Handy-TV: Akustisch verstärkter Genickbruch - DER SPIEGEL
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Handy-TV Akustisch verstärkter Genickbruch

Das mobile Fernsehen, das uns schon zur Weltmeisterschaft beglücken sollte, lässt nach wie vor auf sich warten. Die Mobilfunkbranche ist uneins, ebenso wie die Politik. Dabei gibt es vielversprechende Technologien.
Von Jens Uehlecke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ausgerechnet jetzt tobt ein Gewitter über dem Pariser Vorort Boulogne-Billancourt. Blitze zucken über den Himmel, Regen prasselt gegen die verglaste Zentrale des Mobilfunkkonzerns Bouygues Telecom am Seine-Ufer. Eben noch hat Laurent Herbillon, bei Bouygues für neue Technologien zuständig, von der Zukunft geschwärmt: Bald schon könne man mit dem Handy fernsehen, wo man wolle – in der Metro, in der Schlange an der Supermarktkasse, sogar auf dem Klo. Doch jetzt, da er eines der ersten Fernsehtelefone vorführen soll, bleibt die kleine Mattscheibe schwarz. Selbst Aus- und Einschalten hilft nicht. Klick, klick – peinliche Stille. Schulterzuckend deutet er aus dem Fenster: "Bisher kommt das Signal vom Eiffelturm im Zentrum. Bei miesem Wetter gibt es hier noch keinen optimalen Empfang." Die Zukunft, so die Erkenntnis des Nachmittags, kommt nur bei Sonnenschein in die Vorstadt.

Die verkorkste Präsentation ist symptomatisch für das Chaos, das derzeit in der europäischen Mobilfunkbranche herrscht. Zwar beschwören die Konzerne seit Jahren das "TV to go" – das Fernsehen zum Mitnehmen. Doch wirklich ausgeklügelt ist die Technik noch nirgendwo in Europa. Bisher gab es nur einige Pilotversuche mit so genannten friendly users – freundlichen Testern, die nicht gleich meckern, wenn ihnen das Wetter das Bild verhagelt. So auch in Deutschland: Vor zwei Jahren wurde hier das erste Testprogramm vom Funkturm am Alexanderplatz ausgestrahlt. Damals versprachen die Beteiligten, das Handyfernsehen werde "spätestens zur Fußball-WM 2006 den Regelbetrieb aufnehmen".

Ein leeres Versprechen, wie kurz nach dem Anpfiff feststeht. Nach wie vor herrscht eher Ausnahmezustand als Regelbetrieb. Noch immer wird um technische Standards gerungen. Noch immer ist unklar, wer auf welchen Frequenzen senden darf. Und noch immer gibt es kaum passende Inhalte für die Minibildschirme. Nur die Mobilfunkkonzerne und ein paar PR-Agenturen geben noch vor, alles liefe nach Plan. Unverdrossen preisen sie das tolle Unterwegs-Fernsehen – und wecken Erwartungen, die sie nicht erfüllen können. Die Handyfirmen sind auf gutem Wege, das Vertrauen in eine Technik zu verspielen, die eigentlich vielversprechend ist.

Schließlich klingt es doch verlockend, dass man künftig überall fernsehen können soll, ohne ein Extragerät mitzuschleppen. Nie mehr die Lieblingsserie, nie mehr ein wichtiges Fußballspiel verpassen! Zudem steht das Handyfernsehen für ganz neue Unterhaltungsformate. Die lang gehegte Vision vom Mitmachfernsehen könnte endlich Wirklichkeit werden. Denn anders als die Flimmerkiste im Wohnzimmer verfügen Mobiltelefone serienmäßig über den nötigen Rückkanal. Per SMS und E-Mail können sich die Zuschauer direkt an Sendungen beteiligen – und werden Teil des Programms:

  • Wenn Günther Jauch in seiner Quizshow "Wer wird Millionär?" seinen Kandidaten zum Beispiel nach der Stillzeit von Kängurus fragt, könnte der bald den "Handy-Joker" einsetzen. Nicht das Publikum im Studio würde über die Antwort abstimmen, sondern die Zuschauer vor dem Handy.
  • Wenn im Werbeblock die Seychellen angepriesen werden, könnte ein Tastendruck genügen, um die Reise zu buchen – abgerechnet würde über die Handyrechnung. Dudelnde Warteschleifen wie beim Teleshopping wären Vergangenheit.
  • Und wenn in der 1000. Folge der Telenovela "Verliebt in Berlin" endlich aufgelöst werden soll, ob David Lisa, Lisa Rocco oder aber Rocco David kriegt, dann läge das vielleicht nicht mehr in der Macht der Drehbuchautoren. Sie müssten alle drei möglichen Enden schreiben – die Zuschauer würden in der Reklamepause entscheiden, welches sie sehen wollen.

