i-mode, nicht E-Mode: Von Japan lernen? - DER SPIEGEL
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i-mode, nicht E-Mode Von Japan lernen?

Die taumelnden Telekom-Riesen blicken - nach Wap-Flop und Finanzdesaster UMTS-Versteigerung - neidisch gen Nippon. Dort hat sich "i-mode" zur "Killerapplikation" gemausert. E-plus plant den Import nach Deutschland.
Von Niels Gründel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kann die angeschlagene Telekommunikationsbranche von Japan lernen? Dort räumt "i-mode" so ab, wie sich dies Telco-Manager hier zu Lande für Wap und UMTS erträumt haben. Doch die Voraussetzungen sind grundverschieden.

Erfolgsgeheimnis Nummer eins:
Versprich nichts, was du nicht halten kannst.

In Japan beherrscht der Riese NTT DoCoMo  mit rund 60 Prozent unangefochten den Mobilfunkmarkt, während sich in Deutschland Konkurrenten vergleichbarer Stärke gegenseitig blutige Nasen verpassen.

Der Start des Dienstes i-mode war vor allem von großer Sachlichkeit geprägt. Von mobilem Internet war keine Rede, stattdessen sprachen die Entwickler stets von mobilen Diensten für das Handy. Das Versprechen hat man im Land der untergehenden Sonne auch gehalten. Heute nutzen mehr als 27 Millionen Japaner den mobilen Handydienst.

Erfolgsgeheimnis Nummer zwei:
Man braucht ein Geschäftsmodell, das auch zu verstehen ist.

Das Geschäftmodell von i-mode ist so simpel wie erfolgreich: Es basiert auf einer offenen Plattform, in die mehr als 800 Partnerunternehmen ihre Angebote einstellen. Mehr als 40.000 i-mode-Seiten sind verfügbar. NTT DoCoMo verdient an jeder Transaktion und übernimmt gleichzeitig die Abrechnung für die Content-Anbieter, ohne dabei das Risiko von Fehlschlägen bei der Produktentwicklung tragen zu müssen.

Lange hat es gebraucht, bis das mobile Internetzeitalter hier zu Lande entzaubert war: Nach dem anfänglichen Wap-Hype kam der Absturz ins Bodenlose. Noch heute weiß kaum ein Handybesitzer die Wap-Funktionalität seines Gerätes zu nutzen. Und diejenigen, die es einmal getan haben, schrecken spätestens vor den Kosten und der umständlichen Bedienung zurück.

"Die Nutzung von WAP-Diensten in Deutschland macht einfach keinen Spaß", so Thorsten Wichmann, Geschäftsführer von Berlecon Research.

Erfolgsrezept Nummer drei:
Inhalt statt Technik.

Zwar ist auch i-mode mit 9600 Bit/s extrem langsam, aber immerhin sind die Geräte für eine Grundgebühr von rund fünf Mark im Monat ständig online. Abgerechnet wird nach abgerufener Datenmenge. Im Frühjahr wird man die Datenrate auf 28.800 Bit/s anheben, damit die kleinen Musik- und Videofiles noch flüssiger übertragen werden.

Die Branche müsste wahrscheinlich weniger über technische Standards streiten, wenn sie die Inhalte in den Vordergrund stellen würde. Mit i-mode lassen sich kurze E-Mails versenden, Bilder und Klingeltöne herunterladen, Fahrpläne einsehen und Tickets buchen. Häufig können die Kunden auch ihr Bankkonto verwalten und Aktien ordern. Beliebt sind zudem kurzweilige Informationsangebote, Comics und Spiele. Vom Start weg gab es ausreichend viele Mobiltelefone. Alle sind leicht zu bedienen und lassen kaum Wünsche offen. NTT DoCoMo nimmt maßgeblichen Einfluss auf die Geräteentwicklung und garantiert auch, dass alle Angebote problemlos funktionieren.

i-mode kommt nach Deutschland

In Deutschland wird E-Plus die Dienste entwickeln und zum Jahreswechsel einführen. Markus Gehmeyr, Pressesprecher bei E-Plus, ist optimistisch, dass das Angebot auch in Deutschland ein voller Erfolg wird. Gehmeyr: "i-mode bietet den Kunden mobiles Internet, wie sie es wünschen: schnell, farbig und mit stets aktuellen Inhalten. Außerdem lässt sich i-mode einfach bedienen, ist preisgünstig und transparent. Kurz: i-mode leistet das, was die Kunden heutzutage wünschen. Präzise Informationen in kleinen, schnell gelieferten Mengen, die Spaß machen."

Mit der jetzt beginnenden Einführung von GPRS ("General Packet Radio Service") ist sogar eine Beschleunigung für mobile Datendienste in Sicht. Doch noch fehlen einfache, etablierte Abrechnungslösungen, über die sich Einnahmen für Provider und Content-Anbieter erzielen lassen. "Zurzeit funktionieren die Geschäftsmodelle aus dem Internet im mobilen Bereich noch nicht. Für Bannerwerbung und Ähnliches sind die Displays zu klein, und M-Commerce, das heißt Verkauf, Buchung oder Bestellung über mobile Endgeräte, ist noch von zu geringer Bedeutung, um als Ertragsquelle interessant zu sein", so Wichmann.

Mit entsprechenden Abrechnungsmodellen konnten sich in Japan Start-ups etablieren, während in Europa viel versprechende Anbieter wie Citikey oder Starwap Konkurs mussten, weil keine ausreichenden Einnahmen abzusehen waren.

Die entscheidende Frage lautet daher, ob die Mobilfunkprovider ein derart einfaches Modell wie das japanische Abrechnungsverfahren einführen, bei dem auch der Content-Anbieter eine Überlebenschance hat.

Fraglich ist auch, ob die Deutschen überhaupt vergleichbare Bedürfnisse haben wie die Japaner, die oft stundenlange Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte im gut ausgebauten Pendlernetz in Kauf nehmen. Viel Zeit, die man nutzen kann. Oder totschlagen.