Festplattenrekorder: Zeit für Zeitmaschinen - DER SPIEGEL
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Festplattenrekorder Zeit für Zeitmaschinen

VHS hat ausgedient, keine Frage, aber ist der DVD-Rekorder wirklich die beste Alternative? Wer sich einmal mit Festplattenrekordern befasst hat, kann das nicht mehr glauben: Die neue Technik bietet Vorteile, die Couchpotatoes jauchzen lassen.
Von Michael Stein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Köln-Innenstadt , später Nachmittag, in einem Elektronik-Kaufhaus. Lange Reihen mit Karton-Stapeln, oben auf jedem Stapel thront jeweils ein ausgepacktes Gerät. Vor einem der Stapel steht ein junger Verkäufer mit einer Frau mittleren Alters. "DVD/HDD Recorder" steht auf dem Geräte-Schild.

"Ja, aber ist die Platte denn nicht irgendwann voll?" Die Frau blickt den Verkäufer fragend an. Der schielt noch einmal auf die auf den Karton gedruckte Feature-Liste und beruhigt dann: "52 Stunden passen da drauf." "Nee, so viel brauche ich ja nie". "Naja, wenn ihnen der zu teuer ist, dann können sie auch genauso gut einen von den DVD-Rekordern dahinten nehmen."

Die Szene, die exakt so stattgefunden hat, zeigt exemplarisch, wie wenig es der Industrie bisher gelungen ist, Konsumenten und Verkäufern zu erklären, was die Integration einer Festplatte (HDD steht für "Harddisk Drive", Festplattenlaufwerk) in einen Videorekorder im Alltag bedeutet. Viele Hersteller haben es ja offenbar selber noch nicht begriffen. Einen einfachen DVD-Rekorder mit einem jener modernen HDD-Wunderautomaten zu vergleichen, das wäre ganz so, als würde man zwischen der Anschaffung eines Minivan und eines Smart schwanken.

Als Nachfolger des VHS-Videorekorders wollen uns die großen Geräte-Bauer derzeit vor allem einen DVD-Rekorder verkaufen. Statt der analog bespielten VHS-Cassette kommt dort eine mit digitalen Daten beschreibbare DVD+ oder DVD- zum Einsatz. Abgesehen davon, dass es einmal mehr eine Glanzleistung der Elektronik-Industrie ist, dass sich die Firmen auch nach vielen Jahren noch immer nicht auf einen einheitlichen Standard einigen konnten: Hat man keine DVD zur Hand, kann man auch nicht aufnehmen. Zudem ist der Qualitätsunterschied zwischen einer guten VHS- und einer DVD-Aufnahme nicht so gravierend, dass sich die Neuanschaffung eines DVD-Rekorders wirklich lohnen würde. Da müsste es schon einen deutlichen Mehrwert geben. Und den gibt es - zumindest bei einigen Geräten.

Gejagt, getan

Steckt im Gehäuse des Videorekorders nämlich stattdessen eine Festplatte, kommt sein Besitzer in den Genuss des so genannten Zeit versetzten Fernsehens.

"Timeshift", "Timeslip" oder "Chase Play" nennen die Hersteller diese famose Funktion, die das TV-Konsumverhalten einer kompletten Familie verändern kann. Wer einmal ganz entspannt am Bett seiner Tochter gesessen und die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat, während Günter Jauch in bläulichem Licht bereits die ersten Grimassen schnitt, wird eine solche Zeitmaschine nie wieder hergeben wollen.

Denn auch wenn es in dem Moment, in dem man es sich endlich auf dem Sofa bequem machen kann, schon 20.44 Uhr ist: Auf Knopfdruck begrüßt Jauch ohne Murren die Nachzügler, als sei es eben erst 20.15 Uhr geworden. Die Timeshift-Funktion macht es nämlich möglich, dass das Gerät gleichzeitig das bereits Aufgenommene abspielt, während die Aufnahme weiter läuft. Und das Gerät funktioniert, ohne dass man vorher an den Kauf von Bändern oder Scheiben denken müsste.

