Erfindungen Handy mit Kurbel
Kaum kommt der Lieblingshit im Radio, geben die Batterien ihren Geist auf. Kaum kommt der lang ersehnte Rückruf von der Angebeteten, geht der Handy-Akku in die Knie. Kaum ist die wichtige E-Mail formuliert, schaltet das Notebook aus Strommangel ab.
Doch nun können Energiehungrige Hoffnung schöpfen. Die neueste Geheimwaffe gegen die Stromschwäche sieht aus wie ein Kinderspielzeug: ein kleines, gelbes Plastikei mit einer Kurbel dran. Wer den Apparat per Kabel mit seinem Handy verbindet und eine Minute kurbelt, kann anschließend fünf Minuten lang telefonieren. Der Handy-Hersteller Motorola will das Gerät unter dem Namen "FreeCharge" Anfang nächsten Jahres auf den Markt bringen (geplanter Preis: 150 Mark).
Die Elektronikkonzerne sind auf den Dreh gekommen: Philips, Aiwa, Sony und andere haben krude Promenadenmischungen aus Drehorgel und Radio im Sortiment. Vor allem bei Hobbyparanoikern sind die Geräte als "Erdbebenradio" beliebt zumal, wenn sie zusätzlich noch über eine eingebaute Taschenlampe verfügen.
Trevor Baylis, der "Wieder-Erfinder"
Losgetreten wurde die Kurbelrevolution von Trevor Baylis, 64, einem britischen Erfinder, der in einem Häuschen auf der Themse-Insel Eel Pie Island wohnt. "Call me Trev", stellt sich der kräftige Mann mit dem weißen Schnauzer jovial vor. Dann beginnt er umgehend, wie ein aufgezogenes Radio ohne Aus-Schalter die Höhepunkte seines bewegten Lebens herunterzuspulen.
Mit 15 Jahren wurde der Schulabbrecher Wettkampfschwimmer, dann Sporttrainer und schließlich Stuntman. 1970 trat er mit einer haarsträubenden Zirkusnummer in der Berliner Deutschlandhalle auf: Er wurde gefesselt und in ein riesiges Aquarium geworfen, wo er sich vor den Augen des staunenden Publikums unter Wasser befreite. Mit diesem Entfesselungstrick verdiente er das Startkapital, um eine florierende Swimmingpoolfirma aufzuziehen.
An einem verregneten Herbsttag vor zehn Jahren sah er eine TV-Dokumentation über Aids in Afrika, erzählt Trev: "Der Journalist sagte: ,Nur Aufklärung kann Aids stoppen aber die Leute haben ja nicht einmal das Geld, sich Batterien für ihr Radio zu kaufen.'" Wenn es weiter nichts ist, dachte sich der Hobbybastler und ging hinüber in seine Werkstatt. Kurzerhand schraubte er ein altes Radio mit einem Kurbelantrieb zusammen.
Er patentierte seine Erfindung. Später übernahm die Firma Freeplay die Herstellung. Inzwischen wurden bereits rund drei Millionen Geräte verkauft. Auch Motorola hat sein Handy-Ei gemeinsam mit Freeplay entwickelt.
Dabei ist das wiederentdeckte Kurbelprinzip fast so alt wie die Neuzeit: Der deutsche Erfinder Peter Henlein hatte mit einem Vorläufer vom "Nürnberger Ei" als erster eine Taschenuhr gebaut, die durch eine aufziehbare Stahlfeder erstaunliche 40 Stunden lang tickte. Schnell wurde die Mobil-Uhr unersetzbar für Händler, Seefahrer und andere Vorväter der Globalisierung. Das war um das Jahr 1510.
Ein halbes Jahrtausend später belebt die mechanische Mobilmachung wieder die Phantasie der Informationsgesellschaft. Schon vor zwei Jahren versprach die Firma Freeplay, in Kürze auch kurbelbetriebene Rechner, CD-Player und Minensuchgeräte zu entwickeln.
Bis heute ist daraus aber noch nicht viel geworden. Denn in der bestechenden Einfachheit der Kurbeltechnik liegt auch ihre Tücke. Während Computer und Telefone auf Westentaschenformat geschrumpft sind und Radios bereits in Armbanduhren passen, sind die Kurbelradios oft so groß wie Toaster und bisweilen über zwei Kilogramm schwer. Motorolas Kurbel-Ei soll immerhin 200 Gramm wiegen doppelt so viel wie ein modernes Handy.
Zudem ist die Dinosauriertechnik teuer: Ein Freeplay-Radio kostet rund 150 Mark. Clever Trevor hatte die Technik für afrikanische Dorfbewohner erfunden. Doch ironischerweise wurden die meisten Geräte bislang in den USA verkauft.
Vor allem aber ist die Energieausbeute der Muskelkraftwerke lächerlich gering. Um ein herkömmliches Notebook mit einer Leistungsaufnahme von 35 Watt eine Stunde lang zu betreiben, brauchte man eher einen Generator von der Größe eines aufgebockten Trimmfahrrads.
Baylis neuester Streich: "Watt-Wandern"
Haben die mit Muskelkraft betriebenen Batterien ihre Zukunft womöglich schon wieder hinter sich? Längst drängt eine weitaus elegantere Innovation auf den milliardenschweren Weltmarkt für Batterien: Bereits für nächstes Jahr werden die ersten mobilen Brennstoffzellen-Akkus angekündigt Minitanks von der Größe einer Druckerpatrone, die sich einfach auswechseln lassen. In zwei bis drei Jahren könnten die ersten Handys auf den Markt kommen, die mit solchen Mini-Brennstoffzellen betrieben werden.
Das weiß auch Baylis, er ist deshalb längst einen Schritt weiter. Der Tüftler, der durch sein Kurbelpatent zum Millionär geworden ist, bastelt nun an Schuhen, die bei jedem Schritt Strom erzeugen. Auch die britische Militärforschungseinrichtung Dera beschäftigt sich mit der Entwicklung.
Doch die Strom-Schuhe sind noch verbesserungsbedürftig. Bei einem Testlauf in Namibia konnte Baylis nach vier Stunden Wandern gerade mal ein 90 Sekunden langes Telefongespräch führen.