Vor allem die Handynetzbetreiber versprechen sich von Szenarien wie diesen ein Riesengeschäft. Weil sie mit Telefonaten immer weniger verdienen, gilt mobiles Fernsehen als willkommene Geldquelle. Einerseits wollen sie – wie Kabelfernsehfirmen – eine monatliche Abogebühr für den Empfang verlangen. Andererseits hoffen sie, dass interaktive Sendeformate den Datenverkehr auf dem Rückkanal ankurbeln – und so noch einmal Geld einbringen.

Aber auch Sender und Produktionsfirmen spekulieren auf Profite. Schließlich ist der Handyfernseher keine Konkurrenz, sondern Ergänzung zur Flimmerkiste daheim. Eingeschaltet wird er wahrscheinlich nur, wenn gerade kein richtiger Fernseher in Sichtweite ist. Jeder Zuschauer am Handy ist also ein zusätzlicher Zuschauer. Gut für Einschaltquoten und Werbeumsätze.

Und die Handybesitzer? Bisher wurden fast nur jene handverlesenen "freundlichen Tester" befragt, die Prototypen ausprobieren durften. Und die waren natürlich begeistert.

Selbst wenn diese Ergebnisse wohl alles andere als objektiv sind, interessante Details bergen sie allemal: Laut dem französischen Sender Canal Plus, der sich auch an den Pilotversuchen in Paris beteiligt, beträgt die Sehdauer im Schnitt 20 Minuten am Tag. Dabei konzentrieren sich die Zuschauer nicht mehr auf nur eine Primetime, sondern auf drei. Sie schalten morgens zwischen 9 und 10 Uhr, mittags zwischen 13 und 14 Uhr sowie abends nach 20 Uhr ein. Also auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause und beim Heimfahren. Oft zappen sie nur für ein paar Minuten ins Programm. Ähnliche Erfahrungen hat der britische Mobilfunkanbieter O2 in Oxford gemacht. Seine 400 Tester wünschten sich mehr Häppchen – knappe Nachrichten, Zusammenschnitte von Sportereignissen oder Musikclips. "Eine Erkenntnis haben aber alle Studien gebracht", sagt Michael Lessig von der Unternehmensberatung Goldmedia in Berlin. Die Zuschauer erwarteten Sendeformate, die auf das Mobiltelefon zugeschnitten seien. "Davon hängt der Erfolg des Handyfernsehens ab." Das dreistündige Heldenepos im Breitbildformat ist nicht gefragt – die Drei-Minuten-Soap schon eher.

Lesen Sie im zweiten Teil: Wie muss ein Spezialprogramm fürs Handy aussehen? Erste Experimente gibt es bereits. Und: Welches Format wird sich durchsetzen? 

Ausgerechnet solche Inhalte sind aber noch Mangelware. Nur wenige Produktionsfirmen wollen in spezielle Sendungen investieren, solange es nicht genug Zuschauer gibt. Das würde sich Schätzungen zufolge erst ändern, wenn mindestens fünf Millionen Deutsche ein Fernsehhandy besäßen – laut Goldmedia ist das allerdings erst 2010 zu erwarten. Wieder einmal steht die Mobilfunkbranche vor einem Henne-Ei-Problem. Wie beim Start der UMTS-Netze fehlen geeignete Inhalte, um potenzielle Kunden zu überzeugen. Keine Inhalte – keine Nutzer. Keine Nutzer – keine Inhalte.

