GeForce 4: Kraft, die (noch) nicht laufen kann - DER SPIEGEL
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GeForce 4 Kraft, die (noch) nicht laufen kann

Gestern neu, heute alt: PC-Technologie entwickelt sich rasend schnell weiter. Das neueste Hightech-Gadget nennt sich GeForce 4. Das ist Grafik-Technologie, berstend vor Kraft, die niemand braucht.
Von Richard Löwenstein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Brüsseler Atomium, 1958 erbaut anlässlich der Weltausstellung, bildete am 6. Februar die Techno-Kulisse für eine große Medienveranstaltung des kalifornischen Grafikchip-Herstellers Nvidia. Das beeindruckende Wahrzeichen aus neun Kugeln symbolisiert den Glauben an die Technik. Genau der richtige Hintergrund, fand Nvidia, um der Welt die neueste PC-Grafik-Technologie zu präsentieren.

Die wichtigste Nachricht: Nvidias neuer Grafik-Prozessor wird noch vor der CeBit-Computermesse auf die ersten Grafikkarten für PC und Mac gelötet.

Dass GeForce 4 so kurz vor der Cebit präsentiert wird, ist kein Zufall. Immer wenn die Primeln sprießen, zaubert die kalifornische Silizium-Schmiede eine neue Grafikchip-Generation aus dem Hut. Man kann seine Sonnenuhr danach stellen. Die regelmäßigen Updates sind einer der Gründe, warum Grafikkarten powered by Nvidia heute PC-Standard sind. Ohne sie würden rund 70 Prozent moderner Rechner nur ein dunkles Nichts auf dem Monitor abbilden, statt bunter Bildpunkte.

Leistungs-Facelift

Fortschritt durch GeForce 4: Damit möglichst viele PC-Besitzer ihre bestens funktionierenden GeForce 2 und 3-Modelle, und am besten auch gleich ATI, Matrox und Kyro aufgeben, sind Kaufanreize notwendig. Doch Nvidia setzt nur auf Schmalspur-Facelifting, entwickelt etablierte GeForce-3-Technik weiter. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Santa Clara buk noch mehr und schnellere Transistoren aus Silizium und erfand lustige Marketing-Idiome für das Ergebnis: "nFiniteFX 2" zum Beispiel steht für leistungsgesteigerte Vertex- und Pixel-Shader - also Transistoren, die in Computer-Spielen ein Feuerwerk visueller 3D-Spezialeffekte abbrennen können. Software dafür muss allerdings extra vorbereitet werden, und das wird vor Herbst wieder mal nichts. Dummerweise existieren bisher kaum Spiele, die auch nur den Kauf einer GeForce-3-Grafikkarte unvermeidlich appetitlich erscheinen lassen.

Andere technische Schmankerl sind immerhin bereits jetzt von Nutzen. Beispielsweise kann GeForce 4 die Signale einer Video-DVD dekodieren. Das wäre toller, wenn moderne Multimedia-PCs dazu nicht ohnedies in der Lage wären, aber immerhin steigt die Bildqualität. Noch ein Werbe-Unwort: "Accuview Antialiasing" bezeichnet eine Technik, die störende Treppeneffekte zwischen kontrastreichen Grafikelementen ausblendet; sie kann das viel geschickter als dies GeForce 3 je vermochte, sagt Nvidia, und es klappt sogar bei fast jeder Software für Microsofts DirectX. Dass das stimmt, erkennen aber nur Adleraugen.

"Lightspeed Memory Architecture 2" schließlich meint im Nvidia-Jargon den beschleunigten Turbo-Datenverkehr zwischen den Baugruppen des GeForce 4. Ein weiteres Rädchen im Getriebe, dass die PC-Welt ein kleines Stückchen bunter, schöner und schneller macht.

Die vermutlich greifbarste Neuerung verbirgt sich hinter "nView". Unter "Multiview" und anderen Bezeichnungen kennen das Besitzer eines Mac oder PC mit ATI- oder Matrox-Grafikkarte längst: Man darf zwei Monitore an den Rechner klemmen, wahlweise sogar Fernseher und digitale Flachbildschirme. Für die nahe Zukunft verspricht Nvidia Nachrüst-Adapter, so dass GeForce-4-Karten gleich vier Sichtgeräte mit bunten Bildern beliefern.

Eine solche Monitor-Batterie werden freilich vor allem professionelle Anwender um sich herumdrapieren. Die meisten Gamer sind zufrieden mit schönerer Grafik, flüssigeren Abläufen, höheren Bildwiederholraten - auf einem Bildschirm. Aber wo ist die Software?

Zwar stellten sich in Brüssel einige namhafte Unternehmen demonstrativ hinter GeForce 4 und zeigten visuell bemerkenswerte Spiele. Doch die meisten Spielehersteller haben ihre Top-Programmierer längst aus den PC-Abteilungen abgezogen. Sie tunen jetzt Titel für Microsofts kommende Videospiel-Konsole Xbox, in der fast dieselben Nvidia-Schaltkreise ticken wie im PC. Das Potenzial der Xbox nutzen zu lernen hat bei den Spiele-Machern oberste Priorität. Denn der Markt für hochwertige PC-Spiele steckt in einer Krise. Und die Xbox wird ein Erfolg, so die Hoffnung.

Wer braucht so viel Power?

Fazit: So viel PC-Power-Grafik braucht kein Mensch.

Das weiß Nvidia, und propagiert die neue GeForce-Generation nicht mehr nur als teures Highend-Produkt wie noch GeForce 3. An GeForce 4 sollen Hardcore-Gamer Gefallen finden, klar, aber vor allem preisbewusste Video-Hobbyisten, Internet-Surfer und Gelegenheits-Daddler, die eigentlich gar nicht so viel Kraft brauchen. Deshalb gibt es GeForce 4 in zwei Ausführungen - als BMW und VW.

Die GeForce-4-Variante mit gebremsten Schaum, sprich niedrigeren Taktraten und weniger Transistoren, trägt die Bezeichnung NV17. Damit ausgestattete Grafikkarten verfügen typischerweise über 64 MB DDR-Ram und liegen von der Leistung her etwas unterhalb hochwertiger GeForce-3-Modelle. Sie sind dabei aber deutlich preiswerter: Ab 120 Euro kosten mit dem NV17 bestückte Einsteiger-Grafikkarten aus koreanischer und taiwanischer Produktion und sind namentlich gekennzeichnet durch den Zusatz "MX". Beispielsweise heißt das preisgünstigste Gainward-Modell "GeForce 4 MX 420".

Wenn dagegen (wie bei Elsas "Gladiac 925") "GeForce 4 Ti" auf der Packung geschrieben steht, dann weiß man: "Geldbeutel auf, für schnelle PC-Pixel muss ich blechen". Zwischen 380 bis 600 Euro kassiert der Händler für eine Grafikkarte mit der Turbo-Version des GeForce 4, genannt NV25. Die Preisunterschiede begründen sich aus unterschiedlichen Tuning-Varianten, Ausstattungen, beigelegten Spielen und erhöhten Speicherbedarf. GeForce-4-Ti-Karten verfügen per Nvidia-Definition über mindestens 128 MB DDR-Ram und sind schnell, wirklich sauschnell.

GeForce 3 ist jedenfalls total abgehängt. Schon ab Februar, spätestens aber zur Cebit Mitte März beliefert Nvidia Partner wie Elsa, Visiontek oder MSI nur noch mit GeForce-4-Komponenten. Vier gewinnt, das ist unvermeidlich.

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