Handy-Design "Einige verrennen sich in Nischen"
SPIEGEL ONLINE:
Sie haben mit den Mode-Handys der Marke Xelibri die bittere Erfahrung gemacht, dass diese irgendwann auf den Grabbeltischen landeten. Glauben Sie immer noch, dass ein Handy zum Mode-Accessoire werden kann?
Ulrich Skrypalle: Es wird immer solche Handys geben. Und es wird auch immer Menschen geben, die ein Produkt, das sie am Körper tragen, als Teil ihres Ausdrucks begreifen. Und es gibt andere, die das Handy als technisches Werkzeug sehen. Auf diese Unterschiede müssen wir im Design eingehen.
SPIEGEL ONLINE: Eines der Xelibri-Handys war als Gürtelclip gedacht, ein anderes als Anhänger. Glauben Sie, dass die Nutzer ihr Handy wirklich so offen tragen wollen?
Skrypalle: Natürlich wird die Mehrzahl der Leute ihr Handy in ihren Taschen tragen. Aber es wird immer Leute geben, die ihr Handy oder verrückten Uhren herumzeigen wollen. Auch diesem Bedürfnis muss man gerecht werden.
SPIEGEL ONLINE: Orientieren Sie sich bei der Bezeichnung ihrer Handys mit den Buchstaben SL, C oder M an Mercedes-Benz?
Skrypalle: Ja, aber meines Wissens hat Mercedes damit kein Problem. Außerdem ist die Klassifizierung einfach deshalb entstanden, weil wir zu Anfang nur den Buchstaben S genutzt haben. Mit einer immer stärkeren Produktvielfalt brauchten wir neue Bezeichnungen, um den Händlern eine bessere Orientierung zu bieten.
SPIEGEL ONLINE: Bisher macht ja nur Nokia mit Vertu ein wirklich teures Handy. Warum traut sich sonst niemand an die Luxus-Zielgruppe heran?
Skrypalle: Ich habe gehört, dass das Vertu-Handy auch noch nicht so richtig rennt und man noch sehr viel investiert. Anfangs kostete das Gerät noch 16.000 bis 24.000 Euro, mittlerweile ist man bei etwa 8000 Euro. Aber ich gebe ihnen vollkommen Recht. Ich bin der Meinung, dass zwischen dem Vertu und einem normalen Highend-Handy, das bei 500 bis 800 Euro liegt, noch viel Raum ist für Luxus-Geräte.
SPIEGEL ONLINE: Planen Sie in dem Segment eigene Modelle?
Skrypalle: Wir haben einige Entwürfe gemacht und man denkt in solche Richtungen. Konkreter kann ich das jetzt noch nicht sagen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Konkurrenz hat längst beispielsweise Geräte mit größeren Foto-Objektiven oder Touchscreens auf den Markt gebracht. Warum macht Siemens da nicht mit?
Skrypalle: Ich wage die Prognose, dass sich einige in den Nischen verrennen werden. Beispielsweise gibt es für das Foto-Handy noch kein klares Profil. Der eine will mehr die Kamera, mit dem er telefonieren kann, der andere will ein Handy mit Fotofunktion. Es wird noch ein wenig dauern, bis sich hier Standards bilden.
SPIEGEL ONLINE: Also halten Sie radikale Formen, wie man sie beispielsweise bei Nokia findet, nicht für sinnvoll.
Skrypalle: Das kann natürlich schon sinnvoll sein. Auch wir nutzen unerwartete Formen, um technische Innovationen sichtbar zu machen. Wenn ich Neues in alte Formen packe, merkt ja niemand, dass es etwas Besonderes ist.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben bis vor kurzem keine Klapp-Handys angeboten. Haben Sie den Trend verschlafen?
Skrypalle: Siemens hat sich anfangs auf den europäischen Markt konzentriert. Und das ist das klassische Land der so genannten Candy-Bar-Handys. Aber jetzt, wo wir verstärkt auf den asiatischen Markt gehen, brauchen wir natürlich Klapp-Handys. Dennoch ist das keine Einbahnstraße: Wir sehen nicht nur, dass die Klapp-Handys in Europa immer größeren Erfolg haben. Auch in Asien wollen sich die Leute immer mehr mit Geräten zeigen, die europäisch aussehen.
SPIEGEL ONLINE: Bei der Werbung für einige ihrer Modelle sprechen sie gezielt Frauen an. Was macht eigentlich ein Frauen-Handy aus?
Skrypalle: Frauen haben kleinere, schlankere Hände, und deshalb kann das Handy etwas kleiner sein. Außerdem mögen Frauen weichere Formen. Auch bei den Farben ist hier nicht das kühle, technische Silber oder schwarz gefragt, sondern eher Pastelltöne oder kräftige Farben wie rot und gold.
SPIEGEL ONLINE: Das S55 wurde ihren Angaben zufolge von dem Bauch von Mark Wahlberg inspiriert. Wie sinnlich muss ein Handy sein?
Skrypalle: Also sinnlich sollte es schon sein. Mit einem Handy sollte man gerne in der Hand spielen wollen. Es gibt ja genauso wie eine visuelle auch eine haptische Sympathie und deshalb haben wir eine Stufentastatur entwickelt, die an das Six-Pack von Mark Wahlberg erinnert.
SPIEGEL ONLINE: Wurde das deshalb mehr von Frauen gekauft?
Skrypalle: Nein, das hat damit nicht zu tun.
SPIEGEL ONLINE: In ihren Labors denken Sie bereits über Handys nach, die in zwei Jahren auf den Markt kommen. Werden die nächsten Generationen kleiner oder größer sein?
Skrypalle: Beides. Es wird voraussichtlich aber keine Schlacht mehr geben nach dem Motto: "Wer hat das Kleinste?" Aber es kann darum gehen: "Wer hat das Schlankeste?". Auf der anderen Seite geht es zukünftig um die Qualität der Displays und die Auflösung der Kameras. Und natürlich muss man auf den Erfolg von Apples iPod mit Musik-Downloads reagieren.
SPIEGEL ONLINE: Senioren beschweren sich immer wieder darüber, dass sie die Tasten nicht richtig treffen oder die Zahlen nicht erkennen. Wie reagieren Sie darauf?
Skrypalle: Wir nehmen das sehr ernst und haben schon mehrere Studien dazu gemacht. Aber hier müssen Sie sehr vorsichtig sein. Wenn Sie sich allein nach ergonomischen Gesichtspunkten richten, wird das Handy plötzlich so groß, das die älteren Leute sagen: "Das mag ich nicht, ich will doch keine Prothese, ich will so ein schickes Handy haben wie meine Nichte." Das ist eine Gratwanderung.
Das Interview führte Carsten Matthäus