Game-Messe E3 Spieler im Showfieber
Das LA Convention Center sieht so nüchtern aus wie die meisten modernen Messen. Aber das ändert sich, sobald die Electronic Entertainment Expo (E3) hier gastiert: Die E3 ist Show, total bunt und laut und durchgeknallt, in ihrer Wirkung auf den Betrachter allenfalls mit Las Vegas bei Nacht vergleichbar.
Tausende staunende Besucher drängeln noch bis zum Freitag durch die engen Spalte, die Nintendo, Sony, Electronic Arts und die etwa 400 anderen Aussteller als Schleichpfade zwischen aufwändigen Konstruktionen aus Stahl, Plastik und Stoffbahnen übrig lassen. Von allen Seiten blitzen Neonlichter und lärmen Lautsprecher, während knapp bekleidete Girls um Aufmerksamkeit buhlen. Aber so richtig lang bleibt das Auge an nichts hängen, was nicht eckig ist - denn die wahren Stars der Show, das sind die allerneuesten Videogames auf Hunderten flackernder Bildschirme.
An einigen Ecken drängeln sich noch ein paar Menschen mehr als an anderen. Das sind die Stellen, wo die richtig großen Weltpremieren stattfinden. Davon gibt es so einige: "Halo 2", "Half-Life 2" zum Beispiel. Bereitwillig stellen sich Hunderte Actionfans an, um nach etwa einer Stunde Wartezeit in improvisierte Kinos eingelassen zu werden. Man ist dann einer von nur ganz wenigen, die jetzt schon einen Blick auf diese Actionfeuerwerke werfen dürfen und nicht erst im Spätherbst, wie das gemeine Volk. Jede Information saugen die staunenden Betrachter so gierig auf, wie Automobilfreaks Bilder eines neuen Ferrari-Modells. Kaum zu glauben, dass es sich hierbei um Fachpublikum handeln soll, wie es die Messeregeln vorschreiben.
Trend I: Es gärt unter der schönen Oberfläche
Zumindest die deutschsprachigen Besucher werden sich vermutlich nur zu gern vom Alltag ablenken lassen, denn der ist derzeit trist wie lange nicht mehr. Sieben Tage vor Beginn der E3 gab der deutsche Branchenverband VUD seinen Jahresbericht 2002 heraus, und trat voll auf die Spaßbremse.
Schluss mit lustig: Die einstige Boomindustrie muss mit massiven Einbrüchen klarkommen. Der Gesamtumsatz sackt von 1,5 Milliarden auf 1,4 Milliarden Euro. Die Branche, die von ihrer Geburt in den Achtzigern bis ins Jahr 2000 nur Wachstum kannte - sie schrumpft und fällt sogar noch hinter das Ergebnis aus dem Jahr 1998 zurück. Vor allem PC-Games brechen weg, mit einem Umsatzminus von 7,4 Prozent im Vergleich zum schon schlecht gelaufenen Vorjahr. Auf der E3 ist nur noch jede vierte Neuerscheinung für PC angekündigt, denn was für den deutschen Markt gilt, gilt weltweit.
Trend II: Entertainment geht quer über alle Medienplattformen
Wenn Geschäftsführer aus München, Köln oder Hamburg angesichts solcher Zahlen mal kräftig durchatmen müssen, empfängt sie vor den Hallen der Blick auf die Hügel von Hollywood. Hier haben die Spielehersteller ihre Heimat gefunden, das wird auf dieser Messe deutlich. Nie waren sich Hollywood und Spieleindustrie näher als in diesem Jahr. Spielfilme und Filmspiele sind eins. Universal, Fox und Co. arbeiten Hand in Hand mit Electronic Arts, Activision und den anderen Spieleherstellern.
Darum macht Keanu Reeves nicht nur im Kinostreifen "Matrix Reloaded" den Neo, sondern auch im Spiel zum Film. Gleichzeitig, wohlgemerkt. Vorbei die Zeiten, als das Spiel Monate nach einem Kinostart lustlos nachgeschoben wurde.
Manche Schauspieler finden sogar den Weg ins Spiel, ganz ohne Filmvorlage. Capcom zum Beispiel hat den französischen Schauspieler Jean Reno für sein Actionspektakel "Onimusha 3" engagiert. Er soll das fernöstliche Fantasyspektakel mit seiner starken Persönlichkeit prägen. Auch Arnold Schwarzenegger gibt's bald als Bits und Bytes. Er machte sich persönlich stark für das Game zum dritten "Terminator"-Movie.
