Hilferuf aus Norwegen Hacker, bitte knackt unsere Passwörter!
Ottar Grepstad kann sich seine Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Der Direktor der norwegischen Kulturorganisation "Ivar Aasen" wandte sich letzte Woche im Rundfunk an die Hacker im Lande, ihm und der norwegischen Kultur doch bitte einen kleinen Gefallen zu tun: Die Zugänge zu Teilen der digitalen Archive der Organisation müssten endlich geknackt werden. Seitdem "erntete" er mehr als 80 Reaktionen von Hackern aus aller Welt, die ihm teils gegen Zahlung, teils um der lieben Ehre willen, gern helfen wollen.
Die Ivar-Aasen-Organisation, die sich der Sammlung und Pflege der norwegischen Schriftsprache(n) verschrieben hat, baut seit mehreren Jahren an einer Quellensammlung, zu der niemand mehr Zugang hat. Peinlich ist das, aber irgendwann musste es auf den Tisch: Ende der Neunziger verstarb der Archivverwalter der Kulturorganisation, Kopien der geheimen Passwörter hatte er nirgendwo hinterlegt. Seitdem bemühten sich Mitarbeiter des Instituts vergeblich, die durch die Passwörter des Verstorbenen blockierten Bereiche der Archive zu knacken.
- Nynorsk Kultursentrum Ivar Aasen
- "Dead Man's Switch":Versendedienst für "Ich muss wohl tot sein"-Nachrichten
Dabei geht es in erster Linie um den Zugang zu den umfangreichen Katalogen. Wie umfangreich diese sind, macht Direktor Grepstad an einem Beispiel klar: Allein im Jahr 2000 erwarb das als Nationales Zentrum für Norwegische Kultur und Sprache firmierende Institut rund 2000 Bücher, die in eben jenes geschützte Katalogwerk Eingang finden sollten.
Prinzipiell wäre ein Wiederaufbau des digitalen Archives möglich, würde aber enorme personelle wie finanzielle Ressourcen fressen: Ivar Aasen sammelt seit 1991. Grepstad schätzt den Aufwand für eine Rekonstruktion im kommenden "New Scientist" auf etwa ein volles Jahr Arbeit für eine Vollzeitkraft.
Hacker hilf, wir kommen nicht rein
Nun also der Hilferuf, nachdem sich die IT-Fachleute des Instituts die Zähne an den Passwörtern ausgebissen hatten. Grepstad: "Die üblichen, wie Namen von Familienangehörigen und Haustieren, haben wir durch".
Nun hängt alles davon ab, wie das Passwort beschaffen ist: Sinnvolle Worte sind tendenziell leichter zu "knacken" als willkürliche Zeichenabfolgen, wie sie von Sicherheitsfachleuten empfohlen werden. Der Fall wirft eine prinzipielle Frage auf: Wie ist mit solchen Passwörtern umzugehen? Viele Firmen greifen auf eine schriftliche Hinterlegung an einem sicheren Ort zurück - primitiv, aber effektiv.
"Wired" bringt eine Software ins Gespräch, die als "Dead Man's Switch " fungieren soll: Auf dem Rechner hinterlegt aktiviert sie sich, wenn der Rechner innerhalb des passwortgeschützten Bereiches für eine vorgegebene Zeit nicht genutzt wird. Sie verschickt dann "Ich muss wohl tot sein"-Nachrichten, die auch Passwörter enthalten können, an vorgegebene Adressen und beginnt damit, vordefinierte, als "persönlich" gekennzeichnete Bereiche der Festplatte zu verschlüsseln.
Peinlich wird das, wenn man die Software nicht deaktiviert, bevor man in den Urlaub fährt, merkt auch "Wired" süffisant an. Da erscheint die analoge Methode am Ende doch sicherer: Passwort in den Briefumschlag, diesen sicher hinterlegen.
Die sicherste Methode jedoch dürfte sein, Herrschaftswissen erst gar nicht zuzulassen: So sensibel konnten die Infos ja wohl kaum sein, die der verstorbene Angestellte der Ivar-Aasen-Institution hier zu verwalten und zu schützen hatte: Das Archiv erfasst linguistische Fachbücher zur norwegischen Sprache.