Geldwäsche: Spur ins digitale Nichts - DER SPIEGEL
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Geldwäsche Spur ins digitale Nichts

Dank des Internet lassen sich in Sekundenschnelle riesige Geldmengen anonym rund um den Globus transferieren ­ ein großer Vorteil für internationale Verbrecherbanden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Karibik weiß man, was Bankkundenwünschen. "Unsere Seite ermöglicht Ihnen einen Kontozugangsowie die prompte Ausführung aller Aufträge, 24 Stunden, 7Tage, von überall in der Welt", heißt es auf der Homepageder United Bank Limited mit Sitz im Geldwäscheparadies St.Vincent. Im Management sitzt unter anderen der ehemaligeSekretär des liechtensteinischen Bankenverbandes. Ausgerechnet die Behörden der fürstlichen Steueroase machenden schillernden Cyber-Bankern jetzt den Prozess. DieInternet-Bank UBL soll über einen liechtensteinischenAbleger gegen das Banken- und Sorgfaltspflichtgesetzverstoßen haben. "Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dassohne Lizenz eine Bankrepräsentanz betrieben und Kundennicht richtig identifiziert wurden", bestätigt LotharHagen, Sprecher des Landgerichts. Computer wurdenbeschlagnahmt, die Filiale zwangsliquidiert.Die UBL bestreitet alles, gegen eine Strafverfügung wurdelaut Hagen "Einspruch erhoben". Ansonsten herrscht seitkurzem Funkstille. Der UBL-Sitz in St. Vincent beantwortekeine Anfragen, und von der Homepage fehlt jede Spur ­verschwunden im digitalen Nichts.Dubiose Deals in der anonymen Welt des Online-Bankings sindfür Fahnder ein Graus: kaum fassbar, ideal für Geldwäscherund mit einem enormen Wachstum. Immer mehr Menschen wickelnFinanzgeschäfte im Netz ab, in Deutschland sind esmindestens sieben Millionen. Die Mafia macht da keine Ausnahme. Das schalterlose Bankingkommt ihren Bedürfnissen perfekt entgegen. Dreckige Dollarslassen sich blitzschnell um den Erdball schicken. MitNotebook und Handy können die Transaktionen gar am Strandvon Rio de Janeiro oder auf der Hotelterrasse in St. Moritzdurchgeführt werden.Neben der örtlichen und zeitlichen Unabhängigkeit bietetOnline-Banking dem Geldwäscher zwei Vorteile: "Erstens kanner den Zugangsschlüssel zum Konto an einen Drittenweitergeben", erklärt Christof Müller, Unternehmensberaterund ehemaliger Dozent für Wirtschaftskriminalität an derUniversität St. Gallen. Zweitens habe die Bank keineMöglichkeit mehr, in Kundengesprächen ein Profil derGeschäftsbeziehung zu erstellen."Die Technik arbeitet für die Geldwäscher", warnte kürzlichJochen Sanio, Präsident des Bundesaufsichtsamtes für dasKreditwesen (Bakred), auf einer Veranstaltung derSPD-Bundestagsfraktion. Im US-Department of State stelltendie Drogenfahnder bereits im März 2000 fest, dass für dieAusführung spezifischer Schritte bei der Geldwäsche eine"signifikante Zunahme der Nutzung von Online-Banking" zubeobachten sei.Ein Alptraum für die Fahnder: Sie können die simplenGeldwäscher kaum fassen, "geschweige denn dieHightech-Wäscher", stellt der Frankfurter OberstaatsanwaltGünter Wittig fest.Tatsächlich führt die Unverbindlichkeit im Netz zu absurdenSituationen. So loggte sich Unternehmsberater DanielThelesklaf ­ bis vergangenen November Leiter der SchweizerMeldestelle für Geldwäscherei ­ testweise bei einerCyber-Bank mit Sitz in Malaysia ein. Obwohl er sein Kontounter dem Namen Mickey Mouse registrieren ließ, kamen keineRückfragen.Die Gefahr der totalen Anonymisierung sorgt auch hier zuLande für Unruhe. In einem Bericht für dieEnquete-Kommission "Globalisierung der Weltwirtschaft" desDeutschen Bundestages kam das Bakred vergangenen Septemberzu dem Schluss: Bezüglich der Methoden der Geldwäschehätten