File-Sharing P2P ist tot, es lebe P2P
Napster steht vor dem Aus. Gnutella läuft nur bedingt stabil und wird mittlerweile von der MPAA attackiert. Der groß gehypte P2P-Service InfraSearch wurde vergangenen Monat für gerade mal zehn Millionen US-Dollar an Sun Microsystems verramscht. File-Sharing-Klone wie Bearshare oder iMesh dümpeln mit wenigen tausend Nutzern vor sich hin. Micropayment-Dienste à la Zden oder Mojonation bieten Inhalte feil, die kaum einer wirklich haben will. Von Refinanzierung, geschweige denn Profiten, spricht sowieso niemand. Kaum überraschend prophezeien Spötter bereits ein nahes Ende der Peer-to-Peer-Party.
Doch weit gefehlt. Ihren Kritikern zum Trotz hält die einstige Undergroundtechnologie in den USA mittlerweile breiten Einzug in Unternehmen, Organisationen und Forschungseinrichtungen - und nicht etwa zum illegalen Tausch von MP3-Songs oder Digi-Videoschnipsel. Vielmehr versorgen sich künftig Bio-Wissenschaftler, Investmentbanker oder amerikanische Regierungsbeamte mit Forschungsdaten, Bilanzen und Statistiken über P2P-Netzwerke.
So plant etwa die US-Regierung, ihren Online-Statistikdienst FedStats.gov mit Hilfe der Washingtoner Environmental Protection Agency um einen P2P-Infoservice zu ergänzen. Zum einen sollen viel Tausende von Statistiken zu Aids-Raten, Kohlendioxidbelastung oder Minderheitenquoten zum Download bereitgestellt werden.
Das ist an sich nichts Neues, diesen Service bietet die Behörde schon seit 1995 an. Doch über FedStats.net, so die Domain des neuen P2P-Angebots, sollen die Daten künftig erstmals weiterverwertbar zur Verfügung gestellt werden. Bislang waren die Zahlenkolonnen und Tabellen der US-Regierungssite rein statisch auf den Seiten zu betrachten - und damit nur schwerlich zu analysieren oder mit anderen Datensätzen und -banken kombinierbar.
Zum anderen soll über den P2P-Dienst auch die Datenerfassung wesentlich einfacher und vor allen Dingen zuverlässiger zu handhaben sein. Die US-Regierung sammelt aus 3000 amerikanischen Verwaltungsbezirken Statistiken in 5000 verschiedenen Kategorien. Bis dato fertigen die Forscher der Countys die Reports handschriftlich an. Diese werden erst später per Computer erfasst und nach Washington weitergeleitet - Übertragungsfehler inklusive. Künftig sollen die Beamten ihr frisch erhobenes Material direkt via Handheld-PCs auf Server der Verwaltungen online stellen können. Von dort sind die Zahlen wiederum jedem autorisierten Internetnutzer zugänglich.
Banker und Pharmariesen testen File-Sharing
Ein ähnliches System kündigte vergangene Woche der Pharmakonzern GlaxoSmithKline an. Der Multi will die P2P-Technologie für den Austausch von Medikamentendaten mit externen Wissenschaftlern, Universitäten oder Biotechfirmen einsetzen. Ein gutes Dutzend amerikanische Investmentbanken - darunter beispielsweise Bear Stearns, ING Barings oder J.P. Morgan - experimentieren ebenfalls mit Peer-to-Peer. Die Finanzinstitute wollen über P2P-Netzwerke insbesondere auch ihren Kundenservice verbessern und Klienten etwa intern verfasste Analysen und Berichte zur Verfügung stellen.
P2P-Protagonisten sehen vor allem auch im Projektmanagement - insbesondere im Technik- oder Design-Bereich - eine große Zukunft für die File-Sharing-Technologie. So hat Groove Networks aus Massachusetts vergangene Woche eine Peer-to-Peer-Software präsentiert, die dem sicheren, simultanen Arbeiten mehrerer räumlich getrennter Entwicklungsteams mit bis zu 25 Mitarbeitern dienen soll. Stellt ein Projektmitglied neue Daten online oder aktualisiert bereits verfügbare, werden beteiligte Kollegen unmittelbar benachrichtigt.
P2P-Puristen kritisieren bereits, Groove Networks setze nur peripher auf das P2P-Verfahren und würde sich wie so viele andere Firmen vor allem aus PR-Gründen mit Peer-to-Peer-Federn schmücken. Zu den prominentesten Kunden des 1997 von Ray Ozzie - einst bei der IBM-Tochter Lotus für die Entwicklung von Lotus Notes verantwortlich - gegründeten Groove Networks zählt neben GlaxoSmithKline dennoch etwa auch das US-Verteidigungsministerium.
Doch damit nicht genug der definitiv legalen Einsatzbereiche für P2P: Vorletzte Woche gab eine Gruppe amerikanischer Krebsforscher der Oxford University, der American Cancer Society und der National Foundation for Cancer Research bekannt, bis zu sechs Millionen PCs auf P2P-Basis miteinander zu verknüpfen. Das von Intel geförderte "Distributed Computing"-Projekt setzt darauf, brachliegende Rechenkapazitäten konventioneller PCs zu bündeln. Mit Hilfe dieser Mega-Rechenpower sollen der Forschergruppe zufolge binnen fünf Jahren Leukämie-Medikamente entwickelt werden können, deren Fertigstellung ansonsten mehr als zwölf Jahre in Anspruch nehmen würde. Und da sag' noch einer, P2P-Verfechter seien rücksichtslose Kriminelle.