Geplatzte Hightech-Träume Vision, Illusion, Halluzination
Die frühen Jahre des Wettbewerbs im Web waren durch die offen ausgetragenen Streits dreier IT-Größen geprägt: Bill Gates, Scott McNealy und Larry Ellison lieferten sich hoch unterhaltsame Schimpf-Gefechte.
Drei Macher, drei Typen, wie sie verschiedener kaum sein konnten:
- zum Ersten der mächtige Gates, der nur äußerlich noch an den pickeligen Nerd mit den zu großen Füßen erinnerte, als den man ihn in den Siebzigern und Frühachtzigern kennen gelernt hatte: er war gerade auf dem Weg vom Robin Hood und Held der IT-Welt zum großen Buhmann;
- dagegen Suns' McNealy, der immer so aussieht, als wolle er herzhaft in einen Apfel beißen, bevor er sich zu Beach-Boys-Musik mit seinem Brett in die Wellen wirft: das Urbild eines amerikanischen Managers, das wenig Identifikationspunkte bot, dafür aber tonnenweise Erfolge;
- und schließlich Ellison, vor dem Mütter ihre jungen Söhne warnen würden, wenn sie bei ihm ihr erstes Auto kaufen wollten: "Pass auf, mein Jung, der guckt so verschlagen".
Vielen IT-Fans war Ellison immer der Liebste: Während Bill Gates fast im Monatsrythmus die Veränderung der Welt annoncierte, McNealy zwar bissig, aber stets sachlich Tacheles redete, wagte sich Ellison stets vor mit seinen Ideen und vehement vertretenen Meinungen - egal, wie abgedreht und größenwahnsinnig die auch manchmal klangen.
Als eine Art Jack Nicholson der IT-Szene trat er auf: Großkotzig, aber auch charmant, brutal polternd, aber dabei elegant, ätzend zynisch, aber auch träumerisch visionär. Und gerade wenn es um seine Visionen ging, war Ellison stets unbeirrbar.
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Ein alter Witz im Silicon Valley:
Frage: "Was ist der Unterschied zwischen Larry Ellison und Gott?"
Antwort: "Gott glaubt nicht, er sei Larry."
Woran Ellison fest glaubte, war vor allem seine Vision vom Network-Computer: Bereits 1995 begann er, mit der Idee eines bis auf seine Grundbestandteile abgespeckten, Festplatten-losen PCs hausieren zu gehen, dem so genannten "NC".
Billig sollte der sein, seine Software als Mietprogramm für einen Tag von einem Webserver beziehen und ganz prächtig funktionieren, weil fast nichts dran sein sollte, was kaputt hätte gehen können: NCs sollten per definitionem aus wenig mehr als einer Hülle, einem starken CPU-Chip, Grafikkarte und Arbeitspeicher bestehen - große Speichermedien wurden als überflüssig erachtet.
Das Business-Modell hätte Oracle, dem 1977 von ihm gegründeten Unternehmen, wie auch Sun genützt, die mit Java gerade genau die richtige Software auf den Markt warfen, um ein "Application Service Providing" denkbar zu machen: Statt teure Software-Lizenzen zu erwerben, sollte man Programme nur tageweise bezahlen und so letztlich viel Geld sparen. Geschadet hätte dies Bill Gates - ein Nebeneffekt, über den wohl keiner der beiden Microsoft-Konkurrenten eine Träne vergossen hätte.
NC: Die Geheimwaffe, die nie eine wurde
Denn die Konkurrenz vor allem zwischen Gates und Ellison hatte seit langem schon eine persönliche Note.
Als Oracle Ende der Neunziger mit zum Klägerkreis im Kartellprozess gegen Microsoft gehörte, leistete sich Ellison einen handfesten Skandal, als er Detektive anheuerte, um heimlich die Mülltonnen von Microsoft zu durchsuchen und die Putzkolonnen in Redmond zu bestechen. Der Vorgang wurde im Juni 2000 öffentlich, Microsoft feierte den Skandal und Ellison stand begossen, aber unbeugsam da: Er habe es als seine "Bürgerpflicht empfunden", bei der Verurteilung dieses "überführten Monopolisten" hilfreich zu sein.
Jedes Mittel schien recht, die augenscheinlich zementierte Rangfolge zwischen den zwei Mammon-Fürsten umzudrehen: So lange Microsoft als größtes Softwareunternehmen der Erde gilt, so lange nimmt Oracle den zweiten Rang ein. In den Forbes-Listen der reichsten Männer der Erde besetzten die Kontrahenten mehrere Male die gleichen Ränge: Gates vorn, Ellison eins dahinter.
Doch die Vision vom Net-PC, die Mitte bis Ende der Neunziger all das hätte ändern sollen, entpuppte sich als Illusion: Als zu umständlich, Business-Kunden kaum zu vermitteln, zu abhängig machend von breitbandigen Infrastrukturen, die sich ja erst jetzt weltweit ausbreiten.
