Fototricks Ist wirklich wirklich wirklich?
Fotografische Stilmittel: Über ein reines Abbilden dessen, was wir für die Realität halten, weit hinaus
Foto: DOCMAWenn Sie versuchen, die Realität durch eine Fotografie abzubilden, haben Sie sich ganz schön was vorgenommen. Denn die Kamera ist ja lediglich ein Gerät, das dazu beiträgt, eben diese Realität erfahrbar zu machen und zu konservieren. Dabei geht sie nicht gerade zimperlich vor: Zunächst einmal wird das Geschehen vom Faktor Zeit getrennt.
Die menschliche Wahrnehmung setzt sich aus unzähligen kleinen Sprüngen des Blickes zusammen, den sogenannten Sakkaden. Das Gehirn synthetisiert daraus einen kontinuierlichen Ablauf, eine Art Film, die Zeit ist also ein wichtiges Kriterium bei der Wahrnehmung von Sachverhalten. Entsprechend kreativ und vielfältig sind die Möglichkeiten, diesen wichtigen Faktor wieder in eine Fotografie oder ein Composing einzufügen.
Aber auch die Verarbeitung des Wahrgenommenen sollten wir mal betrachten: Es stimmt schon, dass das menschliche Auge, vor allem mit dem direkt daran angeschlossenen Gehirn ein Wunderding ist, denkt man nur mal an den ungeheuren Kontrastumfang, den es bewältigt oder die gewaltige Tiefenschärfe, die uns zur Verfügung steht.
Kein Wunder, dass die Fototechnik seit ihrer Entstehung versucht, in technischer Hinsicht an die Biolinse heranzureichen: Der panchromatische Schwarzweißfilm, später die Farbaufnahme, dann die digitale Fotografie, die völlig neue Möglichkeiten der Be- und Verarbeitung gebracht hat. Da überrascht es einen doch umso mehr, dass sich in den knapp 180 Jahren seit der Entdeckung der Fotografie eine ganze Menge Stilmittel angesammelt haben, die mit dem Abbilden der Realität herzlich wenig zu tun haben, sondern ganz im Gegenteil für eine eigene, eine fotografierte oder sogar computergenerierte Realität stehen.
Das hat Folgen. In Zeiten, in denen die Fotografie nicht mehr hauptsächlich bewahrenden Charakter hat, sondern zu großen Teilen manipulatorisch eingesetzt wird und neben Sachverhalten auch Gefühle, Wunschträume und unser ganzes konsumorientiertes Lebensumfeld bebildert und transportiert, gehen die dabei verwendeten Stilmittel über ein reines Abbilden dessen, was wir für die Realität halten, weit hinaus. Damit sind weniger die offensichtlichen Bildmontagen gemeint, die man eher als eine Art Ausbelichtung der Phantasie des Autors bezeichnen könnte, sondern die vielen Kleinigkeiten, durch die sich unsere Sehgewohnheiten ständig weiterentwickeln.
Welche Stilmittel bilden die Realität ab? Welche huldigen deren technischem Abbild? Und weswegen unterscheiden sich Models in makelloser Unnahbarkeit eher durch ihre Presse als durch ihr Aussehen?
Lange Belichtungszeit - die Illusion von Zeit
Ein Klassiker. Wenn es richtig ist, dass die Zeit beim Erfahren der Realität eine Rolle spielt, dann müsste das Einbringen der Zeit in Form einer Belichtung, die Bewegung aufzeichnet, eher die Realität abbilden als dieselbe Aufnahme mit kurzer Belichtungszeit. Vor allem dann, wenn das Hauptobjekt durch Mitziehen der Kamera scharf bleibt. Zugegeben, das klappt auch. Allerdings nur, weil unsere Sehgewohnheiten solche Dinge wie den verwischten Hintergrund kennen und die Erscheinung einer zeitlichen Dimension zuordnen.
Kurze Belichtungszeit - "Stillgestanden, Zeit!"
Derselbe Klassiker mit umgedrehten Vorzeichen. Denn bei sehr schnellen Bewegungen oder solch komplexen Abläufen wie der Veränderung der Reflexionen beim Einschenken von Mineralwasser macht erst die kurze Belichtungszeit den Prozess erkennbar. Der Verfremdungseffekt ist sogar im Vergleich zum ersten Beispiel geringer, da die Abbildung schließlich mit einem sehr kurz andauernden Ausschnitt der Realität übereinstimmt.
Speedmaker - die Virtualisierung von Bewegung
Der Effekt kann sozusagen aus der Realität durch Veränderung der Brennweite während der Belichtung extrahiert werden. Alternativ hierzu stehen in Photoshop Filter zur Verfügung, die diesen Effekt beeindruckend realistisch nachbilden und darüber hinaus sogar noch die Festlegung des Bewegungsnullpunktes außerhalb des Bildzentrums gestatten. Jedoch: Diese Art der entfernungsrelevanten Verzeichnung kann so nicht in der Realität beobachtet werden, sie ist nur durch den Einsatz von Technik zu erzeugen. Brauchbar ist der Dreh trotzdem, wirkt er doch erstaunlich realistisch, denn er vermittelt das Gefühl von schneller Bewegung.
Lensflare - Echtheitsnachweis der Realitäts-Kopie?
Derart stimmungsvoll sind diese bunten Kringel, dass sie als Standard in fast jedem Bildbearbeitungsprogramm zu finden sind. Sie machen die Sommersonne wärmer, die Wintersonne gleißender und werden hemmungslos zu allen passenden und unpassenden Anlässen in Composings eingesetzt, um die fotografische Echtheit des Werkes zu unterstreichen. Doch Vorsicht: Echte Blendenflecke sind okay, oft sogar unvermeidbar.