die bestehenden Erkennungsprobleme "drastischzugenommen". Schuld seien die Automatisierung imMassengeschäft und die Freisetzung von Bankmitarbeitern,"die noch den physischen Kontakt zum einzelnen Kundenwahren konnten", schrieben die Bankenwächter.Das Ende persönlicher Kontakte soll ein speziellesIdentifikationsverfahren wettmachen. Neukunden vondeutschen Direktbanken, die das Geschäft ohne Schalterbetreiben, müssen einem Postbeamten den Kontoantrag undeinen Pass vorlegen. Erst wenn die Post die geprüftenFormulare an die Direktbank weitergeleitet hat, gibt es denCode.Doch das System namens "Post-Ident" wirkt wie eineVerzweiflungstat. Schließlich gilt fürs Internet-Bankingwie für jedes Geschäft im Netz auch: Die Rechner lassensich überall installieren, eine physische Präsenz in denMärkten braucht es nicht. Entsprechend wird dasRegulierungsgefälle zwischen den einzelnen Staaten eiskaltausgenutzt. Anschauungsunterricht liefert die europäischeInternet-Bank First-e. Ihr Server, also das elektronischeGehirn, steht in Irland. Die kontoführende Banqued'Escompte sitzt in Paris.Anders als bei den Direktbanken mit Sitz in Deutschlandkann sich ein Kunde von First-e den Gang zur Post sparen.Zwar wird das Post-Ident-Verfahren akzeptiert, doch es gehtauch unkomplizierter. Beim so genannten Belegverfahrenverlangt die Bank nur die Kopie eines Personalausweises und"zwei unterschiedliche Original-Haushaltsrechnungen". EineTelefon- und eine Stromjahresabrechnung genügen.Diese Zettelwirtschaft ist dem Bakred ein Dorn im Auge. DerKundenidentifizierung, heißt es in einer Stellungnahme desAufsichtsamts, komme "zur Betrugsminimierung undGeldwäschebekämpfung eine essentielle Bedeutung" zu. Dasvon First-e gewählte Belegverfahren sei in Deutschland "zurUmsetzung des Geldwäschegesetzes nicht zulässig".Der zuständigen Bankenaufsicht in Paris scheint das egal.Bei First-e verweist man auf französisches Recht, das nureine Identifikation der Adresse verlange. Dass diesesVerfahren auf Kriminelle wie eine Einladung wirkt, wirdbestritten. "Wie jede andere Bank haben auch wir schwarzeSchafe unter den Kunden", sagt Deutschland-Chef Dirk Haro,"der Anteil ist jedoch völlig normal, das Belegverfahrenhat keinen negativen Einfluss."Auch die Einführung einer digitalen Signatur dürfte solcheGefahrenherde kaum entschärfen. Randständige Personenstellen, so der Wirtschaftskriminalist Christof Müller,"für ein kleines Honorar ihren Namen und ihre Unterschriftzur Verfügung."Experten fordern deshalb die permanente Überwachung derTransaktionen, bei verdächtigen Abweichungen vomKundenprofil müsse das System sofort Alarm auslösen. Bisherfehlen dafür die Instrumente. Das immense Volumenelektronischer Zahlungsströme lässt sich nur rudimentärdurchleuchten. Laut Oberstaatsanwalt Wittig steckt "dieentsprechende Software heute noch in den Kinderschuhen".Sobald die illegalen Gelder durch Banken in der Karibikoder im Südpazifik fließen, haben Fahnder keine Chancemehr. Ministaaten wie der UBL-Sitz St. Vincent werden aufder schwarzen Liste der Financial Action Task Force derOrganisation für Entwicklung und Zusammenarbeit als "nichtkooperierend" geführt. Die Geldwäsche-Gesetze solcherOffshore-Zentren gelten als ungenügend.In dieser schönen neuen Welt klammern sich Fahnder gern aneinen Strohhalm: Elektronisches Geld, so genanntesCyberMoney, hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Bevordie Vorteile des Online-Bankings zum Tragen kommen, mussdeshalb das schmutzige Bargeld über einen Schalter oder dieTageseinnahmen eines unverdächtigen Unternehmens insBankensystem eingespeist werden ­ für die Verbrecher immernoch ein Risiko. BEAT BALZLI