Wer zu Zeiten der 28.8'er-Modems von Application-Service-Providing (ASP) sprach, machte sich nur dann nicht lächerlich, wenn er Ellison hieß. Im Februar 1996 veröffentlichte Sun Java, und Ellison verkündete nur drei Monate später die Gründung der passenden Computerfirma zum Programm. Würde jetzt auf die "Windows"-Zeit eine des ASP folgen?
Doch die "Geheimwaffe" gegen die Welt der Microsoft-Rechner patzte. Spätestens 1998 war klar, dass die mit 50 Millionen Dollar ausstaffierte Oracle-Ausgründung "Network Computers" schnellstens ein neues Geschäftsfeld brauchen würde. Das tat die Oracle-Tochterfirma - mit Beteiligungen von IBM, Sun und Apple - dann so gründlich, dass sie sogar den mit dem Makel des geplatzten Traumes behafteten Namen ablegte: Heute heißt die Firma "Liberate" und versteht sich als Kommunikationsdienstleister im Businessmarkt und Software-Entwickler für spezialisierte AV-Programme.
Dann eben als Einzelkämpfer
Doch Ellison gab nicht auf. Den zweiten Anlauf nahm er im Alleingang, ohne feste Partner: Im Jahr 2000 gründete er "New Internet Computer", die Firma, die den "NIC" verkaufen sollte. Wieder wurde Sun Microsystems zum logischen Verbündeten: Das eine Unternehmen baut halt dicke Datenbanken, das andere die durchaus passenden Computer.
Ellison bewarb seine nun "Thin Clients" getauften abgespeckten PCs als Idealrechner für den Einsatz in der mittelständischen Wirtschaft, in Schulen, Universitäten und in der Verwaltung. Den Gedanken des Application Service Providing hatte er aufgegeben.
An seine Stelle trat eine Client-Server-Netzwerkstruktur, die neben den NICs immer auch einen deutlich intelligenteren Server voraussetzte. Das NIC-Konzept fußt auf Linux-basierten Client-Server-Lösungen, was gut und modern klingt - von seiner Struktur her aber kaum etwas anderes bedeutet, als ein kleines Revival der Mainframe-Workstation-Struktur: Der dicke Klotz im Zentrum sollte von Sun kommen, die Thin Clients von NIC.
Aber auch als Stand-Alone wäre ein NIC zu gebrauchen, so lange eine gute Internet-Verbindung gewährleistet ist. Seine Grundintelligenz sollte der NIC von einem per CD gebooteten Linux-Softwarepaket beziehen, speichern sollte man im Netzwerk - oder auf Disketten.
Ansonsten "vergisst" ein NIC alles, was er im Laufe eines Tages so erledigt hat, und beginnt jeden Tag, als ob es sein erster wäre: "Computer", sang die Rockgruppe Spliff einst, "sind doof".
Aber leider oft auch die Angestellten, die sie bedienen. Das NIC-Konzept klingt so einfach, dass man die Komplikationen und Ärgernisse förmlich riechen kann. Dafür aber sollte alles Open Source sein, billig und doch schick: Eine voll ausgerüstete Thin-Client-Workstation wurde ab 300 Dollar verkauft, kleinere Lösungen ab 199 Dollar.
Drei Jahre versuchte es Ellison, jetzt strich er zum zweiten Mal die Segel: Der N(I)C erweist sich hartnäckig als so gut wie unverkäuflich. Die Verkaufszahlen, heißt es taktvoll und diffus aus der Firmenleitung, wären "stark hinter den Erwartungen zurück geblieben". Zum Weitermachen hätte es einer weiteren Finanzspritze von mehreren Millionen Dollar bedurft. So was zahlt Ellison zwar aus der Kaffeekasse, hatte dazu am Ende aber anscheinend selbst keine Lust mehr.
Denn was Mitte der Neunziger noch wie eine Vision klang, mit der sich die digitale Kluft zwischen Nord und Süd, Arm und Reich hätte überbrücken lassen und mit der man zugleich Microsoft ans Bein hätte pinkeln können, klingt heute einfach nur noch umständlich. Warum einen PC innerhalb oder außerhalb eines Netzwerkes ohne Festplatte lassen? Warum 300 Dollar für einen "dummen" Rechner bezahlen, wenn man für den gleichen Preis einen durchaus "anständigen", schlaueren bekommen kann?
Als Ellison und McNealy 1995 die Vision vom NC ausbrüteten, kosteten große Festplatten so viel wie heute ganze Rechner. Heute bekommt man sie hinterher geworfen: Ihre Vision wurde nicht zuletzt darum zur Illusion, weil der galoppierende Preisverfall sie einfach überholte.
Während Ellison und McNealy Mitte der Neunziger alternative Rechner-Zukünfte erträumten, sah Bill Gates, weit weniger weitblickend, genau das, was unmittelbar vor seiner Nase lag und machte das größtmögliche Geschäft daraus.
Aus der Traum vom NC, Illusion wird Halluzination und Ellison tauscht Weitblick gegen Einsicht: Die Schließung von NIC ist beschlossen. Der NC ist wieder einmal tot.