Hightech: Genialität auf dem Schlachtfeld - DER SPIEGEL
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Hightech Genialität auf dem Schlachtfeld

Das kriselnde Silicon Valley hofft auf einen neuen Goldrausch ­ als patriotischer Ideenlieferant der Anti-Terror-Allianz.
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achdem Tora Bora gefallen war, formierte sich im Silicon Valley die Hightech-Truppe zur Vaterlandsverteidigung. "Meine Damen und Herren, dies ist unsere Antwort auf Bin Laden", rief Entwickler Hugh Duffy den 500 Konferenzteilnehmern zu: "der digitale Landkrieger!" Prompt hechtete ein Soldat in Kampfmontur auf die Bühne des Hotels Fairmont im kalifornischen San José und richtete sein Gewehr auf die Kronleuchter.

Kabel baumelten um die Hüfte, von der Schulter ragte eine fingerdicke Antenne, vor dem Auge ein Bildschirm, auf der Waffe eine Kamera. Dieser hochgerüstete Terminator-Look soll die Feinde Amerikas das Fürchten lehren.

Im Tarnanzug steckt ein Computersystem, mit dem sich Soldaten im Schlachtfeld zum drahtlos-lokalen Netzwerk verbinden können. "Damit wird die Infanterie so unbesiegbar wie die Air Force", schwärmte Duffy. Und wem sei das zu verdanken? Vor allem der Überlegenheit der US-Hightech-Schmiede im Silicon Valley.

Jahrelang hatte die traditionelle Rüstungsfirma Raytheon an dem Prototyp gebastelt, Duffys Firma Pacific Consultants in Mountain View, die Anfang 2000 den Auftrag erhielt, legte ihr erstes Modell nach zwölf Wochen vor. "Statt alles selbst zu entwickeln, sind wir zum Elektronikmarkt gegangen, haben die Komponenten gekauft, mit Kaugummi und Spucke verklebt und eine Software dazu entwickelt." Floyd Kvamme, technischer Berater des US-Präsidenten, ist entzückt von der Zupackmentalität: "Unsere Genialität wird uns auf dem Schlachtfeld und daheim zum Sieg verhelfen und zu neuem Wirtschaftswachstum." Die Zuhörer applaudierten erleichtert.

Manche erahnen bereits einen zweiten Goldrausch: Sicherheits- und Biotechnik statt Dot.coms, solide Staatsaufträge statt launischer Investoren. Das Startkapital für den ersehnten Bin-Laden-Boom liegt bereit: Allein für den Anti-Terror-Kampf im eigenen Land gibt die US-Regierung über 20 Milliarden Dollar aus, weitere 33 Milliarden Dollar für die Verteidigung.

Fast über Nacht wandelten sich die Gameboys von der Westküste deshalb zu Cyberkriegern. Das Silicon Valley hüllte sich patriotisch in Stars and Stripes, entschlossen, aufzuerstehen aus den Ruinen des World Trade Center.

Oracle-Chef Larry Ellison mutiert zum unternehmerischen Oberpolizisten und will ein nationales Identifikationssystem mit biometrischen Daten aufbauen. Die Golden Gate University bietet seit Januar den Studiengang "Digitale Sicherheit" an.

Die diese Woche in San José stattfindende Messe zu e-Sicherheit meldet Ausstellerrekord. Über 200 Firmen, darunter auch Infineon und SAP, stellen neue Technologien vor, von Hacker-Abwehr bis zum Schutz gegen Cyber-Angriffe.

"Das Valley mit seinen Werten ist der perfekte, vertrauenswürdigste Partner", wirbt Blake Konczal, Direktor der California Workforce Association, einer Hightech-Förderorganisation in San José. "Wo sonst wird Kapitalismus in solcher Reinform praktiziert?"

Also wird aufgerüstet. Software, die für Paketdienste zur Verfolgung ihrer Päckchen geschrieben wurde, dient nun zur Überwachung von Gefahrentransporten. Allein bei der US-Flugaufsichtsbehörde gingen seit dem 11. September über 20 000 Vorschläge für Flugsicherungssysteme ein. Die Firma InVision Technologies erhielt einen Auftrag über 16,3 Millionen Dollar für Durchleuchtungsgeräte, die Sprengstoff im Gepäck entdecken können, was die Aktie des kleinen Unternehmens von 3,11 Dollar auf knapp unter 40 Dollar steigen ließ.

Auf solche Sprünge hofft auch die Firma Sybersay, die Hörgeräte herstellt, mit denen Flugbesatzungen über verdächtige Bewegungen in der Kabine informiert werden können. Zur Erkennung von Bioattacken bietet die Firma Cepheid aus Sunnyvale eine tragbare Anthrax-Analysestation, die erstmals bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City eingesetzt wird und in weniger als 30 Minuten Killerviren identifizieren soll.

Die Firma PurePulse Technologies in San Diego bringt solche Erreger dann zur Strecke. Durch extrem helles UV-Licht wird das Erbgut von Viren und Bakterien zerstört. Und die Software von Meta Edge liefert im Fall einer Bioattacke alle zur Bekämpfung relevanten Infrastrukturdaten, etwa verfügbare Impfstoffe und Krankenhäuser, direkt auf den Handcomputer.

Den Cyberspace verteidigen Firmen wie Recourse Technologies mit Anti-Hacker-Programmen namens "Menschenjagd" oder "Menschenfalle". HNC Software aus San Diego spürt Geldwäsche und Betrug auf.

Die Angebotspalette scheint unendlich. Landkrieger-Vater Hugh Duffy sieht einen gewaltigen Wachstumsmarkt entstehen: "Hier werden Start-ups in den nächsten Jahren viel Geld verdienen", prophezeit er. Statt Business-to-Business heißt es nun eben Businessto-War. "Rüstung ist ein tolles Geschäft", rief er von der Bühne. Erst, als die Regierungsvertreter die Tagung verlassen hatten, erzählte er von den Kulturproblemen, die auf die schnellen Hightech-Jungs aus dem Silicon Valley mit der neuen Kundschaft zukommen.

Nun dauere es drei bis vier Jahre, ehe das Militär Duffys Landkrieger nach unzähligen Tests in die Schlacht ziehen lässt. Zu lange für ein Valley-Wesen wie ihn: Duffy verkaufte seine Firma Pacific Consultants mittlerweile an den Multi Pemstar.

MICHAELA SCHIESSL