Aber sie sind stets auch ein Hinweis auf die technische Unvollkommenheit von Objektiven und sollten sparsam verwendet werden.
Glitzersterne - Reality-Enhancement
Verheißungsvolles Funkeln, Glitzern und Strahlen kennen wir alle. Dieser Effekt kann aber nur dann beobachtet werden, wenn sich entweder der Betrachter, das Objekt oder die Lichtquelle bewegt. Da nichts davon in der Fotografie passiert, greift man gerne zu Sternfiltern oder ihren elektronischen Artgenossen, den entsprechend geformten Pinselspitzen. Obwohl beides nur Hilfsmittel sind, die so nicht in der realen Welt zu beobachten sind, funktionieren sie ganz gut, um Brillanz zu vermitteln oder glänzende Oberflächen zu suggerieren. Vorausgesetzt, man übertreibt's nicht.
Kontrast - harte Kanten
Diese Abbildung einer Industrielandschaft im Gegenlicht ist technisch gesehen nichts weiter als eine Demonstration der Unvollkommenheit der Bilderfassung.
Erstens: Die Überstrahlung der Kontur des Kamins lässt die Sonne kraftvoller wirken, existiert aber nur, weil der Kontrastumfang der Szene zu groß ist.
Zweitens: Würde man die obenstehende Aufnahme real erleben, wäre das Gebäude voll durchgezeichnet, die Aufnahme aber nebenbei auch ihrer Romantik beraubt. Ich bin zuversichtlich, dass sich dieses klassische Stilmittel auch in Zeiten allgegenwärtiger HDR-Bilder noch eine Weile halten wird.
Weitwinkel - weiter als man sieht
Betrachten Sie einmal Ihre Umgebung, ohne den Kopf dabei zu bewegen. Nur durch die Augenbewegung decken Sie dabei einen verhältnismäßig großen Bildwinkel. Genau an dieser Stelle setzt das Weitwinkelobjektiv an: Es besitzt einen größeren Bildwinkel als die etwa der Linse des menschlichen Auges entsprechende Brennweite von 50 mm.
Anstatt aber der Wahrnehmung näher zu kommen, werden ein paar andere Effekte sichtbar: Stürzende Linien, Kammern, die riesig groß erscheinen und scheinbar vergrößerte Abstände bei der Tiefenstaffelung: Tolle Effekte, doch sie zeugen ebenso vom Medium, das sie erschaffen hat, wie vom abgebildeten Inhalt.
Teleobjektiv - Zoom doch!
Das Teleobjektiv ist in direkter Linie mit dem Weitwinkel verwandt. Anstatt die Szene in die Länge zu ziehen, wird die Perspektive verdichtet, alles scheint sehr nahe zu sein. Wer diese Ästhetik mag, soll sie verwenden, ermöglicht sie doch Ansichten und Blickwinkel, die ohne dieses Hilfsmittel nicht möglich wären. Eben genau deswegen wirkt eine Teleaufnahme aber auch wie eine Interpretation der Wirklichkeit und hat mit der naturgetreuen Abbildung derselben nicht mehr viel gemeinsam.
Tiefenschärfe? Schärfentiefe!
Auch unser Auge hat einen endlichen und vor allem adaptierbaren Bereich, in dem scharf abgebildet wird. Dennoch fällt dies nicht auf, Normalsicht vorausgesetzt, denn erstens ist dieser Bereich erstaunlich groß und zweitens blendet das Gehirn Unschärfe einfach aus und setzt an ihre Stelle Erfahrungswerte, so dass wir glauben, scharf zu sehen. Nicht so bei der kreativen Unschärfe: Sie eignet sich prima, um Wesentliches von Beiwerk zu unterscheiden, wir kennen dieses klassische Stilmittel der Fotografie. Es führt den Blick des Betrachters, hat aber mit wirklichkeitsgetreuem Abbilden nichts zu tun.
Hyperraum - real ist nicht, was so aussieht
Stellen Sie sich dieses Schlaraffenland einmal als begehbare Landschaft vor: Sie wären irritiert, würde sich der Schärfentiefebereich nicht über die gesamte Landschaft ausdehnen, denn nur so kann sie überlebensgroß wirken und zum Hineinmarschieren einladen. Alle Gegenstände wurden einzeln fotografiert, und konnten deshalb auch scharf abgebildet werden. Gerade also die Abwesenheit des begrenzten Schärfebereichs in Verbindung mit der tief liegenden Perspektive lassen das Ensemble als Raum erscheinen, wenn er auch aus dem Reich der Fantasie stammt.
Fotografie pur
So funktioniert fotografisches Abbilden seit Anbeginn der Fotografie: Das Model wird geschminkt, zugegeben, in diesem Falle eher mit Wasser und Glycerin besprüht, um einen rechtschaffenen Arbeiterschweiß zu erzeugen. Dann wird das Licht gesetzt, das weiche von oben imitiert das Tageslicht, während das harte von hinten die Konturen besser formt, Glanzlichter setzt und die allgemeine Dramatik der Aufnahme erhöht. So weit, so altmodisch.
Postproduction - realer als die Wirklichkeit
Erst in der Postproduction wird das Rohmaterial zum Bild: Kontraste werden verändert, Schatten verstärkt, Muskelvolumen nachgeformt. So wird mit Mitteln der modernen Bildbearbeitung aus der Fotografie eine Art Heldenporträt, in der Werbung auch "Look" genannt.
Durch die klaren, reinen, farblich entsättigten Tonwerte scheint das Porträt plastischer, realistischer als durch die Fotografie alleine. Und liefert so ein Paradebeispiel dafür, wie die Technik dazu beitragen kann, die Wirklichkeit echter aussehen zu lassen, als sie selbst für möglich halten würde.