GirlGeeks Rollenmodelle für Langweilerinnen
"Geek" bedeutet ursprünglich Langweiler. "Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, die Website GirlsGeeks.org zu bauen, sind uns alle aufs Dach gestiegen", erinnert sich Geschäftsführerin Kristine Hanna. "Der Begriff Geek war damals noch ausschließlich negativ besetzt. Man dachte da an einen Typen mit geklebter Hornbrille und einem Hygieneproblem, der den ganzen Abend vor dem PC sitzt und sich von Karton-Pizza ernährt. Heute steht Geek für kluge und wohlhabende Computerexperten. - Und Frauen arbeiten einfach anders im Team als Männer. Deswegen das Girl."
"Wir sind keine Feministinnen", unterstreicht die 40-Jährige, die vor Gründung von GirlGeeks bei Lucas-Films Produzentin war. "Unsere Website ist ein Netzwerk von meist hoch spezialisierten Frauen in IT-Berufen, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen teilen." 40.000 sind es bisher.
Eine davon ist Robyn Navarro, die sich vieles über Computer selber beibrachte, bevor sie ein Bachelor-Studium in Informatik begann. Wie die meisten anderen Studenten hat Navarro in der anhaltenden IT-Gründerstimmung Probleme mit dem Uniabschluss. "Nach der Hälfte musste ich das Studium unterbrechen, weil ich zu viele Angebote hatte." Für Navarro sind die GirlGeeks "der beste Support, den ich mir denken kann. Durch die Website habe ich Kontakt zu Kolleginnen in ganz Nordamerika bekommen. Und eine Menge Aufträge."
"Viele Frauen haben heute immer noch Angst vor allem, was mit der IT-Branche zu tun hat. Die sind eingeschüchtert von den ganzen Boy Geeks und trauen sich einfach nicht, Fragen zu stellen, weil sie als dumm gelten könnten. Unter den Girl Geeks gibt es keine dummen Fragen. Sie unterstützen sich gegenseitig besser", so die 22-Jährige.
Das Problem in der IT-Branche ist bei einem Frauenanteil von 28 Prozent nach Navarros Einschätzung aber weniger Diskriminierung als Isolation: "Du sitzt in einem Büro mit lauter Typen, deren Humor du nicht verstehst und die dich nicht verstehen."
Etwa zwei Drittel der Girl Geeks sind alte Hasen im Geschäft - sie arbeiten als Projektleiterinnen in Konzernen oder führen eigene Dotcoms. Im Beraterstab von GirlGeeks sitzt Internetprominenz wie die ehemalige Icann-Vorsitzende Esther Dyson. Wer noch nicht so weit gekommen ist wie Dyson, Hanna oder Navarro, dem greifen die erfahreneren Girl Geeks schwesterlich unter die Arme: Sie vermitteln Praktika, Ausbildungs- und Jobchancen.
GirlGeek-Gründerin Hanna über das, was sie als Mission ihrer Website ansieht: "Für mich gab es 1980, als ich in Hollywood zu arbeiten anfing, kein einziges weibliches Rollenmodell. Das wollte ich ändern - ich glaube, mit Erfolg. Wir bringen heute etwa gleichviel Mentorinnen mit Anfängerinnen wie Auftraggeberinnen mit Expertinnen zusammen."
Start-ups und Konzerne suchen auf der Website nach Unterstützung - häufig per Anzeigenbanner. Denn die Mission der Girl Geeks ist natürlich auch ihr Geschäft. "Wir haben Kooperationen mit Microsoft, Dell, Cisco, IBM und Yahoo", sagt Hanna. Ihr Team hat bisher etwa 29 Mitarbeiter, darunter sechs Männer."Noch machen wir zwar keinen Gewinn, aber weil wir langsam gewachsen sind, haben wir auch noch niemand entlassen müssen." Vier Stellen sind sogar noch zu besetzen. Darunter ist jedoch nur eine "klassische" Geek-Position als Programmierer.
Viele der rund 400 externen Jobs, die zurzeit bei GirlGeeks gepostet sind, kommen vom Internetriesen Inktomi, dem PC-Direkthändler Dell und der Suchmaschine Google. Die Arbeitgeber müssen sich auf einen neuen Typ Bewerber einstellen, meint Hanna: "Frauen wollen lieber flexibel arbeiten als Aktienoptionen kassieren."
Falls frau gerade keinen Job sucht oder zu vergeben hat, findet sie bei GirlGeeks viele andere Angebote, darunter Diskussionsforen, Auktionen oder kurze Videos, in denen erfolgreiche Frauen aus der Branche zu Wort kommen. Da erzählt dann die US-Astronautin Marsha Ivins 90 Sekunden lang, was sie auf ihrem nächsten Flug zur Internationalen Raumstation machen wird. Oder eine Webdesignerin berichtet, wie sie zuerst sich und dann ganzen Seminaren von Geschäftsfrauen die Angst vorm Internet genommen hat.
Auch einen Preis haben die "Langweilerinnen" zu vergeben: Selbstironisch nannten sie die Auszeichnung "Goldene Hornbrille für herausragende Leistungen von Frauen in der IT-Industrie". Der Typ mit der geklebten Brille lässt grüßen. Erste Preisträgerin ist die Webdesignerin und Autorin Lynda Weinman. Sie hat wiederholt die immer gleiche Diskriminierung erlebt: "Wenn du als Frau einen neuen Job anfängst, wird so lange angenommen, dass du völlig ahnungslos bist, bis du das Gegenteil bewiesen hast." Weinman wurde Mitte November auf der Herbst-Comdex in Las Vegas vor 1600 Girl Geeks mit dem Preis geehrt.
Der Weg ins internationale Geschäft ist für Geschäftsführerin Hanna vorgezeichnet: "Wir sehen uns vorsichtig in Europa, Indien und Australien um. Und wir haben fürs Erste einen gut eingeführten Markennamen." Das Feld der Konkurrenten setzt indes nach. In den Startlöchern stehen mindestens zwei Websites, die das Prinzip von GirlGeeks.org kopieren werden. "Ich glaube, dass es genug Platz für noch ein Portal dieser Art gibt", meint Netzwerkerin Navarro, deren Projekt "Binary Girls" 2001 online gehen soll.