Game-Streaming Lara Croft on demand
Auf zwei Dinge kann man sich verlassen in der Welt der PCs, wo sich sonst alles rasend schnell verändert:
- "Windows" stürzt ab.
- PC-Software kommt per CD-Rom daher.
Auch, wenn schon seit Ende 1994 ein gewisser Rob Glaser die Führungsrolle der Silberscheiben als Datenträger attackiert: Damals verließ er Microsoft und gründete sein eigenes Unternehmen RealNetworks. Die Geschäftsidee: "Streaming Media", also Software, die auf Abruf und sozusagen just in Time aus dem Web kommt.
Jeder kennt inzwischen den "Real Player", der auf diese Weise Töne und bewegte Bilder über den Datenhighway versendet. Jetzt hat Rob Glaser die Welt der PC-Spiele entdeckt. Erobern will er sie mit "Real Arcade", der Spielevermietung aus dem Internet.
Die Zielgruppe: Bequeme Leute, die das neueste Top-Game nach Hause holen mögen, ohne bei Wind und Wetter das Haus verlassen und einem Händler 50 Euro in die Hand drücken zu müssen.
Denn der Kauf könnte ja so viel einfacher sein. Lust auf ein bisschen Zeitvertreib am PC? Dann schnell den Browser angeworfen, einen Titel aus der Auswahl-Liste angeklickt, bezahlen, runterladen, starten, Spaß haben.
So die Idee. Den Spieler freut's - und die Softwarehersteller auch, da die Vertriebskosten dramatisch sinken.
Streaming Flop
Der Einfall ist alt. Schon Anfang 2000 hob das britische Team von Pure Entertainment "Freeloader.com" aus der Taufe. Man bot Vollversionen älterer Vollpreis-Spiele an. Gratis, denn der Dienst sollte sich aus Werbung finanzieren. Aber die Anzeigenkunden blieben aus, das Fiasko dafür nicht: Schon nach einem Jahr schlug der Pleitegeier zu.
Der soll "Real Arcade" verschonen. Darum ist der Dienst kostenpflichtig, schon jetzt beim Probelauf. Die Offerte: Spiele wie zum Beispiel "Tomb Raider 5" (starring Lara Croft) kommen per Web auf den PC. Gratis ist nur ein zeitlich streng begrenztes Probespiel. Sonst wird wochen- oder monatsweise abgerechnet.
Der Einstieg soll einem leicht fallen. Nach Download der 5 MB großen Zugangssoftware präsentieren sich rund hundert gratis Shareware-Titel am übersichtlichen Hauptmenü. Sieht auch nicht anders aus als auf Dutzenden vergleichbarer Verteiler-Seiten von Shareware. Also, wo sind die wirklich interessanten Titel, die Vollversionen - wo ist Lara Croft? Sie versteckt sich im Verzeichnis "Web-Games", Kapitel "Streaming", gemeinsam mit 23 anderen Vollversionen. Eine solide Genre-Mischung wartet da, von "Alone in the Dark: The new Nightmare" über "Civilization 2" und "Deus Ex" bis "Thief 2" und "Unreal Tournament". Alles US-Versionen. "Real Arcade" setzt englische Sprachkenntnisse voraus, eine deutsche Seite gibt es bisher nicht.
Technische Tücken
Dass aller Anfang schwer ist, wird überall deutlich. Abstürze der Web-Browser auf PCs mit weniger als 256 MB Ram und 2 GB auf der Festplatte sind keine Seltenheit. Manchmal misslingt der Download der Zugangssoftware, dann muss man sich einen eigenen Umweg suchen und landet bei der Ausweich-Adresse IntoCenter.
Der Download des Gratis-Schnupperspiels ist oft buchstäblich umsonst - nämlich dann, wenn das Programm noch vor dem Start ein überschrittenes Zeitlimit bemängelt. Außerdem verlieren die Preise von 4,99 Dollar pro Woche oder 14,99 Dollar (rund 16 Euro) pro Monat bei genauer Betrachtung an Attraktivität. Die nicht mehr taufrischen Titel sind im "normalen" Handel für weniger Bares zu haben. Und das ohne Zeitlimit, schön verpackt und mit gedruckter Anleitung. Bezahlen lässt sich "Real Arcade" seine Dienste übrigens ausschließlich per Visa- oder Mastercard. Von einem spontaneren Erlebnis als beim konventionellen Spiele-Kauf kann sowieso nicht die Rede sein. Der Download eines Spieles dauert mindestens zwei, eher drei bis sechs Stunden. Das liegt weniger an Real Networks' Servern, denn die mühen sich redlich und schaufeln pro Stunde zuverlässig zwischen 150 bis 300 Megabyte aus den USA herüber.
Übertragen werden aber Spiele, die einst für CD-Rom entworfen wurden. Das heißt, der Programmcode ist nur in einem Stück verwendbar und zwischen 400 bis 650 MB groß. Da wird immer alles an einem Stück übertragen, gleich ob der Spieler vielleicht nur mal kurz in den Anfang reinschnuppern mag. Streaming Media? Pustekuchen!
Wo ist die Killer-Applikation?
Momentan fehlt es "Real Arcade" an Inhalten, die aktuell sind und für das Web entwickelt. Die Software sollte in kompakte Episoden gewürfelt sein und während des Spiels nachladen, für den User unbemerkt, "Streaming" eben. "Tomb Raider 6" werden solche Eigenschaften angedichtet. Kann gut sein, dass die prima Idee des Spiele-Streaming und Game-on-Demand durch Action-Amazone Lara Croft zur ernsthaften Alternative zum konventionellen Handel wird.
Wer den Dienst trotz aller Probleme ausprobieren mag, braucht einen PC mit Windows 95/98/Me/XP, mindestens 32 MB RAM, 266 Mhz-CPU und einem freien Gigabyte auf der Festplatte. Dazu Netscape Communicator oder Internet Explorer in den Versionen 4 oder 5. Cookies müssen aktiviert sein. Außerdem ist ein Internet-Zugang mit einer Übertragungskapazität von mindestens 256 Kbit pro Sekunde. ISDN ist zu lahm, notwendig ist einer der mittlerweile gar nicht mehr so seltenen DSL- oder Kabelmodems. Allein die Deutsche Telekom will deutschlandweit bereits zwei Millionen solcher Anschlüsse installiert haben.