Explosive Handy-Debatte: "Wir haben extrem schlaue Feinde" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Explosive Handy-Debatte "Wir haben extrem schlaue Feinde"

Nokia-Akkus sind ins Gerede geraten: Immer öfter brennen die Handys des Marktführers. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE bezieht Janne Jormalainen, Vice President Mobile Enhancements bei Nokia Mobile Phones, Stellung zu explodierenden Handy-Batterien und verunsicherten Kunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Jormalainen, kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendwo auf der Welt wieder ein Nokia-Handy explodiert. Können Sie nachts überhaupt noch ruhig schlafen?

Janne Jormalainen: Tatsächlich ist die Situation ernst. Bisher gab es dreißig bis vierzig Zwischenfälle mit überhitzten oder explodierten Batterien. Aber alle fehlerhaften Batterien, die von uns untersucht worden sind, kamen entweder von Fremdherstellern oder von Produktpiraten. Aber derzeit werden es immer mehr Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Ein Norwegischer Journalist behauptet allerdings, dass es sich bei der jüngsten Nokia-Explosion in Norwegen um ein tatsächlich um eine Original-Batterie gehandelt hat.

Jormalainen: Wir untersuchen diesen Fall immer noch. Wahrscheinlich wurde diese Batterie nicht sachgemäß behandelt. Außerdem ist sie nicht explodiert, sondern hat sich nur überhitzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele derartige fehlerhafte Nokia-Batterien untersuchen Sie denn derzeit?

Jormalainen: Wie gesagt, sind es insgesamt 30 bis 40 Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder beschweren sich Kunden, dass ihre reklamierten Originalteile nicht ersetzt werden und sie nie eine befriedigende Antwort bekommen. Wie lange kann denn so eine Untersuchung dauern?

Jormalainen: Je nach Fall zwischen einer Minute und einigen Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Die belgische Verbraucherorganisation Test-Aankoop kommt in einem aktuellen Test zu dem erschreckenden Ergebnis, dass auch Nokia-Batterien, die im regulären Fachhandel gekauft worden sind, fehlerhaft sind und sich überhitzen können.

Jormalainen: Wir zweifeln das Testergebnis an. Test-Aankoop hat selber zugegeben, dass wahrscheinlich auch nicht-originale Batterien mit in den Test gerutscht sind.

SPIEGEL ONLINE: Der belgische Test hat weltweit für Aufsehen und Besorgnis gesorgt. Hat das zu einem Verkaufsrückgang von Nokia-Telefonen geführt?

Jormalainen: Es ist noch zu früh, das einzuschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber zumindest der Image-Schaden dürfte doch beträchtlich sein. Wenn Sie so sicher sind, dass die Verbraucherschützer geschlampt haben, werden sie sie wegen Rufschädigung verklagen?

Jormalainen: Nein, wie haben einen sehr konstruktiven Dialog mit denen. Die Leute von Test-Aankoop wollen nun mit unserer Unterstützung einen Test von garantiert echten Nokia-Batterien durchführen.

SPIEGEL ONLINE: Mit welcher Technik stellt den Nokia sicher, dass Original-Batterien nicht explodieren?

Jormalainen: Unsere Batterien verfügen über diverse Sicherheitsvorkehrungen. Sie sind so konstruiert, dass ein Kurzschluss verhindert werden soll, selbst wenn man die Batterie herunterwirft oder sonst wie malträtiert. Tritt aber aus irgendwelchen Gründen ein Kurzschluss auf, zum Beispiel durch ein defektes Ladegerät, wird der Stromkreis getrennt. Sollte die Batterie dennoch weiter überhitzen, entweicht der Überdruck über ein Sicherheits-Druckventil, bevor es zu einer Explosion kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie heiß könnte denn eine originale Nokia-Batterie im Ernstfall werden?

Jormalainen: Etwa 140 Grad Celsius wären denkbar. Aber diese Situation ist nach unserer Kenntnis bei sachgemäßer Behandlung noch nie eingetreten. Obwohl wir unsere Batterien extrem harten Tests unterziehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Batterien werden immer kleiner, wodurch auch die Isolationsschichten zwischen den Chemikalien in der Batterien immer dünner wird, sagt Professor Jürgen Besenhard von der österreichischen Univerität Graz. Er glaubt, dass durch die Miniaturisierung die Batterien potentiell unsicherer werden.

Jormalainen: Ich glaube nicht, dass die Dicke der Isolationsschichten in Problem darstellt. Sogar bei heftigstem Missbrauch kann eine Nokia-Batterie nicht explodieren.

SPIEGEL ONLINE: Bei fast allen Handy-Explosionen handelt es sich um Nokia-Telefone. Warum hört man nichts von explodierenden Handys der anderen Hersteller?

Jormalainen: Ich möchte mich nicht zu unseren Mitbewerbern äußern. Aber als globaler Marktführer haben wir eben auch besonders viele Nachahmer und Produktpiraten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn schon Erkenntnisse sammeln können, wo die Piratennester der Batteriefälscher sich befinden?

Jormalainen: Die meisten befinden sich in Südost-Asien.

SPIEGEL ONLINE: Nokia hat zwar einen globalen Marktanteil von vierzig Prozent. Aber zumindest bei den öffentlich wahrgenommenen Explosionen handelt es sich zu über 90 Prozent um Nokia-Telefone. Warum knallt es bei Ihren Mitbewerbern nicht oder sehr viel seltener?

Jormalainen: Das weiß ich nicht. Aber noch einmal: Die Produkte des Marktführers sind einfach der lukrativste Markt, sowohl für legale Nachbauten als auch für Piraten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es nicht einmal den Verbraucherschützern gelingt, Originalteile von Nokia einzukaufen, wie kann denn der Endkunde sicher gehen, keine explosiven Billiggeräte zu kaufen?

Jormalainen: Wir müssen unseren Kunden immer wieder nachdrücklich raten, nur beim Fachhandel zu kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Aber anscheinend tauchen auch im Fachhandel billige Nachbauten auf, wie das Beispiel der Warentest-Organisationen zeigt.

Jormalainen: Damit sprechen Sie ein ganz ernstes Thema an. Wir haben extrem schlaue Feinde, die sehr geschickt sind in der Täuschung der Kunden. Deshalb arbeiten wir auch mit den Sicherheitsbehörden zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Feinde so gefährlich sind, warum verfügen Nokia-Originalteile dann nicht einmal über Hologramm-Sticker, wie man es von Arzneimitteln oder Software kennt?

Jormalainen: Wir sind schon seit einigen Monaten an dem Thema dran. Im Laufe des ersten Halbjahres 2004 werden unsere Kunden eine Möglichkeit bekommen, Original-Geräte von Nokia von Plagiaten zu unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll dieses System aussehen?

Jormalainen: Ich will absichtlich noch keine Details verraten, um es den Fälschern so schwer wie möglich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich als Endkunde bis dahin sicher gehen will, dass mein Handy nicht explodiert, kann ich dann in einen Nokia-Servicepoint-Laden gehen und meine Batterie auf Echtheit untersuchen lassen?

Jormalainen: Wer besorgt ist, kann sich natürlich bei einem Nokia-Service-Center beraten lassen. Einschränkend muss ich allerdings sagen, dass die Situation etwas komplizierter ist. Manche Plagiate lassen sich nicht von außen von den Originalen unterscheiden, dazu muss man sie erst öffnen. Aber wir sind dabei, unsere Zwischenhändler über die Unterscheidungsmerkmale aufzuklären. Auch unsere Kunden können sich auf unser Website informieren unter www.nokia.com.

Die Fragen stellte Hilmar Schmundt

Mehr lesen über