Nur wenige Studios experimentieren bislang mit passenden Inhalten. Die Ufa will im Sommer eine Handy-Soap namens "Kill your Darling" produzieren, Endemol und Brainpool planen ähnliche Projekte – doch lässt sich damit noch kein Rund-um-die-Uhr-Programm füllen. Zunächst wird man deshalb wohl auf das normale Fernsehprogramm ausweichen müssen. Auch auf die Gefahr hin, Zuschauer zu vergraulen: Wer will schon einen Nachrichtensender sehen, dessen Laufband am Bildschirmrand nur als rote Schliere zu erkennen ist? Und wer ein Fußballspiel, bei dem der Ball die Größe eines Pixels hat?

Zum Vorbild könnten sich deutsche Produktionen Fox Mobile Entertainment nehmen. Die eigens gegründete Firma des amerikanischen Senders Fox hat bereits fünf Serien für Mobiltelefone produziert, darunter Ableger erfolgreicher Sendungen wie "Simple Life", "Prison Break" und "24". Die Episoden des mobilen "24" etwa sind nicht wie das Original 45 Minuten, sondern nur eine Minute lang.

"Wir brauchen völlig andere Drehbücher", erklärt Mitch Feinman von Fox Mobile. Anders als bei normalen Serien dürfe es maximal zwei Handlungsstränge geben. Und der Film müsse sich auf das Wesentliche konzentrieren: Nach wenigen Sekunden fällt der erste Schuss. Schnitt. Ein Mann sackt in einer Blutlache zusammen. Schnitt. Ein paar Augenblicke später ist der Täter auf der Flucht im Auto. Schnitt. Und wird schließlich in einem Lagerhaus erschossen. Abspann.

"Für die Kameraleute gilt: Mehr Nahaufnahmen!", sagt Feinman. Wichtige Details müssen lange im Bild sein. In einer Folge von "Prison Break" verfolgt die Kamera etwa sekundenlang einen Beutel Kokain, damit auch der letzte Handyzuschauer begreift, worum es geht. Zudem wird am Set mehr Kunstblut gebraucht als in normalen Filmen – sonst würde man zum Beispiel Schusswunden auf kleinen Displays nicht erkennen. Dunkle Szenen werden aufgehellt, Soundeffekte wie Schüsse oder Türknarren verstärkt, damit sie auch in heller und lauter Umgebung verständlich sind.

Auch der Streit um technische Standards könnte interessierte Handynutzer davon abhalten, sich sofort ein Fernsehhandy anzuschaffen. Zuerst einmal gibt es die Kurzfilme und Filmschleifen, die aus den Online-Portalen für UMTS-Handys heruntergeladen werden können. Vodafone und T-Mobile vermarkten diese schon länger unter dem Begriff Mobile TV. Das klingt zwar hip, ist aber eigentlich falsch. Denn an jeden Zuschauer, der mit seinem UMTS-Telefon fernsieht, müssen Bild und Ton gesondert über das Datennetz geschickt werden. Das könnte sich bereits während der Fußball-WM rächen: Dann will T-Mobile auf diese Weise Live-Spiele auf das Handy bringen. Allerdings könnten schon ein paar hundert Zuschauer im Umkreis eines UMTS-Mastes dessen Kapazität sprengen. Statt Fußball live droht Fußballfrust.

Mit DMB und DVB-H, zwei Fernsehtechniken, die den Namen wirklich verdienen, kann das nicht passieren. Bei ihnen werden Programme, wie im Rundfunk üblich, nur jeweils einmal für alle ausgestrahlt. Ob einer oder Tausende zuschauen, ist egal. DMB (Digital Multimedia Broadcasting) wird bereits von 200.000 koreanischen Nutzern verwendet. Die Technik erweitert den erfolglosen Digitalradio-Standard DAB. Sie hat zwei Vorteile: Zum einen ließen sich die bundesweit verfügbaren DAB-Frequenzen einfach für das Handyfernsehen verwenden, zum anderen gibt es in einigen Teilen Deutschlands schon die notwendige Sendetechnik. Der Haken: In einem DMB-Netz lassen sich nur fünf Programme parallel ausstrahlen – keine üppige Auswahl.

Mit DVB-H (Digital Video Broadcasting for Handhelds) können dagegen problemlos rund 20 Kanäle übertragen werden. Außerdem lassen sich interaktive Inhalte nahtlos einbinden. Wie das aussehen kann, wurde bereits beim ersten Berliner Pilotversuch gezeigt. Während auf der linken Hälfte eines extragroßen Handybildschirms der Musikkanal Viva Plus flimmerte, erschien auf der rechten ein Menü, in dem die Zuschauer den Klingelton zum laufenden Videoclip bestellen oder über den nächsten Titel abstimmen konnten.