Schätzen lernt man als Besitzer eines solchen Rekorders auch schnell die Möglichkeit des schnellen Zeitsprungs. Ein gezielter Knopfdruck sorgt hier dafür, dass man sich die fünfte Wiederholung des Spots mit dem kleinen Hunger und dem großen Dieter schlicht nicht antun muss, sondern den Werbeblock einfach überspringen kann. Und das funktioniert bei besonders guten Geräten sowohl beim späteren Anschauen als auch beim Zeit versetzten Betrachten von aufgenommenem Material.

Qualitätssicherung

Bleibt noch die Sache mit der nur endlich bespielbaren Festplatte zu klären. Die meisten Angaben der Hersteller (so auch die 52 Stunden auf dem Karton des Gerätes im Kölner Elektronik-Kaufhaus) sind sehr optimistisch. Sie beziehen sich nämlich auf die Kapazität in der schlechtesten Bildqualität. Die macht dem Auge in aller Regel aber nur wenig Freude, so dass zum Beispiel beim DMR-HS2 von Panasonic die 52 Stunden im schlechtesten auf gerade einmal 8,5 Stunden im besten Modus zusammenschnurren. Ein ähnliches Bild beim Modell DTH-7500 von Thomson: In absolut akzeptabler Qualität bleiben von den angepriesenen 120 Stunden in bester immerhin noch etwa 60 Stunden in normaler Qualität - für den TV-Genuss einer Durchschnittsfamilie sicher mehr als ausreichend.

Das Zeit versetzte Fernsehen klappt aber übrigens auch bei einigen DVD-Rekordern ohne Festplatte, die statt oder neben einer einmal beschreibbaren DVD-R die mehrfach beschreibbare und löschbare DVD-RW akzeptieren. Aber: Ist gerade keine freie DVD-RW vorhanden, kann man auch nicht aus der Zeit schlüpfen.

In Kombination mit einer Festplatte spielt ein DVD-Rekorder-Laufwerk hingegen seine Möglichkeiten so richtig aus. Denn was es nach dem einmaligen Anschauen tatsächlich verdient, konserviert zu werden, kann von der Platte auf die Scheibe übertragen werden. Die meisten Geräte erledigen das übrigens in Windeseile, weil hier Dateien übertragen werden können und keine Videosignale von der Platte zur Scheibe wandern müssen. Das Überspielen eines Spielfilms dauert im Idealfall nur wenige Minuten. Das bereits erwähnte Panasonic- Modell DMR-HS2 und auch der DMR-E100 sind solche Kombi-Geräte.

Funktion formt

Wer seine Spielfilme nicht dauerhaft sichern will, der kommt auch mit einem reinen Harddisk-Rekorder - vielleicht noch mit zusätzlich eingebautem DVD-Player-Laufwerk aus. Thomson DTH-7500, der Samsung DVD-H40E und der HDR-1000 von Philips sind solche Geräte. Sie sind auch preislich ein Mittelweg: Gute Geräte kosten hier zur Zeit ab etwa 500 Euro. Mittlerweile drängen aber auch mehr oder weniger unbekannte Marken mit Festplatten-Rekordern, zum Teil inklusive eingebauten Satelliten-Receivern auf den Markt. Die Zeit wird zeigen, welche Modelle sich tatsächlich durchsetzen können.

Vor dem Kauf sollte man sich aber genau informieren, welche Funktionen nun genau in welchem Gerät stecken und welche davon man unbedingt braucht. Wer den Komfort des Zeit versetzten Fernsehens und ein Gerät fürs dauerhafte Archivieren haben möchte, der muss sich bei den Festplatten-Rekordern mit eingebautem DVD-Rekorder-Laufwerk umschauen, die natürlich auch DVDs abspielen können. Wer keine Video-Archivar-Ambitionen besitzt, der kann bei Geräten ohne DVD-Rekorder-Teil ordentlich Geld sparen. Es ist Geschmackssache, ob dabei noch ein DVD-Player eingebaut sein muss. Also, machen Sie's wie die Profis: Vor dem Kauf immer schön auf den Karton-Aufdruck schauen!