Foto-Workshop So gelingen Nebensachen-Schnappschüsse
Haben Sie das schon erlebt? Urlaub im Süden, viele Menschen, bunte Farben, zahllose Eindrücke und Sie machen ein langweiliges Bild nach dem anderen. Im besten Fall fotografieren Sie ein typisches Postkartenmotiv: Hafen mit weißen Schiffen, das Blau mit einem Polfilter verstärkt. Leicht frustriert legen Sie eine Kunstpause ein und denken darüber nach, warum sich die nötige Inspiration heute nicht einstellen will.
Und dann hakt sich Ihr Blick an einem Detail fest, das Ihnen Minuten zuvor noch entgangen war: Da hat jemand an seine Haustüre dunkelgrün, die Farbe blättert schon ab ein kleines Kissen mit Comic-Figur und handgeschriebenem Zettel gepinnt, offenbar ein ortsüblicher Brauch als Hinweis auf die Geburt eines Kindes. Dieses kleine, anrührende Stilleben weckt Ihr Interesse, sich der näheren Umgebung mit neuen Augen zuzuwenden und plötzlich finden sich zahllose Motive, die Ihnen zuvor entgangen sind.
Natürliche Stilleben gekonnt in Szene setzen
Um solche Motive zu entdecken, muss man den Blick fürs Detail schärfen. Dafür braucht man etwas Muße und wenig Ablenkung durch andere. Wenn Sie ein geeignetes Motiv gefunden haben, geben Sie sich nicht mit der erstbesten Ansicht zufrieden.
Regel 1: Lassen Sie alles weg, was von der Aussage des Motivs ablenkt.
Regel 2: Beziehen Sie alles mit ein, was die Aussage verstärkt. Beim eingangs erwähnten Babykissen an der Tür wurde etwa der Ausschnitt so gewählt, dass die Klingelleiste rechts oben im Bild noch sichtbar blieb. Nur so wird nämlich klar, dass es sich um eine Haustüre handelt und nicht um eine beliebige grüne Holzwand.
Gegenbeispiel: Die beiden Fernrohre aus Metall, fotografiert von Siegfried Layda (siehe Fotostrecke), zeigen ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Gesichtern vor allem durch den dunklen Hintergrund, der alles Überflüssige ausblendet. Zudem arbeitet Seitenlicht die Strukturen heraus und verleiht den Formen Plastizität. Auch die weiße Katze vor dem bunten Plastiksack mit Streusand fürs Katzenklo gewinnt durch den knappen Ausschnitt an Wirkung.
Bei der amerikanischen Fast-Food-Szene mit Sandwich und Pommes (siehe Fotostrecke) ist es der Blick von oben, der das Bild interessant macht; nur so lassen sich die roten Barhocker und der Boden im schwarz-weißen Rautenmuster miteinbeziehen. Das Weitwinkel betont den Vordergrund mit dem Hauptmotiv; zudem ergibt sich durch die metallisch glänzende Kante des Tresens eine das Bild unterstützende Diagonale.
Details als Träger von Emotionen
Es gibt verschiedene Gründe dafür, wenn etwas an sich Alltägliches zur fotografischen Fundsache wird: eine markante Form, plakative Farben in einem monochromen Umfeld oder ein spezielles Überraschungsmoment ein Gerümpel-Arrangement in einem Hinterhof, ein rosafarbener Sonnenschirm, der sich in einem Maschendraht verfangen hat oder weiße Unterwäsche, die jemand an einem Blumenkasten aufgehängt hat.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist das Licht: Normalerweise würde man den Gullydeckel einer Straße auf Sylt keines Blickes würdigen; im Foto von Siegfried Layda wird mit einem orange gefilterten Blitz die Struktur reliefartig herausgearbeitet. Nicht weniger verblüffend: das Schaufenster mit Pekingenten in Shanghai, das durch eine einzige nackte Glühbirne beleuchtet ist.
Fotografische Fundsachen sind oft eng mit persönlichen Erinnerungen verbunden: Was Sie in einem bestimmten Augenblick als "natürliches Stilleben" entdeckt haben, ist ein Produkt Ihrer ganz persönlichen Sichtweise und in dieser Form einzigartig. Die damit verbundenen Erlebnisse und Gefühle sind mit dem Bild für alle Zeiten gespeichert einen besseren Grund kann es für den Druck auf den Auslöser nicht geben. Auch der professionelle Bildjournalismus lenkt den Blick oft auf markante Details, die einen emotionalen Zusammenhang mit Menschen, Handlungen und Schicksalen herstellen.
Die damit verbundene Sichtweise hat Henri Cartier-Bresson einmal so beschrieben: "Das Auge schneidet den Gegenstand aus seiner Umgebung heraus, und der Apparat hat nur noch seine Arbeit zu tun, die darin besteht, die vom Auge getroffene Entscheidung auf den Film zu übertragen."
Im Prinzip ganz einfach im konkreten Fall aber eine große Herausforderung, wenn ein kleines Detail eine große Geschichte erzählen soll.