Trend III: Es geht hart zur Sache
"T3" wird ein Egoshooter, wie "Doom 3" , "Half-Life 2", "Halo 2" und viele weitere Publikumsmagneten auf der E3. Nach einer Zählung des E3-Veranstalters IDSA ist jedes fünfte Game im Actiongenre verwurzelt. Dadurch verschlechtern sich die Aussichten für die deutsche Spielebranche eher noch: Solche Games tun sich schwerer beim Verkauf, seit im April ein neues Jugendschutzgesetz Barrieren setzte.
Neues von Sony, Nintendo, Microsoft - auf der E3 zeigt sich deutlich, wer im Konsolenmarkt die Hosen hat - und wer zukunftsfähige Konzepte. Weiter...
Öffentliche Demonstrationen wie auf der E3 wären zum Beispiel verboten, sofern Minderjährige zuschauen. Man darf gespannt sein, welche Lösung sich die Spielehersteller für die Games Convention einfallen lassen, Deutschlands eigene Spielemesse. Wenn sie Mitte August in Leipzig ihre Pforten öffnet, dann wird wohl eine Mauer gezogen: Auf der einen Seite Games für die Kleinen und auf der anderen die Abteilung "ab 18", wie in der Schmuddelvideothek. Derart gebrandmarkt sind alle Titel ohne Jugendschutzprüfung, selbst Lernprogramme.
Aber es gibt auch Familienunterhaltung. Sony will mit Eyetoy dem Spaß am Videospielen eine Nuance hinzufügen. Bei Eyetoy handelt es sich um eine Kamera, die die Bewegungen des Spielers aufnimmt und live in den Spielablauf integriert. Das System ist ab Sommer verfügbar. Die zwölf beigefügten Spiele sind allerdings nichts weiter als simple Geschicklichkeits- und Reaktionstest. Gut für eine unterhaltsame Party, aber kaum abendfüllend.
Sony und Nintendo wollen in diesem Jahr außerdem mit Onlinegaming Ernst machen. Die bisherige Playstation 2 wird im Herbst durch ein neues Modell mit eingebautem Modem abgelöst, und Microsoft erägnzt seinen Xbox Live-Dienst um ein paar sinnvolle Neuerungen. Eine davon: Wer seinen Kumpel zur einem Spiel einladen mag, soll ihm via Konsole eine SMS-Meldung auf das Handy senden können.
Nintendo: Online-Gaming ist kein Trend, sondern ein Hype
Nintendo hat keine Lust, sich dem allgemeinen Sturm und Drang nach neuen Trends anzuschließen. Axel Herr, der Geschäftsführer der deutschen Dependance des japanischen Videospielpioniers, hält Onlinegaming für ein künstlich herbei geredetes Thema: "Wir glauben, dass die Spieler lieber zusammen vor einer Konsole sitzen als durch ein Kabel getrennt zu sein". Mag sein. Trotzdem ließ Nintendos Auftritt an Kraft zu wünschen übrig. Sony hat gewichtigere Exklusivproduktionen von Fremdherstellern auf seiner Seite, Microsoft zeigt die stärkeren Eigenentwicklungen.
Besser, Nintendo rüstet auch gleich für einen Angriff auf sein bisher konkurrenzloses Hosentaschen-Videospiel, den Game Boy Advance. Am 7. Oktober betritt Nokia mit "N-Gage" den Spielermarkt. Das Handy mit eingebauter Spielkonsole soll 299 Euro kosten. Wenig für ein Dreiband-Handy mit Radio, MP3-Player und Organizer, aber zu teuer für ein Videospielsystem. Dafür kann sich die Grafik sehen lassen. Von "Tomb Raider" bis "Splinter Cell" sehen die Spiele fast so gut aus wie auf dem PC zu Hause.
Und endlich setzt auch Sony die lang erwartete Duftmarke im Markt für mobiles Gaming. Die Walkman-Company wagt den längst fälligen Schritt, komprimiert die Videospieltechnik ins Hosentaschenformat und macht Gaming mobil. PSP heißt Sonys neues Mini-Videospielsystem, das allerdings erst Ende 2004 erscheinen soll. Vorteil: Die Spiele kommen auf Mini-DVD, nicht auf ROM-Modulen wie beim Game Boy Advance oder N-Gage. Dadurch ist es möglich, aufwändige Filmszenen und Handlungen in den Spielablauf zu integrieren.