Handy-TV: Im Osten geht die Sonne auf - DER SPIEGEL
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Handy-TV Im Osten geht die Sonne auf

Südkorea hat bei interaktiven Anwendungen für breitbandigen Mobilfunk die Nase vorn. Dort brummt bereits das Geschäft mit mobilem Handy-TV, das uns flächendeckend frühestens im nächsten Jahr erwartet. In Potsdam versuchten deutsche Mobilfunkentwickler, von den Koreanern zu lernen.
Von Helmut Merschmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchen mag es absurd erscheinen, sich beim Warten an der Bushaltestelle schnell ein Video auf dem Handy anzuschauen.

Koreanern nicht. Seit geraumer Zeit senden sie sich Flirtgrüße als Kurzvideo zu, schauen Ein-Minuten-Dramen und animierte Mangas, laden witzige Handy-Spiele herunter und absolvieren Charaktertests auf dem Mobiltelefon. In Sachen technologischer Innovation ist Südkorea ein regelrechtes Musterland. Ob Mobilfunk der dritten Generation (UMTS), Wireless LAN oder mobiler Rundfunk - im fernen Osten, wo die Sonne aufgeht, ist man den hiesigen Verhältnissen ein gutes Jahr voraus - wobei natürlich nicht jeder Trend überhaupt hier ankommt.

Auf dem "Mobile Entertainment Summit" an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg stellte vergangene Woche Minzheong Song, Strategie-Managerin bei Korea Telecom, den koreanischen Mobilfunkmarkt vor. "Mobiler Content ist ganz groß in Korea", sagt Song. 3,3 Milliarden Dollar werden dort bereits mit multimedialen Diensten für das Handy erzielt. Hierzu zählen Games, Multimedia Messages, Klingeltöne, mobiles Fernsehen, digitale Communitys, Avatare, Tickets und Lotterien. Hierzulande kommt der Markt an Mobile Content, der im Grunde nur aus Klingeltönen, Spielen und Logos besteht, laut GfK-Statistik auf insgesamt 700 Millionen Euro im Jahr.

Eigener Satellit sichert Handy-TV-Empfang

Paradiesische Zustände dagegen für Technikfreak in Korea: Längst gibt es dort mobile Musik in hoher Qualität, Musikvideos, Karaoke-Spiele und Tanzlektionen mit 3D-Charakteren - alles fürs Handy. Die neuesten Spielfilme können als zehnminütige Anreißer betrachtet und Fernseh-Soaps zum Teil noch vor ihrer TV-Ausstrahlung auf dem Handy empfangen werden. Im März 2004 nahm ein spezieller Satellit für Digital Multimedia Broadcasting (DMB) seinen Dienst auf. Ein Werbeclip verheißt: "Ein neuer Rundfunk, der die Schranken von Raum und Zeit überwindet".

Seitdem ist der Boom von DMB-Empfängern in koreanischen Handys, Digitalkameras und als Laptop-Steckkarte nicht mehr zu bremsen. Für 20 Dollar Anschlussgebühren und monatliche Kosten in Höhe von 13 Dollar hatten im August dieses Jahres bereits 140.000 Koreaner den Dienst abonniert. Neun Videokanäle, darunter Nachrichten, Musik, Spielfilme und Sport, sowie 25 Audiokanäle stehen zur Verfügung. Schon die Tatsache, dass auf dem koreanischen Markt jährlich 400 verschiedene Handys angeboten werden, zeigt, dass der technologische Wind dort etwas stürmischer weht.

Völlige Windstille lässt sich aus Deutschland freilich auch nicht vermelden. Mobile TV ist auch hier im Kommen. Allerdings in sanften Böen. Seit November 2004 wartet der Mobilfunkbetreiber Vodafone mit einem entsprechenden Angebot auf der Basis von UMTS auf. Vier Live-Kanäle und elf weitere mit Loops, wo Videos in Endlosschlaufe gespielt werden, stehen bereit. Der Nachteil von UMTS liegt jedoch darin, dass je mehr Empfänger sich in einer Funkzelle aufhalten, desto geringer die Bandbreite wird. Mobiles Fernsehen via UMTS, könnte man sagen, funktioniert nur so lange, wie es keine massenhafte Verbreitung findet. Ein nicht allzu zweckmäßiges Geschäftsmodell.

Deutschland: DVB-T statt UMTS

Infolgedessen setzen die hiesigen Mobilfunkanbieter auf DVB-H, dem Konkurrenzprodukt zum asiatischen DMB. "Langfristig fahren wir mit DVB-H am Besten", sagt Christina Hirsch, Produktmanagerin bei Vodafone. "Digital Video Broadcast via Handheld", wie die Technologie voll ausbuchstabiert heißt, basiert auf dem in einigen Ballungsräumen wie Nordrhein-Westfalen und Berlin schon vorhandenen digitalen "Überallfernsehen", dem terrestrischen DVB-T. Zur Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr soll dann auch DVB-H zur Verfügung stehen. Aus Kostengründen wollen die Mobilfunker bei diesem Service miteinander kooperieren und gemeinsam einen DVB-T-Kanal bei den Landesmedienanstalten buchen. Darin passen bequem etwa 20 DVB-H-Kanälchen, die wegen der kleinen Handydisplays entsprechend weniger Bandbreite benötigen.

Während der Internationalen Funkausstellung in Berlin lief ein Pilotprojekt, das vier Kanäle mit jeweils 400 Kilobit (350 für Video und Ton, 50 für Zusatzinformationen) umfasst und die interaktiven Möglichkeiten von DVB-H ausgetestet hat. So lief beispielsweise parallel zur Ausstrahlung der Sat.1-Telenovela "Verliebt in Berlin" (ViB) ein Quiz (Frage: "Wohin gingen Lisa und Anna, um ihren Ärger auf Tino und Alexander loszuwerden?"), an dem über einen Rückkanal teilgenommen werden konnte. ViB-Badeschlappen oder eine DVD-Box mit der ersten Serienstaffel ließen sich über das Shopping-Portal bestellen. Weitere Kanäle versorgen die Teilnehmer mit Staumeldungen von "Auto-Bild" und Nachrichten von Sat.1.

Umfragen zufolge sind deutsche Kunden bereit, zwischen fünf und 15 Euro zusätzlich für breitbandige mobile Inhalte auszugeben. Vor allem die junge Klientel zwischen 18 und 22 Jahren interessiert sich dafür. Und so überlegen sich die Mobilfunker, mit welchen Anwendungen sie die junge Kundschaft ansprechen könnten. O2 will 2006 ein iMode-Portal einführen, weil dies schneller ist als WAP-Portale. "Im Mobilfunk zählt Geschwindigkeit durch Verzicht auf Visualität", sagt Tanja Wallrabenstein, bei O2 verantwortlich für Mobile Services. Damit die bei O2 vorrätigen 350.000 Musiktitel in WMA-Qualität per "Impulskauf" den Besitzer wechseln, sei ein schnelles, reibungslos funktionierendes Interface notwendig.