Flatrate: Kunden im Dunkeln - DER SPIEGEL
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Flatrate Kunden im Dunkeln

Für nur 79 Mark im Monat so viel Internet wie man möchte: Das attraktive Pauschalangebot lockte Heerscharen von Kunden zum Anbieter Sonnet. Doch der Begriff Flatrate hat für Sonne-Flatrate-Kunden eine ganz neue Bedeutung gewonnen: Sie bekommen Besetztzeichen statt Binärdaten.
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch vor zwei Wochen wurden E-Mail-Anfragen zu Anschlussschwierigkeiten durch den Sonnet-Support mit Rückfragen zum verwendeten Betriebssystem und Protokolleinstellungen beantwortet. Doch inzwischen ist klar: Statt eines wirtschaftlichen Durchbruchs erlebt Sonnet einen technischen Zusammenbruch.

Die Fehlerquelle sieht Sonnet dabei in der Kapazität der Einwahlknotenpunkte. Über die Freecall-Nummern werden die eingehenden Anrufe gebündelt und auf ein Gate geschickt, welches die Anrufer weiter verteilt, damit jeder Kunde seinen temporären Port (Anschluss) erhält.

Bis zum 29. August 2000 erhielten die "Sonne"-Kunden die wenig erfreuliche Botschaft, dass die Probleme bei der Diensteinwahl nicht durch Sonnet, sondern durch führende Telekommunikations-Unternehmen zu verantworten sei, die entsprechende Leitungskapazitäten zur Verfügung stellen müssten, dieser Forderung aber derzeit nicht nachkommen könnten.

Telekom: unschuldiger Sündenbock

Die Telekom in Bonn ist über diese "namenlose" Schuldverschiebung wenig erfreut, weil die Firma Sonnet mit der Betreuung der Telefongates offensichtlich andere Subunternehmer beauftragt hat. Die Bonner Telekom-Zentrale erklärt hierzu nur, dass die oft zitierte Einwahlnummer 0800-6624530 ebensowenig von der Telekom betrieben wird wie die weiterhin bekannten Einwahlen 3334448 und 7777775.

Dem Flatrate-Anbieter in Dortmund ist in erster Linie an der Begrenzung des Imageschadens gelegen. Die durch Sonnet kalkulierten technischen Kapazitäten seien ausreichend, hieß es, doch Sonne-Kunden berichten schon seit mehr als 4 Wochen über einen spürbaren Niedergang der erzielbaren Übertragungsraten. Besonders zum Musik- und Softwaredownload wird das Flatrateangebot gerne genutzt, doch war die Freude über die Leistung des Zugangs zusehends getrübt: Wurden beim Provider "Nextra" nachmittags für einen Download von einem US-Server immerhin 43 kBit erreicht, dümpelten die Sonnet-Downloadversuche parallel mit nostalgischen 18,4 kBit im Mailboxzeitalter.

Heute stehen zahlreiche Sonnet-Kunden auf völlig verlorenem Posten: Auf den Einwahlnummern ist, selbst außerhalb der von Sonnet als problematisch eingestuften Primetime von 18 bis 22 Uhr, streckenweise nicht einmal mehr ein Besetztzeichen zu vernehmen.

Um die aktuelle, technische Sonnenfinsternis bei der Sonne-Flatrate zu beenden, kritisiert Sonnet nunmehr doch die Nutzungsgewohnheiten der Kundschaft, die den preiswerten Netzzugang als Standleitung ins Internet missbrauchen und Netzverbindungen ungenutzt stehen lassen. Diesen Kunden will man fristgerecht kündigen und hofft hiermit die Einwahlschwierigkeiten binnen 14 Tagen stark zu vermindern. Für die erforderliche Kapazitätserweiterung am "Flaschenhals" Einwahlpunkt wird den Kunden ein Zeitraum von sechs Wochen in Aussicht gestellt.

Noch halten sich die Vertragskündigungen von Sonne-Flatrate-Kunden in Grenzen, verrät Sonnet-Geschäftsführerin Anya Elis, die Zahl der dank Flatrate gebundenen Kunden ist hingegen Verschlusssache.

Flatrate-Pionier Surf1 steigt vorerst aus

Es ist kein Geheimnis, dass die Internet-Pauschalen der kleinen Anbieter keinesfalls kostendeckend sind. Flatrate-Pioneer "Surf1" aus Bitburg steigt aus dem bisherigen All-Inclusive-Angebot zu 139 Mark im Monat jedenfalls zum 1.9.2000 aus. Kundenbindung hin oder her, die große Resonanz des Angebots lässt sich nicht dauerhaft finanzieren, räumt Geschäftsführer Nylis G. Renschler offen ein. Mit 160 Nutzungsstunden pro Monat könnten die Flatratekunden das Unternehmen in den Ruin surfen. Im September soll eine "Preisanpassung" von 139 Mark auf 139 Euro vorübergehend helfen, annähernd kostendeckend zu arbeiten. Spätestens ab Dezember will "Surf1" mit einem neuen, werbefinanzierten Konzept den Flaterate-Markt für nur 19 Euro pro Monat erneut aufmischen.

Eine Preisverdoppelung wie bei Surf1 kann eine notwendige Flurbereinigung der Kundschaft bewirken, denn selbst mehr bezahlende Gewerbekunden monieren bei "Surf1" Minderleistung in Sachen Übertragungsgeschwindigkeit: "Um 20 Uhr ist's fast wie damals beim BTX", witzelt eine Werbeagentur mit teutonischer Gelassenheit, die längst nicht jedem Kunden zu eigen sein dürfte.