer Käse"
Zu den wenig diskutierten Nebeneffekten der Dotcom-Krise gehört das zeitweilige Verstummen der bunten Vögel der IT-Branche.
Bill Gates? Aus ziemlich offensichtlichen Gründen hielt er seit Ende 1999 die Ellbogen dicht am Körper. Jetzt winkt die Bush-Administration mit einer kaschierten General-Amnestie - und Gates wird wieder ruppig.
Sun-Chef Scott McNealy? Der "Babyface Bully" ist anscheinend im digitalen Nirvana verschwunden - Schlagzeilen macht er seit langem keine mehr. Und Larry Ellison?
Aber ja, den gibt es wieder. Das einstige Enfant terrible der IT-Branche, stets auf der Suche nach jemandem oder etwas, wo man anecken könnte, war lange still. Jetzt tönt er wieder, fast so schön wie früher.
Wie William Gates der Dritte, der - natürlich - die Comdex eröffnete, während Ellisons Keynote-Speech - wie könnte es anders sein? - an die zweite Stelle gesetzt wurde.
Gates beschwor, auch das wie immer, den Anbruch des goldenen Microsoft-Zeitalters und konnte immerhin damit überraschen, dass er nicht nur die Xbox zum Inhalt seiner Rede machte, sondern sogar eine kleine Vision. Schon bald, orakelte Gates, wird Microsoft mit handlichen Surf-Tablets die mobile Web-Zukunft um ein attraktives Feature bereichern. Ansonsten war sich Gates selbst Thema genug: Wer Microsoft sein Eigen nennt, wer muss dann noch über andere reden?
Das übernimmt Ellison
Schon bald, konterte Ellison in seiner Keynote-Speech, wird man mehr über Oracle reden. Und weil Larry E. aus goldenen Zeiten weiß, dass man ihm am meisten Gehör schenkt, wenn er nicht über eigene Konzepte redet, sondern über andere lästert, haute er direkt in die eine oder andere Kerbe: Schon bald werde Oracle Microsoft die Marktführerschaft bei E-Mail-Servern ablaufen. Denn die seien schlichtweg Käse. Genauer: Schweizer Käse.
Damit meint Ellison einerseits einen Käse mit ganz großen Löchern, und andererseits das Serverprogramm Microsoft Exchange mit seinen - siehe oben - ganz großen Sicherheitslöchern. Sagt Ellison, und dass er gegen die E-Mail-Programme von MS gar nichts habe. Ja, fügte der Schelm hinzu, er selbst arbeite sogar mit Outlook Express: "It's okay!"
Klar, denn E-Mail-Klienten sind nicht Oracles Geschäft. Aber Server. Und da seien Unternehmen mit seinen Oracle-Produkten weit besser beraten. "Die Schwachstelle ist das Serverprogramm Microsoft Exchange", sagte Ellison und bezeichnete das Microsoft-Programm als "großes Sicherheitsrisiko für Unternehmen und Anwender", da es weder absturzsicher noch gegen Computerviren gewappnet sei.
Provokationen? Aber nein: Vergleichende Werbung
Will der Kerl Streit? Mitnichten, so kennt die Branche Ellison: Der Oracle-Chef gefällt sich in einer besonderen Form der vergleichenden Werbung. Er preist seine Produkte nicht an, er beschimpft die Konkurrenz. Das erhöht die Aufmerksamkeit der Medien - und spart Geld, weil man so viel Aufmerksamkeit sonst per Anzeigenschaltung teuer erkaufen muss. Für Gates gehört Trommeln zum Geschäft, für Ellison Schattenboxen.
Und wofür boxt Ellison? Bisher fiel Oracle auch im Markt der E-Mail-Server nicht auf. Doch das soll sich ändern.
Noch liefert sich Microsoft Exchange vor allem mit Lotus Notes von IBM ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Marktführerschaft als E-Mail-Server und Gruppen-Kooperationsprogramm. Zuletzt hatten Marktbeobachter Microsoft vorne gesehen.
Oracle will nun in diesen Markt mit seiner Datenbank "9i" einbrechen, die über einen eingebauten E-Mail-Dienst verfügt. Ellison verwies auf 15 internationale Sicherheitszertifikate, die das Oracle-Produkt von Behörden und Sicherheitsdiensten erhalten habe. Die Microsoft-Lösung sei nur von einer Stelle zertifiziert worden, IBM überhaupt nicht.
Die jüngsten Virenattacken hätten im Übrigen deutlich gezeigt, wie unsicher Microsoft Exchange sei (eben wie ein "Schweizer Käse"). Da habe Oracle mehr und besseres zu bieten, und wie stets auch den Service fest im Blick: Oracle will die Datenbank 9i mit Software-Werkzeugen ausliefern, die einen Umstieg von Exchange auf Oracle Mail erleichtern sollen. Konvertierungs-Software für Konvertiten, so zu sagen.
Und Ellison legte noch einen drauf: In einer Pressekonferenz vor der Präsentation kritisierte er scharf die vom US-Justizministerium angestrebte gütliche Einigung mit Microsoft. Der vorgeschlagene Vergleich bedeute einen "kompletten Sieg für Microsoft und eine komplette Niederlage für die Regierung". Das Justizministerium handele wie jemand, "der die Bankräuber zwar genau auf dem Überwachungsvideo erkannt hat, die Burschen aber dennoch laufen lässt."
Wie gut, dass es Ellison gibt: Der ruft die Bürgerwehr zusammen. So was nennt man im Übrigen im Englischen wie im Deutschen eine "Posse" - mit leichten Bedeutungsunterschieden. Schön ist das: Sollte die Zeit der Schrecklähmung und des Stillstandes langsam vorbei sein?
Frank Patalong