Zudem hat DVB-H noch eine zweite Tugend: Dank des so genannten Time-Slicings schont es den Handyakku. Anstatt alle Kanäle parallel auszustrahlen, werden die einzelnen Sendungen zerstückelt, zu kleinen Datenpaketen verpackt und im Rotationsverfahren ausgestrahlt. Zunächst das erste Programm, dann das zweite und so weiter – bis wieder das erste an der Reihe ist. Damit die Lieblingsserie nicht mit lauter Unterbrechungen über den Bildschirm flackert, werden die einzelnen Fragmente im Zeitraffer gesendet. Das heißt: Mit jedem Programmschnipsel überbrückt das Fernsehhandy die Pause bis zum nächsten Schnipsel. Der Vorteil: Der Fernsehempfänger muss sich nur alle paar Sekunden einschalten – und verbraucht daher weniger Strom.

Der schleppende Start des Handy-TVs hat schließlich noch einen dritten Grund: Nach wie vor ist unklar, wer die Lizenzen für den Sendebetrieb bekommt. Neben Firmen aus der Fernsehbranche haben sich die großen Mobilfunkkonzerne für DVB-H-Frequenzen beworben – zumindest in den Bundesländern, wo sie schon ausgeschrieben wurden. Denn die nötigen Lizenzen werden nicht bundesweit, sondern von den Landesmedienanstalten erteilt. Bis diese sich jedoch auf eine gemeinsame Lösung einigen, vergehen wohl noch Monate.

Als ziemlich sicher gilt jedoch, dass T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 den Zuschlag für ein DVB-H-Netz bekommen. Und zwar gemeinsam. Um noch während der WM überhaupt etwas auf die Beine zu stellen, arbeiten die vier an einem Demoprojekt. Allerdings nur für ausgewählte Kunden und nur in Hamburg, Berlin, München und Hannover. Anschließend soll nach Plänen der Medienanstalten eine dreijährige Erprobungsphase beginnen – und dann endlich der Regelbetrieb.

Parallel will die bislang unbekannte Firma Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD) bis zum Ende der WM in bis zu zehn Städten mit der Ausstrahlung über das DMB-Netz beginnen. Neben N24 und ZDF sollen ein Kanal mit Comedy-Inhalten von ProSieben und Sat.1 sowie ein Programm mit Musikclips von MTV auf Sendung gehen. Die Lizenzen für eine drei- bis achtjährige Erprobungsphase hat das Unternehmen in zwölf Bundesländern erhalten. In den Genuss dieses Angebots kommt allerdings nur, wer einen Vertrag mit der Mobilfunkfirma Debitel abschließt – und ein DMB-Handy ergattern kann. Da nur die drei koreanischen Hersteller Samsung, LG und Perstel entsprechende Geräte herstellen, könnte das schwierig werden.

Umsonst wird es das Fernsehen zum Mitnehmen wohl keinesfalls geben. Denn wie beim Bezahlfernsehen sollen die Programme verschlüsselt ausgestrahlt werden. Angedacht sind derzeit für beide Netze Gebühren von rund zehn Euro im Monat.

Ob sich davon viele Handybesitzer verführen lassen, solange nicht klar ist, wo sie Empfang haben werden, welcher Standard sich durchsetzt und wann es endlich passende Inhalte gibt? Laut einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag von ZEIT Wissen wollen sich bisher nur 7,6 Prozent der Deutschen ein entsprechendes Mobiltelefon kaufen, wenn das Handyfernsehen endlich auf Sendung geht.

Um mehr Begeisterung zu wecken, sollten die Konzerne dafür sorgen, dass ihre Handys bei künftigen Vorführungen tadellos funktionieren – bei jedem Wetter. Wie das geht, machen die Presseleute von Canal Plus vor, deren Büro auch in einem Pariser Vorort liegt. Sie laden Besucher in ein kleines Bistro an der Place de l’Alma im Pariser Zentrum ein – und demonstrieren ihre Fernsehhandys mit Blick auf den Eiffelturm.

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