Hausbesuch bei Steinberg Jedermann ist DJ
Hamburg - Aufnahme, Arrangement und Abmischen: Die professionelle Musikproduktion ist ohne den Computer nicht mehr denkbar. Die Stimme einer Sängerin, das Solo eines Pianisten oder Klänge von virtuellen Instrumenten - alles wird mit den immer raffinierteren Werkzeugen der digitalen Musikbearbeitung so lange geschliffen, bis das Soundergebnis perfekt ist. "Deswegen kann man auf einer CD gar nicht mehr eindeutig beurteilen, ob jemand gut singen kann", sagt Manfred Rürup, dessen Hamburger Unternehmen Steinberg zu den führenden Anbietern von Musiksoftware gehört.
"Wir waren die Ersten, die die Musikproduktion auf dem Computer möglich und populär gemacht haben", sagt Karl Steinberg, der im Vorstand für die Technik zuständig ist. Ein Jahr vor der Firmengründung 1984 experimentierte er als Tontechniker in einem Studio im schleswig-holsteinischen Wilster mit dem neuen MIDI-Standard, der das Zusammenspiel von Tastatur und Tonerzeuger steuert. Damals kam auch der erste MIDI-Synthesizer heraus, der in der Musikszene legendäre Prophet 600. "Da haben wir ein Kärtchen für den Commodore C64 gebaut, um MIDI zu unterstützen", erinnert sich Steinberg.
Die beiden Firmengründer Steinberg und Rürup zogen durch die Musikgeschäfte der Region, wo sich die Begeisterung aber zunächst in Grenzen hielt. Erst mit dem Atari, in dem MIDI bereits integriert war, kam der Erfolg - und der Wettbewerb mit ersten Konkurrenten in Deutschland wie in den USA, die mit dem Macintosh-Rechner eine neue spannende Plattform erhielten.
"Ende der achtziger Jahre kam Audio auf den Mac", erinnert sich Vorstandsvorsitzender Rürup, "erst mit zwei, dann mit vier Spuren. Damals begann man damit, Gesang und Gitarre aufzunehmen. Alles andere wurde über MIDI dazu gespielt."
Heute ist die Steinberg Media Technologies AG ein Unternehmen mit rund 210 Mitarbeitern, von denen 50 in der Software-Entwicklung tätig sind. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 77 Prozent auf 44 Millionen Mark. Davon entfielen 18 Prozent auf Software-Produkte für Musik-Liebhaber im so genannten Consumer-Markt - mit steigender Tendenz.
Mit seinem Flaggschiff Cubase VST ist Steinberg Marktführer bei Software für den professionellen Musiker. VST steht für "Virtuelle Studio-Technologie", mit der Steinberg einen offenen Standard zum Einbinden von virtuellen Instrumenten in die Musiksoftware geschaffen hat.
Das können Software-Synthesizer, Sampler oder Drum-Maschinen sein. Cubase macht den PC oder den Mac zum digitalen Studio mit 128 Audiospuren, die im Arrangement-Fenster in senkrechter Abfolge dargestellt sind und mit vielfältigem Tonmaterial belegt werden.
Für die professionelle Musikbearbeitung kann man nie zu viel Audiospuren haben. So werden etwa Aufnahmen eines einzigen Instruments auf mehrere Spuren verteilt. Weitere Kanäle werden dann für unterschiedliche Effekte benötigt. 200 Spuren und mehr können im Spitzenprodukt von Steinberg belegt werden: Das im vergangenen Jahr eingeführte Programm Nuendo ist vor allem für die Vertonung von Filmen und Computerspielen gedacht. Besonderes Highlight von Nuendo ist die Gestaltung des Surround-Klangs: Hier können die Audio-Signale mit der Maus frei in einem fiktiven Klangraum platziert werden, der beim Surround-Format 7.1 von acht Lautsprechern bestimmt wird. Einzelne Klänge können sich dann im zeitlichen Ablauf der Musik von einem zum anderen Lautsprechern bewegen.
"Inks, inks, inks, inks": Techno brachte den Durchbruch
Solche Hightech-Möglichkeiten der digitalen Musikbearbeitung waren lange Zeit den professionellen Anwendern vorbehalten. "Jetzt dringt das in die privaten Wohnzimmer vor und wird dadurch immer populärer", sagt Rürup. Einzelne Bearbeitungsschritte, die bisher auf einem PC quälend lange Minuten in Anspruch genommen haben, können auf einem schnellen Pentium-III jetzt in Echtzeit erlebt werden. Mit Techno und HipHop sind zudem Musikrichtungen aktuell geworden, denen die Musikbearbeitung am Computer sehr entgegen kommt. "Nur Grunge war nicht so gut für uns", scherzt der Steinberg-Chef.
Mit einer abgespeckten Version von Cubase, Cubasis genannt, erfüllt Steinberg die Bedürfnisse der Party-Generation, die aus Loops und Samples ihre eigene Musik komponiert. Auf den MP3-Boom reagiert Steinberg mit Produkten wie My MP3 und Get it on CD. Die Software Clean! macht das Überspielen von alten Schallplatten auf die CD möglich.
Im Consumer-Markt will Steinberg dem Marktführer Magix verstärkt Paroli bieten. So hat das Unternehmen auch Internet-Foren eingerichtet, wo die Anwender gemeinsam Stücke arrangieren und austauschen können - in diesen "Rocket Studios" haben sich bisher 30.000 Musikfreunde registrieren lassen.
Die künftige Entwicklung der Musik-Software geht in verschiedene Richtungen. So werden ständig neue Effekte und virtuelle Instrumente entwickelt. Dabei sind auch Instrumente mit ganz neuen Klangfarben vorstellbar. Beim "Physical Modelling" etwa werden elektronische Körper entwickelt und dann in Schwingung versetzt. "So kann ich mir eine Trompete bauen, die 20 Meter lang ist - alles ist vorstellbar", meint Rürup.
Ein weiteres Ziel der Programmierer besteht darin, digitale Aufnahmen in Audio-Formaten wie Wave oder MP3 direkt in Notenschrift umzusetzen - so wie das bei MIDI schon immer möglich ist. "Dieses Problem ist noch nicht gelöst, da stehen wir noch ziemlich am Anfang", sagt Rürup. Vielleicht kommt dem hanseatischen Tüftler Steinberg ja eine gute Idee im heimischen Keller: "Da habe ich noch ein gutes Studio, in das ich mich abends immer gern zurückziehe."
Peter Zschunke, AP