GeForce 3: Freiheit für die Phantasie - DER SPIEGEL
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GeForce 3 Freiheit für die Phantasie

Auf der Cebit demonstriert Nvidia die nächste Generation der 3D-Grafikchips, durch die sich vor allem in Computerspielen ganz neue Dimensionen auftun sollen. Die 1200-Mark-Grafikkarte könnte allen Rechnerneuerungen der Cebit den Rang ablaufen.
Von Richard Löwenstein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer schöner, immer schneller, immer bunter und realistischer sollen Games aussehen. So fordern es die Geschicklichkeits-Akrobaten, die tagtäglich mit Lara Croft durch düstere Artefakte turnen oder mit der Raygun Aliens vom Antlitz der virtuellen Erde pusten.

Die Antwort auf das Flehen nach wundervoller Pixelpracht kommt aus den USA, vom Marktführer unter den Grafikchip-Herstellern. Mit einer technologischen Offensive hat Nvidia in den vergangenen zwei Jahren eine beispiellose Karriere hingelegt: Vom Nobody zum Beinahe-Monopolisten; so jedenfalls sehen es die ganz harten PC-Gamer, die am liebsten nur noch Grafikkarten mit Nvidias aktuellem GeForce-2-Baustein in ihren Rechnern implantiert sehen wollen.

Gleich nach der Cebit nun sollen die ersten Grafikkarten mit dem neuen GeForce-3-Chip für PC und Mac im Handel auftauchen. Schon heute steht fest, dass nicht wenige den horrenden Preis ab 1200 Mark zu zahlen bereit sein werden. Diesen Betrag fordern Elsa, Hercules, Asus oder Leadtek, wohlgemerkt ohne einen Rechner mit in die Schachtel zu legen.

Was ist so überzeugend und faszinierend an der Next-Grafik-Generation? Es sind die Marketing-Schlagworte, die Nvidia aus dem Hut zaubert: Lightspeed Memory Architecture, Infinite Effects GPU, nfiniteFX Engine, Quincunx Multisampling und und und...

Dahinter verbergen sich rund 57 Millionen Transistoren. Einige von ihnen wurden in einem Anflug von Genialität tatsächlich so gruppiert, dass sie nicht nur mehr Tempo oder höhere Auflösungen liefern, sondern das Tor in eine schöne, neue Grafikwelt aufstoßen könnten.

Vertex und Pixel Shader nennen sich die beiden viel versprechenden Baugruppen. Ihre Funktion: Wollen Spiele-Programmierer beispielsweise Lichtquellen anknipsen oder die Oberfläche eines 3D-Körpers mit einer räumlichen Struktur versehen, so geschieht das bislang mit einem simplen Ein/Aus-Schalter, also durch einfaches Setzen eines Bits. Das ist zwar einfach in der Handhabung, aber eben auch unflexibel und der Grund dafür, dass viele der optischen Effekte in verschiedenen Games sich so sehr ähneln. Mit GeForce 3 geht die volle Kontrolle über das 3D-Bild am Monitor in die Hände der Entwickler über, die dadurch plötzlich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten zur Gestaltung ihrer Ideen bekommen.

Rechner im Rechner

Der Grafikchip mit dem Codenamen NV20 versteht eine eigene Maschinensprache, die, wenn talentierte Coder sie nutzen, das individuelle Verfremden von Reflexionen, Licht, Schatten, Farben oder Spiegelungen ermöglicht.

Nicht länger sehen Materialien künstlich aus, sondern eben wie Leder, Eisen oder Glas. Ganz von allein führen komplexe 3D-Figuren selbst anspruchsvolle Bewegungen aus. Kleidung weht im Wind, die Furchen im Gesicht eines alten Mannes bewegen sich beim Sprechen, ohne dass der PC-Prozessor mit dieser ihm eigentlich fremden Aufgabe belastet würde. Wohin das führen kann, wurde jüngst bei einer ersten Präsentation am Pariser Eiffelturm demonstriert.

Verschwunden waren die typischen Anschluss-Stellen zwischen Torso und Gliedern menschlicher Körper. Sogar die Haare eines Hundes ließen die Nvidia-Demonstranten im Wind wehen. Beeindruckend auch der Rundflug durch eine idyllische Wiesenlandschaft. Überall wogen Grashalme und Blüten im Wind, an den Bäumen bewegte sich jedes Blatt. Durchströmt wurde das Szenario von einem Bach so rein und klar, dass der Betrachter am liebsten darin hätte baden mögen.

Ist GeForce 3 tatsächlich "ein Fortschritt, der nur mit der Einführung der Voodoo-Karten vergleichbar ist", wie Kult-Coder John Carmack zitiert wird? Auch der Deutsche Alexander Jorias von Massive Development bescheinigt der dritten Generation enormes Potenzial: "Ein echter Sprung vorwärts!"

Ein in Spielen sichtbarer Quantensprung wird zwar noch etwas auf sich warten lassen, doch nicht mehr allzu lange. Die Hersteller dürften bestens motiviert sein, ihre zukünftigen Produkte für Nvidias Prachtstück zu optimieren. Schließlich wird Microsofts X-Box vom NV21 befeuert, einer getunten Variante des NV20 beziehungsweise der GeForce 3. Und wenn Bill Gates im Herbst in den USA seine Konsole startet, werden die so genannten Content-Provider mit den schmackhaftesten Optik-Leckereien dafür kokettieren wollen. Auf der Cebit schon jetzt ganz schick in Schale sind übrigens die ersten Laptops mit dem jüngst für mobile Zwecke adaptierten GeForce 2 Go: Der Chip entstammt zwar noch der aktuellen Generation, doch mit ihm wird tragbares 3D-Gaming erstmals richtig unterhaltsam.

Halle 9, Stand D41

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