Es weihnachtet: Gigahertz unterm Tannenbaum - DER SPIEGEL
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Es weihnachtet Gigahertz unterm Tannenbaum

Liebe Kinder, habt schön Acht, ich hab Euch etwas mitgebracht, was Eure Rechner schneller macht: Als erstes großes IT-Unternehmen erleichtert Intel mit Ausblicken gen Weihnachten die Geschenke-Planung. Ein versteckter Seitenhieb gegen AMD.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwie macht das Shoppen zur Zeit gar keinen Spaß: Ganz unnormal undekoriert kommen die Auslagen daher. Keine Osterhasen, Plüschküken, keine süßen Engelchen, gemütliche Nikoläuse, keine Geister und grinsende Kürbisse - noch nicht einmal gezielt verstreutes Laub lockert das Bild auf. Der Sommer ist in dieser Hinsicht eine arme Zeit. Nackt.

Apropos: Die Hosen runterlassen musste in der letzten Woche auch AMD, die mit einem satten Verlust im zweiten Geschäftsquartal sogar Branchenexperten zu verblüffen wussten. Da setzen wir noch einen drauf, müssen sich die Marktstrategen bei Intel da gedacht haben: Lassen wir doch mal ein paar Signale raus, die klarmachen, wie viel Puste wir noch haben.

Heraus kam dabei folgendes: Fans rasender Intel-Prozessoren dürfen sich zum Weihnachtsfeste freuen, wenn der P4 mit satten drei Gigahertz unterm Tannenbaum liegt.

Und damit aber auch gar nichts schief gehen kann, verbreitet diese Nachricht nicht etwa die Presseabteilung von Intel, sondern eine "anonyme Quelle", ein "Brancheninsider", wie es heute überall in der amerikanischen Presse zu lesen ist. Das ist perfekt: Hält man die Deadline, steht man gut da und hat Konkurrent AMD ein halbes Jahr gehörig unter Druck gesetzt. Vielleicht hustet der in Eile und Panik ja ein voreilig veröffentlichtes Produkt heraus, um auf die Bedrohung zu reagieren?

Wie auch immer: Hält man die Deadline nicht, hat man auch kein Versprechen gebrochen - wer hört schon auf Branchengerüchte?

Der Druck auf AMD sollte trotzdem wachsen. Intels P4 in den letzten Versionen hat sich wieder klar abgesetzt von den nun einige Jahre in der Performance überlegenen Produkten des Dauer-Herausforderers. Während Intel seine Technologie offensichtlich noch weiter drehen kann, scheint AMD mit seinen Konzepten derzeit zu einem Überholmanöver nicht fähig.

Dass das neue Betriebssystem des Branchenriesen Microsoft Windows XP (zumindest bis der erste Service-Pack flächendeckend verbreitet ist) gern AMD-Chips abschießt, weil diese sich am neuesten DirectX verschlucken, ist der Sache dann auch nicht wirklich dienlich: Das grenzt schon an Schützenhilfe für Intel.

Dazu kommen zwar branchenweit fallende Erlöse, im Hause AMD aber überproportional starke Verluste. Nun droht Intel für das Weihnachtsgeschäft nicht nur mit einem weiteren Geschwindigkeits-Sprung, sondern damit auch indirekt mit einem erneuten Preiskrieg: Bisher wurde noch jeder Chip-Generationenwechsel durch ein Senken der Preise für die Vorläufermodelle bis hinunter zu den Budget-Prozessoren der Celeron-Klasse begleitet.

Was das Weihnachtsversprechen aber vor allem impliziert, ist die indirekte Aufforderung an den zur Zeit sowieso schon nicht spendierfreudigen Kunden, mit Kaufentscheidungen noch ein paar Monate zu warten. Intel kann mit Kaufenthaltsamkeit besser leben als die Konkurrenz - und spekuliert darauf, das Geld am Ende mit einer neuen P4-Generation einzustreichen. Die Schlacht um den Chip-Markt beginnt wie so oft in den Medien, lang bevor Produkte serienreif sind.

Überholt AMD, bevor Intel den derzeitigen Vorsprung ausbauen lann?

Ob Markt und Kunde die stetig wachsende Geschwindigkeitsleistung überhaupt brauchen, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. AMD wird auf die Veröffentlichung eines 3-Gigahertz-P4, wann auch immer dieser kommen wird, reagieren. Entweder, die Chipschmiede bekommt rechtzeitig einen Prozessor hin, der zumindest in Sachen Performance mit dem neuen Intel-Flaggschiff mithält, oder aber der Herausforderer pariert die Attacke über das Preis-Leistungs-Verhältnis - und riskiert damit ein weiteres Sinken der Erlöse.

Angekündigt sind für das Jahresende gleich mehrere neue AMD-Chips, die einen echten Generationswechsel darstellen und versprechen, Intels Prozessoren leistungsmäßig überholen zu können.

AMD setzt dabei mittelfristig auf die "Hammer"-64-Bit-Architektur, die sowohl 32-Bit als auch kommende 64-Bit-Applikationen anspräche. Damit gelänge AMD ein Sprung nach vorn, der die Technik des Konkurrenten auf absehbare Zeit zukunftsfähig halten würde - und stante pede zum technologischen Vorsprung gegenüber Intel führte. Nachteil der Sache: Hammer zielen auf einen Hard- und Softwaremarkt, der wohl erst im Laufe des nächsten Jahres entsteht. Skeptiker bezeichnen die Technologie als "unerprobt", obwohl außer Frage steht, dass der Schritt hin zu 64-Bit-Architekturen kommen muss. Wer aber wird hier den Standard setzen?

Der für den Consumer-Markt gedachte "Clawhammer/Athlon"-Chip soll laut AMD für Geschwindigkeiten bis zu 4 Gigahertz gut sein. Das Unternehmen betont aber zugleich, dass das eigentliche "Rennen" weiterhin im Bereich der Gesamtperformance stattfinde.

Die soll ebenfalls ab Jahresende ein zweites Athlon-Modell bringen, das parallel zum Clawhammer veröffentlicht wird: "Barton". Beide Chips sind in 0.13-micron-Technik gefertigt, Barton kommt zudem mit einem 512 KB großem L2-Cache daher. Das soll die Gesamtperformance deutlich erhöhen und den ersten Barton-Chip mit der Zusatzbezeichnung "2600+" mit dem P4 konkurrenzfähig machen. Nun zieht Intel die eigene Roadmap vor und überholt AMD präventiv - zumindest in Zahlen und auf dem Papier.

Wer nun zum Jahreswechsel tatsächlich die Nase vorn hat, entscheidet sich also daran, wer die "Roadmap", die eigene Entwicklungsplanung, wirklich fristgerecht umsetzen und einhalten kann. Das derzeitige Geplänkel ist nicht mehr als eine PR-Schlacht: Verglichen werden hier virtuelle Produkte, die beide Unternehmen erst einmal vorlegen müssen. Das dürfte spannende Weihnachten geben und lässt nur noch eine Frage offen: Worüber redet die Branche dann noch zur nächsten Cebit?

Frank Patalong